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Reportage

Der Tag, als Cham auf Eis lag

Am Freitag erwachte Cham unter einem Eispanzer und der Berufsverkehr brach zusammen. Ein Bericht aus dem Einsatzmarathon.
Von Johannes Schiedermeier

Bei vielen Autofahrern saß der Schreck tief, so wie bei dieser Frau, die mit ihrem Wagen direkt vom Ödenturm ins Privatgrundstück rutschte und dort auf einem Stein aufsaß. Die Rettungskräfte könnten den Ort des Unfalls buchstäblich nur auf allen Vieren erreichen. Fotos: Schiedermeier
Bei vielen Autofahrern saß der Schreck tief, so wie bei dieser Frau, die mit ihrem Wagen direkt vom Ödenturm ins Privatgrundstück rutschte und dort auf einem Stein aufsaß. Die Rettungskräfte könnten den Ort des Unfalls buchstäblich nur auf allen Vieren erreichen. Fotos: Schiedermeier

Cham.Cham erwacht an diesem Freitagmorgen unter einem Eispanzer. Straßen, Wege und Autoscheiben liegen unter einer dicken Schicht Blitzeis. Der Morgen beginnt mit einem Weckruf der Polizei: „Rundum kracht es. Es gibt bereits eine Reihe von Einsätzen!“ Erste Warnung: Direkt vor der Haustüre fällt der Hund hin. Und der hat eigentlich Allrad. Der Weg zum Einsatz scheitert schon daran, dass direkt am Gartentor die Siedlungsstraße unter glitzerndem Eis liegt und bergab die Hauptstraße kreuzt. Nichts fährt. Der Redakteur geht. Mit Spikes unter den Schuhen. An der Hauptstraße wartet der Chef mit dem Dienstauto. Dort ist der Belag sulzig.

Direkt nebenan heult die Sirene los. Ein Feuerwehrmann krabbelt mit dem Privatauto vorbei Richtung Gerätehaus Windischbergerdorf. Schon bei der Molkerei ist Stau. Die ersten Meldungen sprechen von Unfällen in Chammünster. Auch dort steht der Verkehr bereits über Kilometer.

Retter auf allen Vieren

Kilometerlange Staus bildeten sich nach Dutzenden von Unfällen im gesamten Stadtgebiet. Fotos: Schiedermeier
Kilometerlange Staus bildeten sich nach Dutzenden von Unfällen im gesamten Stadtgebiet. Fotos: Schiedermeier

Ein Auto ist direkt vom Ödenturm in Nachbars Garten gefahren. „Es hat geheißen, dass jemand eingeklemmt ist. Wir sind da auf allen Vieren rauf und haben gehofft, dass das nicht stimmt, weil wir mit schwerem Gerät da im Moment gar nicht hingekommen wären!“ Die Frau hat Glück im Unglück. Ihr Kleinwagen parkt auf einem riesigen Stein im Grundstück, nur noch mit einem Rad am Boden. Aber sie kann selber aussteigen.

„Es ist jetzt 10 Uhr und wir haben 30 Unfälle noch gar nicht abgearbeitet.“

Alfons Windmaisser, Chamer Polizeichef

Ein paar Meter weiter ist ein Bus mit Grundschulkindern aus Chammünster am Straßenrand gestrandet. Die Fahrerin hütet einen Sack Flöhe. Für die Kinder ist es ein Abenteuer. Für die Busfahrerin eher Nervenkrieg: „Jedes Mal, wenn ein Auto um die Kurve kommt, habe ich Angst, dass mich einer rammt. Aber ich kann ja nicht mehr weg“, sagt sie und weist auf die Eisfläche vor ihr.

Sehen Sie hier unser Video vom Glatteis-Chaos in Cham

Glatteis legt Verkehr im Bayerwald lahm

Direkt neben dem Bus stehen zwei junge Männer. „Wir haben nochmal Glück gehabt. Wir hatten vorhin einen Unfall mit drei anderen Autos“, sagt der Fahrer und weist auf die schwer eingedellte Türe, hinter der er kurz zuvor noch gesessen hat.

Ein Frontalzusammenstoß ereignete sich nahe der Kaserne. Fotos: Schiedermeier
Ein Frontalzusammenstoß ereignete sich nahe der Kaserne. Fotos: Schiedermeier

Zu allem Überfluss geraten im Gewerbegebiet noch zwei Lastzüge leicht aneinander und so ist diese Ausweichstrecke auch für einige Zeit dicht. Oben auf der Bundesstraßenbrücke stehen Fahrzeuge quer. Teilweise verlassen Autofahrer ihre abgestellten Wagen und gehen zu Fuß weiter. Am späten Vormittag bittet die Chamer Polizei, die am Straßenrand abgestellten Autos wieder wegzufahren.

