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Tote nach dem Fliegerangriff

Am 20. April 1945 wurde im Bahnhof Miltach ein Lazarettzug beschossen. 30 Jahre später schrieb ein Überlebender an die Gemeinde.

Die 15 Soldaten erhielten eine würdige Begräbnisstätte. Fotos/Repro: kvg
Die 15 Soldaten erhielten eine würdige Begräbnisstätte. Fotos/Repro: kvg

Miltach.Am 5. Dezember 1975 schrieb Siegfried Wolf aus Alzey an die Gemeinde Miltach einen Brief (siehe Zusatzartikel). Darin schildert Wolf jenen für Miltach schicksalhaften Tag, als am Freitag, 20. April 1945, der im Bahnhof Miltach stehende Lazarettzug beschossen wurde und es dabei sieben gefallene Soldaten gab. Wenige Tage danach starben noch weitere im Reservelazarett, das im ehemaligen Schulhaus, dem jetzigen Rathaus, eingerichtet war. Nach 73 Jahren ist es inzwischen fast unmöglich, die näheren Umstände dieses schlimmen Ereignisses zu ergründen.

War der Lazarettzug mit einem „Roten Kreuz“ gekennzeichnet? Oder wollten die US-Streitkräfte damit die letzten Widerstände beseitigen und dies ohne Rücksicht auf die Folgen für die Zivilbevölkerung? In unmittelbarer Nähe des Bahnhofes standen auch 1945 schon Wohnhäuser sowie das mit Bahnpersonal besetzte Stellwerk 2. Die etwa zehn Einschusslöcher der Bordwaffen auf dieses Gebäude waren bis zur Renovierung im Jahr 1997 an der Straßenseite deutlich zu sehen. Auch das Dach des Anwesens Miedaner trug Schäden davon. Auf den sieben Gleisen des strategisch eher unwichtigen Bahnhofes im Bayerischen Wald standen neben Transportzügen auch mehrere Flüchtlingswaggons aus Ungarn.

63 Tote – Zahl ist nicht richtig

Ob die Deutsche Wehrmacht während des Krieges das Zeichen des „Roten Kreuzes“ zur Täuschung des Feindes missbräuchlich benutzte, soll im Miltacher Fall außer Acht gelassen werden. Wussten die anrückenden Besatzer davon, dass einen Tag vor ihrem Angriff ein Flakzug den Bahnhof Miltach in Richtung Straubing verlassen hatte und deshalb keine Gegenwehr zu erwarten war?

Jahrzehnte danach: Einschusslöcher am Stellwerk
Jahrzehnte danach: Einschusslöcher am Stellwerk

Laut einer Liste sind bei dem Tieffliegerangriff am 20. April 1945 sieben Soldaten tödlich verwundet worden. Weitere sieben Soldaten erlagen ihren früheren Verwundungen oder der erlittenen im Lazarettzug wenige Tage danach. Die von Siegfried Wolf angegebene Zahl von 63 Toten kann somit nicht stimmen. In Cham gab es am 18. April einen Bombenangriff auf den dortigen Bahnhof, bei dem 63 Menschen ums Leben kamen (aus: „Unser Cham“ von H. Muggenthaler-1967).

Für die verstorbenen Soldaten fertigte der Miltacher Schreinermeister Heinrich Elmann (Wendelingasse) eiligst die notwendigen Särge. Auf einem „Bruckwagerl“, einem hölzernen Handwagen mit einer Ladefläche von etwa 1,5 mal 3 Metern, wurden die Toten am 22. April zur Beerdigung auf freiem Feld in der Nähe von Oberndorf gebracht. Jedes Grab erhielt ein Kreuz aus einem Birkenstämmchen, daran ein ovales Schild mit den Lebensdaten. Die Grabhügel waren mit weißen Quarzsteinen eingefasst. Am Ende des Gräberbereichs, in Richtung Zandt, stand ein etwa drei Meter hohes Birkenkreuz, versehen mit dem Armee/Soldatenkreuz.

Verstorbene wurden umgebettet

Die gefallenen Soldaten sind namentlich bekannt, es waren: Angelo Moraro (Italien), Josef Ruzika (Österreich), Karl Ulle, Anton Seidl, Jaques Mekert, Jakob Hofstätter und Paul Krüger. Weitere acht Soldaten starben zwischen 22. April und 2. Juni 1945 im Reservelazarett: Friedrich Riexinger, Eugen Uhlmann, Martin Trommer, Heinrich Bauer, Gerhard Hönig, Konstantin Weber, Julius Pirchheim und Walter Thrun. Am 23. April 1945 trafen am Spätnachmittag die Spitzen der 3. US-Armee aus Richtung Cham kommend in Miltach ein.

Ende 1956 oder im Januar 1957 erfolgte die Umbettung der Verstorbenen in die Kriegsgräberstätte Holzkirchen bei Vilshofen. In der Gemeinde befindet sich eine Liste vom „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ mit den 14 Namen der von Miltach nach Hofkirchen umgebetteten Soldaten. Das Schreiben trägt den Vermerk: „Zu den Akten der Gemeinde Miltach – Unterlage für Berichtigung der Friedhofsliste. Der am 20. 4. gefallene italienische Soldat Angelo Moraro wurde vermutlich in seine Heimat Camisam, Bezirk Vicenza, überführt.“ (kvg)

Das Schreiben von Siegfried Wolf, das sich im Archiv der Gemeinde Miltach befindet, hat folgenden Inhalt:

„An die Bürgermeisterei in Miltach 5.12.1975 – Betreff: Vergangenheit 1945

Leider muß ich mich an die Bürgermeisterei in Miltach wenden, um Klarheit über die wirkliche Vergangenheit zu finden! Was mich bedrückt möchte ich in wenigen Stichworten erklären: Ich war am 20. April 1945 im Lazarettzug 623 in Miltach. Gegen 9.30 Uhr wurden wir von 12 amerikanischen Thunderbolt Jagdbomber 3 mal mit Bordwaffen angegriffen. Wir hatten damals keine Lok mehr, nur den Zug! Wir waren völlig hilflos, denn wir lagen damals mit zwei Verwundeten in einem Bett. Auch mein Bettnachbar (es war ein Unteroffizier) wurde neben mir durch ein 2 Zentimeter Geschoss getötet! Es war furchtbar! Damals hatten wir 63 tote Kameraden! Diese sollen alle in Miltach/Blaibach begraben sein. Im Sommer 1976 möchte ich nach Miltach fahren! Ich bin Rentner, würde mich aber sehr freuen, in Miltach ca. 8 Tage zu bleiben! Bitte schreiben Sie mir und werfen Sie diesen Brief nicht in den Papierkorb! Hochachtungsvoll Siegfried Wolf - 6508 Alzey, 50 Pfennig Rückporto liegt bei!“

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