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Wenn im Herzen die Mauern fallen

Nur Liebe lässt Grenzen verschwinden. Die Geschichte eines Dorfes, in dem sich Tschechien und Deutschland das Ja-Wort gaben.
Von Michael Gruber

Jana Dirriglová wacht über 127 Bürger in Loucim. Der einzige Deutsche heißt Günther – ihr Ehemann. Fotos: Gruber
Jana Dirriglová wacht über 127 Bürger in Loucim. Der einzige Deutsche heißt Günther – ihr Ehemann. Fotos: Gruber

Loucim.Es ist wieder Ruhe eingekehrt in der Amtsstube von Jana Dirriglová. Obwohl – so richtig hektisch geht es eigentlich nie zu im Rathaus von Loucim. Zwei Mal die Woche empfängt die 47-jährige ihre Bürger zur Sprechstunde. Wann die nächste Leerung der Klärgrube ansteht, die hier jedes Haus noch im Garten hat – oder wann der Sportverein wieder einmal trainiert, sowas interessiert die Menschen in dem kleinen tschechischen Dorf, knapp zehn Kilometer hinter der deutschen Grenze. Dirriglová blickt vor Feierabend ein letztes Mal auf ihre kleines Reich: Die Bergrücken von Arber, Osser und Hohenbogen türmen sich am Horizont, ein kleiner Fischteich in der Dorfmitte, das Wirtshaus, die Kirche, der Bahnhof. Noch alles da – auch die 127 Einwohner ihrer Gemeinde – vollzählig. Moment mal. Einer fehlt. Der einzige Deutsche in Loucim.

Für Jana Dirriglová ist Heimat der Ort, an dem die Liebe hinfällt.
Für Jana Dirriglová ist Heimat der Ort, an dem die Liebe hinfällt.

Er heißt Günther Dirrigl, arbeitet für eine Spedition und stammt eigentlich aus Furth im Wald. Lange Zeit war er dafür zuständig, die Zollabwicklung für die Lastwägen zu koordinieren, als kurz hinter Schafberg noch zwei Galaxien aufeinanderprallten. Hier die D-Mark, Kohl und Strauß, Bild und BMWs, die bunte Wunderwelt des Westens und drüben die Andern. Der rostende Sozialismus, Kolchosen, rußende Skodas, Holzkohlegeruch.

Das alles sollte sich ändern, als Prager Studenten im November 1989 auf die Straße gingen. Was später als Samtene Revolution in die Geschichtsbücher eingehen würde, veränderte das Bild, das Günther Dirrigl vor seinem Büro an der Zollstation sah. Der Schlagbaum stand offen, die Nachbarn beschnupperten sich, manche drehten wieder um, andere nicht. Wo früher das Ende der Welt war, stand ein Neuanfang – und im Büro von Günter Dirrigl eine neue Kollegin. Und wenn etwas keine Grenze kennt, dann die Liebe.

Hochzeit in Furth und Domažlice

Vor 21 Jahren gaben sich die beiden das Ja-Wort. Standesamtlich in Furth im Wald. Die kirchliche Trauung feierten sie mit Freunden und Verwandten in Domažlice. Heute lebt die Familie in einem Haus in Loucim, eine Gemeinde zwischen Domažlice und Klatovy, 30 Autominuten entfernt vom Grenzübergang Schafberg. Hier sind die drei Töchter des deutsch-tschechische Paars zweisprachig groß geworden. Die Älteste hat inzwischen in Prag ein Studium zur Dolmetscherin begonnen. „In unserem Alltag pendeln wir ständig zwischen den Grenzen“, sagt die 47-jährige Tschechin. „Sehen tun wir sie schon längst nicht mehr.“ Ihr Arbeitsweg – und der ihres Mannes führt sie täglich über die Grenze zweier Nationen, die sich nach über 25 Jahren näher gekommen sind und trotzdem immer noch viel voneinander lernen könnten. Deshalb beschloss Dirriglová vor 16 Jahren aktiv zu werden. Sie trat dem Gemeinderat bei, holte ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften nach, als sie mit ihrer jüngsten Tochter schwanger war. Sie wollte mitreden, wenn es um Entscheidungen geht, die für die Zukunft des Dorfes zählen.

Der Ort

  • Gemeinde:

    Loucim ist eine kleine Gemeinde an der Fernstraße 22, die von Domažlice nach Klatovy führt. Sie gehört zur Region Pilsen, zählt 127 Einwohner und hat zwei Vereine, einen Sportverein und die freiwillige Feuerwehr.

  • Kommunen:

    Kommunen in Tschechien sind anders als hierzulande nicht an Landkreise gebunden. Geldmittel werden zentral von Prag aus zugewiesen.

  • Partnergemeinde:

    Neukirchen b. Hl. Blut ist die Partnergemeinde des Ortes. Gemeinsames Band ist die Schwarze Madonna.

Wie könnte man auf dem unwegsamen Gelände neue Grundstücke für Bauland schaffen? Verhindern, dass junge Menschen aus dem Dorf flüchten? Einen Weg finden, damit der Dorfmüll nicht mehr auf der Müllhalde vergraben werden muss? „In vielen Punkten haben wir in Tschechien noch Nachholbedarf“, sagt Dirriglová, „trotzdem hat sich nach der Grenzöffnung viel getan.“ Seit sieben Jahren versucht sie als Bürgermeisterin der Kommune mit den umgerechnet 75 000 Euro auszukommen, die das Dorf jährlich von Prag aus zugewiesen bekommt. Ihr größtes Werk steht im Dorfzentrum. Und es ist nicht etwa die Schnellstraße, die sie mit Hilfe von EU-Geldern erneuern ließ. „Straßen sind wichtig. Aber sie alleine bringen Tschechen und Deutsche nicht wirklich näher“, findet die Bürgermeisterin.

Alle Teile unerer Heimat-Serie lesen Sie hier.

Das Band der Schwarzen Madonna

Mit einem deutsch-tschechischen Lehrpfad, der durch das Dorf führt, will Dirriglová das ändern. An Schautafeln erfahren Besucher und Bürger mehr über die Geschichte der Schwarzen Madonna. Lange Zeit wurde die Marienfigur in der Dorfkirche aufbewahrt, bis die Hussiten wüteten. Der Legende nach hat eine fromme Bauersfrau das Gnadenbild nach Neukirchen b. Hl. Blut gerettet, ein Band, das die beiden Gemeinden bis heute aneinanderschweißt. Im zweijährigen Wechsel pilgern Wallfahrer über die Grenze, um die Nachbarpfarrei zu besuchen – Dirrglová ist mit dabei. Als Kämpferin für die deutsch-tschechischen Beziehung, die sie nicht nur predigt, sondern selbst lebt.

„Heimat ist, wo die Menschen sind, mit denen Du Dich verstehst, wo Du deine Wurzeln hast.“

Jana Dirriglová

Ihr Deutsch ist lupenrein. Gelernt hat sie es von der Pike auf, zunächst im Ferienlager mit Kindern aus der DDR, später an der Handelsakademie in Domažlice. „Heimat ist, wo die Menschen sind, mit denen Du Dich verstehst, wo Du deine Wurzeln hast“, findet Dirriglová. Und Heimat ist da, wo die Liebe hinfällt. Für Günther und Jana Dirriglová ist es Loucim - und wenn ihr Mann abends von der Arbeit aus Furth kommt, dann ist ihre kleine Gemeinde komplett.

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