Ein Brennpunkt des Gatteisgeschehens war der Schulberg. Er wurde zeitweise von der Chamer Feuerwehr komplett gesperrt, weil er schon aufgrund der Steigung unpassierbar war. Fotos: Schiedermeier
Ein Brennpunkt des Gatteisgeschehens war der Schulberg. Er wurde zeitweise von der Chamer Feuerwehr komplett gesperrt, weil er schon aufgrund der Steigung unpassierbar war. Fotos: Schiedermeier

In der Chamer Innenstadt ist um 8 Uhr der Verkehr in vielen Straßen praktisch zum Erliegen gekommen. Insbesondere stadtauswärts bilden sich kilometerlange Staus. Brennpunkt ist der Schulberg. Ein Chamer Feuerwehrmann sperrt kurz nach 8 Uhr die Zufahrt bei der Landratsamts-Kreuzung, als noch schnell eine Frau mit einem Ford durchfährt. Schreiend und winkend läuft ihr der Feuerwehrmann nach: „Sie können da nicht durch. Bitte kehren Sie um.“

Es wäre ohnehin kein Durchkommen gewesen. Einige hundert Meter weiter haben sich drei Autos verkeilt und stehen als Knäuel auf der abschüssigen Eisfläche. 50 Meter weiter stehen Rettungsdienst und Polizei ebenfalls neben mehreren Autos mit Blechschäden. In den Nebenstraßen Warnblinkanlagen, Dellen, Kratzer, Staus.

Im Dauereinsatz waren die Kräfte der Stadt- und Kreisbauhöfe.Foto: si
Im Dauereinsatz waren die Kräfte der Stadt- und Kreisbauhöfe.Foto: si

Eine Schülerin hat sich unten an der Schulbergkreuzung beim Landratsamt mit ihrer Tante verabredet. „Ich soll abgeholt werden, aber ich weiß nicht, wie ich da runterkommen soll“, sagt sie, nachdem sie eine Zeit lang durch angrenzende Gärten geturnt ist. Selbst mit Spikes an den Schuhen wird es am Schulberg eine spannende Angelegenheit, bis wir beide wieder unten sind.

Sehen Sie hier unseren Artikel zum Glatteis-Chaos in Cham

Verkehr

Glatteis-Chaos legt Cham lahm

Eine Vielzahl an Unfällen bringt Polizei und Rettungsdienste an Belastungsgrenze. Auf vielen Straßen geht nichts mehr.

Auch Retter und Helfer kommen nicht ohne Blessuren und Sachschäden davon. Ein Notarztwagen wird beschädigt, das Einsatzleitfahrzeug der Chamer Feuerwehr gerät ins Rutschen und kommt mit einem leichten Frontschaden davon. Eine Polizistin stürzt und fällt auf den Fotoapparat. „Das war schmerzhaft und die Kamera ist auch hin“, erzählt Polizeichef Alfons Windmaißer. Auch die Mitarbeiter des Kreis- und Stadtbauhofs haben es an diesem Tag schwer. Die großen Schneepflüge stehen oft selbst in den Staus oder können nicht durch. Mit kleineren Fahrzeugen und per Hand helfen die Einsatzkräfte an den Brennpunkten.

Durch die Stützmauer

In Cham durchbrach ein Ford die Parkplatz-Stützmauer an der Bahn. Foto: si
In Cham durchbrach ein Ford die Parkplatz-Stützmauer an der Bahn. Foto: si

Ein Pärchen will zur Bank und hat eine folgenschwere Idee: Es fährt mit seinem Ford auf einen abschüssigen Parkplatz in der Ludwigstraße, wo das Fahrzeug auf Kopfsteinpflaster ins Rutschen kommt und mit Wucht neben der Zugstrecke eine Betonstützmauer durchbricht. Die Mauer stürzt neben die Gleise. Beide können das Auto verlassen, das später geborgen wird.

In der Notaufnahme herrscht Hochbetrieb. Vor allem von Knochenbrüchen und Prellungen berichtet Sana-Sprecher Alexander Schlaak. Die Polizei hat bis Mittag rund 50 Unfälle abgearbeitet. Der Rettungsdienst ist im Dauereinsatz. „Wir werden noch bis in die Nacht beschäftigt sein“, sagt Rettungsdienstleiter Mich Daiminger.

Gegen 8 Uhr ereigneten sich gleich zwei Unfälle auf dem Schulberg, in die jeweils mehrere Fahrzeuge verwickelt waren. Rundherum bildeten sich lange Staus in den Ausweichstraßen. Fotos: Schiedermeier
Gegen 8 Uhr ereigneten sich gleich zwei Unfälle auf dem Schulberg, in die jeweils mehrere Fahrzeuge verwickelt waren. Rundherum bildeten sich lange Staus in den Ausweichstraßen. Fotos: Schiedermeier

Stefan Fischer, der stellvertretende Chamer Polizeichef war auch den ganzen Vormittag draußen. Auch er schildert freundliche Stimmung. „Selbst bei Unfällen waren die Leute hilfsbereit und es herrschte die Ansicht: Kann ja keiner was dafür.“ An diesem Vormittag rutschen die Leute buchstäblich enger zusammen: Der Bauhofmitarbeiter hilft der alten Dame über die Straße, zwei Männer eilen einer gestürzten Frau nahe dem Steinmarkt zu Hilfe. „Das war etwas, was uns sehr positiv aufgefallen ist“, sagt Fischer.

Weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham finden Sie hier.

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