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Gesellschaft

Cham ist die AfD-Hochburg der Oberpfalz

Der Landkreis schafft im Freistaat einen fragwürdigen Rekord: Die AfD hat im Bayerwald das zweitbeste Ergebnis eingefahren.
Von Michael Gruber

Am Sonntag hat der Landkreis Cham die politischen Karten neu gemischt. Während die CSU und die SPD verlieren, gewinnt neben den Grünen vor allem die AfD massiv an Stimmen hinzu. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Am Sonntag hat der Landkreis Cham die politischen Karten neu gemischt. Während die CSU und die SPD verlieren, gewinnt neben den Grünen vor allem die AfD massiv an Stimmen hinzu. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Cham.Die Karten in der Politik sind neu gemischt: CSU und SPD kassieren eine historische Klatsche. Und neben den Grünen und den Freien Wählern sind die großen Abräumer vor allem die Rechtspopulisten der AfD. Wobei es der Landkreis Cham auf der politischen Landkarte des Freistaats hier zu einer fragwürdigen Berühmtheit schafft: Der Bayerwald liegt nach Auswertung der Gesamtstimmen mit 16 Prozent auf dem zweiten Platz der AfD-Hochburgen in ganz Bayern.

Das zeigt die offizielle Statistik der Landeswahlleiter, in der unter anderem die Erst-und Zweitstimmen für die AfD addiert wurden. Nur im Wahlbezirk Regen-Freyung-Grafenau konnte die AfD mit einem Anteil von 16,2 Prozent mehr Wählerstimmen in Bayern abholen. Mit Blick auf den Regierungsbezirk liegt der Landkreis Cham sogar an der Spitze: In keinem Wahlkreis in der Oberpfalz gab es mehr Stimmen für die Partei, die mit fremdenfeindlichen Parolen und einer Politik der Abschottung auf Stimmenfang geht.

Kopfschütteln und Fragezeichen

In vielen Rathäusern rätseln die Bürgermeister über Ursachen, insbesondere im Landkreis-Osten lag die AfD als zweitstärkste Kraft hinter der CSU und kratzte an der 24-Prozent-Marke. Zum Vergleich: In Sachsen hatte die AfD bei der Bundestagswahl die CDU mit knapp 27 Prozent als stärkste Kraft geschlagen.

Schon am Sonntagabend sagte die Reaktion der Kreis-CSU viel aus über die Stimmung im Landratsamt nach Bekanntgabe dieser Ergebnisse: Kopfschütteln, Schulterzucken. „Immerhin weniger als bei der Bundestagswahl“, tröstete sich Neukirchens Bürgermeister Markus Müller immer wieder.

Schon vor über 70 Jahren habe die NSDAP gerade im Osten des Landkreises eine Stimmenhochburg gehabt, ist auf den Gängen zu hören, wo auch in der Historie nach Erklärungen für den Rechtsruck gesucht wird. Auch die Republikaner waren dort traditionell stark – nur was hilft diese Erkenntnis jetzt, wo die AfD an die Tür klopft?

„Ich will die Wähler der AfD nicht verurteilen“, stellt Landrat Franz Löffler im Interview mit unserem Medienhaus jetzt klar. „Wen ich verurteile, ist die Partei, die mit Hass-Parolen auf Stimmenfang geht.“ Ihm gehe es jetzt darum, die Wähler wieder zurückzugewinnen.

Warum die AfD ausgerechnet im Wahlkreis Cham auf so fruchtbaren Boden stößt, dafür hat auch Löffler keine Erklärung. Nur eine Sache könne er aus dem Ergebnis ablesen: „Es ist eine Vertrauensfrage an den Staat, die die Bürger an uns stellen. Viele fühlen sich nicht mitgenommen von der Politik, besonders nicht von dem, was auf Bundesebene passiert.“

Die wenigsten Menschen im Landkreis hätten die AfD wegen ihres Programms gewählt, sondern als Zeichen des Protestes, so die Vermutung des Landrats. Wobei er vor allem Zukunftsängste als Ursache sieht. Die momentane Wirtschaftslage habe sich im Vergleich zur Vergangenheit deutlich verbessert.

Lesen Sie hier alle Artikel zur Landtagswahl 2018 im Stimmkreis Cham

Auch könne die Flüchtlingsthematik nicht die entscheidende Rolle gespielt haben. In Neukirchen b. Hl. Blut etwa, wo die AfD das zweitbeste Ergebnis im Landkreis eingefahren habe, gebe es schließlich keinen einzigen Asylbewerber, so Löffler. „Wichtig ist jetzt, auf die Menschen zuzugehen und ihre Sorgen und Nöte ernst zu nehmen. Vor allem ist wichtig, ihnen nicht nur zuzuhören, sondern den Menschen auch das Gefühl zu geben, dass wir Lösungen in die Tat umsetzen.“

Das Mantra der GroKo

Wundenlecken ist auch in Berlin nach der Schlappe der CSU angesagt – wobei Bundestagsabgeordneter Karl Holmeier überraschend klare Worte findet, wenn es um die Schuldigen geht. Schon bei der Bundestagswahl 2017 sei das hohe Stimmenergebnis der AfD erkennbar gewesen, erklärt Holmeier auf die Frage nach den Ursachen: „Die Gründe sind die gleichen wie bei der Landtagswahl 2018: Merkel und Seehofer, vor allem der Streit zwischen beiden.“

Gesellschaft

Warum der Bayerwald-Osten rechts wählt

Im Landkreis-Osten ist die AfD die zweitstärkste Kraft. Warum das so ist? Wir haben in den Rathäusern Antworten gefunden.

Warum die AfD aber besonders im Bayerischen Wald, darunter auch in den Landkreisen Regen, Freyung-Grafenau, Passau, Deggendorf und Schwandorf, besonders erfolgreich ist, müsse man noch analysieren. Auch die Republikaner seien im Osten besonders stark gewesen, als es die Partei noch gab, stellt Holmeier fest. Dann beschwört er das Mantra, das derzeit überall aus der Union dringt: „Die Menschen wollen weniger Streit, sondern mehr Lösungen.“

„Wir müssen klare Kante zeigen gegen die AfD“

Dr. Gerhard Hopp, CSU-Landtagsabgeordneter

Dr. Gerhard Hopp, der von den Wählern für die nächsten fünf Jahre in den Landtag gewählt wurde, will noch einen Schritt weitergehen: Er fordert, klare Kante gegen die AfD zu zeigen, erklärt der CSU-Abgeordnete. „Wir müssen als CSU auf die Menschen zugehen und klare Position beziehen. Das heißt, mit ihnen zu reden, aber auch den Mut zu zeigen, mit Argumenten dagegen zu reden“, sagt Hopp. Hinter den Wählern der AfD im Bayerwald vermutet auch er einen großen Anteil an Protestwählern, die mit ihrer Stimme eher nach rechts rückten, als etwa die Linke zu wählen, die hier traditionsgemäß schwach sei.

Die Flüchtlingsproblematik spiele dafür auch eine Rolle – allerdings nur indirekt, sagt Hopp. „Gerade im Bayerischen Wald mussten sich den Menschen den heutigen Wohlstand härter erarbeiten als anderswo in Bayern“, sagt Hopp. „Viele Leute haben Verlustängste und bringen das mit der Asylpolitik in Verbindung. Sie fragen sich: Wird das gerecht verteilt, was ich mir erarbeitet habe“, erklärt der CSU-Landtagsabgeordnete.

Das Ergebnis der Wahl im Detail:

Unseren Live-Ticker zur Wahl können Sie hier nachlesen

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