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Retter

Attacken: Feuerwehrler platzt der Kragen

Sie helfen im Notfall – und werden dafür beschimpft: Ein Feuerwehrmann aus Waldmünchen spricht nun über seine Erlebnisse.
Von Benjamin Schlegl und Petra Schoplocher

Die Bergung des Lkw im Kreisverkehr am Freitag gestaltete sich derart langwierig, dass manche Feuerwehrler sechs Stunden im Einsatz waren. Foto: Schlegl
Die Bergung des Lkw im Kreisverkehr am Freitag gestaltete sich derart langwierig, dass manche Feuerwehrler sechs Stunden im Einsatz waren. Foto: Schlegl

Waldmünchen.Nein, nicht einmal etwas Annäherndes ist Benjamin Schlegl in all seinen Jahren als Feuerwehrmann und -vorsitzender zu Ohren bekommen. Deswegen ist er auch Tage nach dem Einsatz am Freitag sauer: Ein Autofahrer hatte einen „seiner“ Aktiven der Feuerwehr Waldmünchen auf eine Art und Weise beleidigt, dass dieser Anzeige erstattete.

Was den Affront gegen den Ehrenamtlichen noch schwerer wiegen lässt: Teilweise sechseinhalb Stunden am Stück waren die 22 Feuerwehrler bei brutaler Hitze und nahezu ohne Schatten im Einsatz. „Und dann so etwas...“, echauffiert sich der Vorsitzende. Laut Polizeibericht wollte ein 62-jähriger Waldmünchener von der Gartenstraße kommend Richtung Kreisverkehr fahren. Der mit der Absperrung beauftragte Feuerwehrmann bat den Mann, umzudrehen, was dieser überhaupt nicht einsah. Er wurde „zusehends aggressiver“. Als er schließlich umdrehte, rief er dem Feuerwehrler durch das Seitenfenster einen beleidigenden, vulgären Ausdruck zu.

Nette Geste: Ein Kasten Wasser

Feuerwehrmann und -vorsitzender Benjamin Schlegl erzählt, was sich seine Kameraden bei Einsätzen alles bieten lassen müssen. Foto: whe/Archiv
Feuerwehrmann und -vorsitzender Benjamin Schlegl erzählt, was sich seine Kameraden bei Einsätzen alles bieten lassen müssen. Foto: whe/Archiv

Benjamin Schlegl, seit vielen Jahren zudem mit der Pressearbeit bei Einsätzen und Veranstaltungen betraut, tat daraufhin das, was ihm logisch erschien: Er schrieb auf, was aus seiner Sicht an jenem Tag alles erwähnenswert war – ein wenig nach dem Motto: Jetzt platzt mir der Kragen. Es gibt Positives: Ein Anwohner stellt den Einsatzkräften spontan einen Wasserkasten hin. Aber zu dem Einsatztag gehört eben auch, dass viele über die Sperrung diskutierten und laut Schlegl „vor allem die heimische Bevölkerung“ oftmals am wenigsten Verständnis zeigte. Er nennt die Beleidigung seines Kameraden „die „Spitze des Eisbergs“.

Der Kreisverkehr am Combourg-Platz ist für die Einsatzkräfte ein neuralgischer Punkt im Straßennetz von Waldmünchen. Eine Herausforderung im Ernstfall umso mehr, wenn wie derzeit weitere Straßen im Stadtbereich aufgrund von Bauarbeiten gesperrt sind; und an einem Tag, an dem die Ankunft der Sternreiter bevorsteht.

Der über sechsstündige Einsatz bei brütender Hitze hat noch so einige weitere Geschichten parat, die Schlegl erzählt, um an die Vernunft jedes Einzelnen zu appellieren. „Bleibt zu hoffen, dass dieser Bericht zur Mahnung aller dient, künftig umsichtiger zu denken und zu handeln“, schreibt er.

Eindrücke am Rande: Nur in einer kurzen Pause im Schatten darf der Helm mal runter. 22 Feuerwehrmänner und -frauen waren im Einsatz. Foto: ps
Eindrücke am Rande: Nur in einer kurzen Pause im Schatten darf der Helm mal runter. 22 Feuerwehrmänner und -frauen waren im Einsatz. Foto: ps

Denn auch bei Umzügen und Festen würden seine Kameraden immer wieder mit Uneinsichtigkeiten mancher Autofahrer konfrontiert, die sich zwar anhören, was die Feuerwehrler sagen, aber dann einfach weiterfahren. „Jeder von uns hätte Besseres zu tun“, gibt Schlegl für diese Situationen, speziell aber auch für den Freitag zu bedenken. Bereits nach kurzer Zeit landeten auf Facebook Fotos des Unfalls. Fotos, auf denen die Feuerwehr noch gar nicht zu sehen war.

„Das lässt darauf schließen, dass es anscheinend wichtiger war, Fotos anzufertigen, anstatt sich um die erste Absicherung der Unfallstelle oder gar um etwaige Verletzte zu kümmern oder danach Ausschau zu halten“, ist der Schluss, zu dem der Feuerwehrvereinsvorsitzende kommt. Kurz nach dem Eintreffen der Feuerwehr wurden entsprechend viele „Schaulustige“ ausgemacht. Ein Großteil hielt zumindest gebührenden Abstand zum Unglücksort.

Dieser wiederum war alles andere als harmlos: Zum einen traten aus beschädigten Stellen am Lkw Betriebsstoffe aus. Zum anderen war lange nicht klar, ob sich nicht eine Person unter dem umgefallenen Lastwagen befindet. Einige Schaulustige scheuten sich nicht, direkt zum Fahrzeug zu gehen und Fotos schießen. Sie wurden von den Feuerwehrkräften aufgefordert, die Einsatzstelle zu verlassen.

Kommentar

Schlag ins Gesicht

Sechseinhalb Stunden in dieser Gluthitze! In voller Montur, mit Helm, mit Stiefeln, mit herunterbrennender Sonne. DAS sollten sich all jene mal vorstellen...

Handyfotos im Vorbeifahren

Eine weitere Person stand plötzlich am Fahrzeug und tastete einen Reifen ab. Und schließlich waren da noch jede Menge Autofahrer, die im Vorbeifahren ihr Handy zückten, um das Geschehen an der Unglücksstelle festzuhalten. „Leider“ waren die Einsatzkräfte mit anderen Sachen beschäftigt, als dass Zeit blieb, deren Personalien festzustellen.

Eine stellte die Polizei dann aber doch fest: Der verbal attackierte Feuerwehrmann, mit einem Kameraden als Zeugen an seiner Seite, hatte sich das Kennzeichen des Autofahrers gemerkt. Nicht nur für ihn stand fest, dass er das nicht auf sich beruhen lassen wollte. Auch für den Vize-Kommandanten Michael Bierl, dem der Aktive von dem Vorfall berichtete, stand außer Frage, den Mann anzuzeigen. Eine Entscheidung, die auch Benjamin Schlegl gutheißt. Schon allein, um zu zeigen, dass es Grenzen gebe, die nicht überschritten werden dürften.

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