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Das Bruckmandl hat Heimweh

Fünf Jahre war das Regensburger Wahrzeichen auf Reha. Ein Jahr ist es zum „Auswildern“ im Tiefbauamt. Wir sprachen mit ihm.
Von Heinz Klein

Das verletzte Bruckmandl arbeitete nach dem Anschlug noch eine Weile weiter als Domobservierer und Touristenentzücker. Foto: Archiv/altrofoto.de
Das verletzte Bruckmandl arbeitete nach dem Anschlug noch eine Weile weiter als Domobservierer und Touristenentzücker. Foto: Archiv/altrofoto.de

Regensburg.Das Bruckmandl hatte sich sehr gefreut, spätestens an Weihnachten wieder auf seiner Brücke zu sein und dort Silvester feiern zu können. Aber daraus ist leider nichts geworden. Dabei wäre die Steinerne Brücke wirklich ein guter Standort gewesen, um Silvester zu feiern. Und außerdem hat das Bruckmandl jetzt schon fünf Jahre lang nicht mehr auf den Dom schauen können. Doch das ist ja sein Job – die ständige Domobservierung und im Nebenberuf die Touristenverzückung.

„Wie schaut er aus, der Dom? Ist er okay?“, fragte uns das Mandl bei einem informellen Gespräch im Tiefbauamt gleich ganz neugierig. „Naja, der Dom hat halt auch wieder ein Gerüst, gerade so wie die Brücke“, erzählten wir ihm. „Immer diese Gerüste. Ich bin entrüstet!“, echauffierte sich das Bruckmandl.

Gefahr einer „Kranwatschn“

Wegen der Gerüste durfte das Mandl nämlich nicht auf seinen alten Arbeitsplatz zurück. Dabei ist es nach dem langen Krankenhausaufenthalt in einer Steinklinik und der nunmehr einjährigen Reha wieder topfit. Auch seine Brücke ist nun bald wieder in Ordnung. Weil der letzte Bauabschnitt aber noch nicht ganz abgeschlossen ist, wäre die Gefahr zu groß gewesen, dass das Mandl beim Abbau und Umheben der Stahlträger versehentlich vom Kran eine Watschn bekommt und dann wieder zurück in den Bauhof oder die Klinik müsste.

„158 Jahre auf der Brücke – und jeden Tag nur Donaustrudl – da wäre ein Apfelstrudl auch mal schön gewesen.“

Das Bruckmandl, Wahrzeichen

Dabei ist das Bruckmandl schon immer hart im Nehmen gewesen. „158 Jahre auf der Brücke – und jeden Tag nur Donaustrudl – da wäre ein Apfelstrudl auch mal schön gewesen“, hatte es vor dem Attentat mit einem Augenzwinkern seine Enthaltsamkeit kommentiert. Nachdem ein unbekannter Attentäter ihm in der Nacht vom 27. auf den 28. Dezember 2012 den rechten Arm abgerissen hatte, klagte das Mandl mit keinem Mucks und arbeitete trotz der schweren Verwundung noch Monate einarmig weiter, ehe es vom Sockel gehoben wurde. Eine Wiederanfügung des Arms war leider unmöglich, weil den die Donau verschluckt hatte. Das allerdings hat das Mandl schon ein bisschen geärgert, weil die Donau doch eigentlich seine Freundin ist.

„Wie schaut denn meine Brücke nun aus?“, wollte das Bruckmandl von uns wissen. „Sie ist sehr schön geworden, du wirst dich freuen“, sagten wir ihm. Jetzt im letzten Bauabschnitt hat sie noch ein paar Spritzen bekommen – Injektionen, durch die die Hohlräume zwischen den Steinen mit Spezialmörtel ausgepresst wurden. Und im Rahmen von statischen Sicherungsmaßnahmen wurden die Stirnbögen der Brückenbögen 6, 7, 8 und9 miteinander verspannt, um die Brücke dauerhaft zu stabilisieren. „Ja, verspannt war sie schon immer, aber ich hab‘ ihr da auch nicht helfen können“, sagte das Bruckmandl. Schließlich ist es ja kein Masseur.

Eine grüne Brücke mit Schafen?

Heuer kamen sogar Experten aus Finnland mit einem Spezialboot zur Steinernen Brücke. Die machten mit Echolot und einem Seitensonar und Laserscannern sogar unter Wasser Bilder von den Pfeilern und den Beschlächten, berichteten wir weiter. „So was, na ja, es gibt halt keine Privatsphäre mehr, nicht mal bei Brücken“, sagt das Bruckmandl nachdenklich. Dass seine Brücke statt dem Kopfsteinpflaster nun große Granitplatten als Belag bekommen hat, fand das Mandl gut. „Da hört dann endlich das Geholper auf.“ Als wir ihm auch noch erzählten, dass im Sommer in abgesperrten Bereichen zwischen den Steinplatten Gras zu wachsen begonnen hatte, musste es lachen. „Eine grüne Steinerne Brücke und dann noch Schafe, die drauf weiden – wie romantisch…“, gluckste es.

Das Mandl lehnt Explosionen ab

Die Chefin der gesamten Aktion, Stadtplanungsreferentin Christine Schimpfermann, hatte im Herbst verkündet, dass die Kosten der Brückenrenovierung im geplanten Rahmen von 20 Millionen Euro bleiben würden. Da zeigte sich das Mandl sehr erleichtert, denn es wollte persönlich auf keinen Fall zu einer Kostenexplosion beitragen, weil es Explosionen jeder Art strikt ablehnt. Freilich nagte der Zahn der Zeit nicht nur an der 900 Jahre alten Brücke, sondern auch an dem 163 Jahre alten Mandl, das bereits das dritte seiner Art ist. Es ist, wie die Brücke auch, aus Sandstein - und es bröselt. Anstatt Falten, wie sie im Laufe der Jahre die Menschen bekommen (Frauen natürlich weniger), bekommen Steinfiguren Risse. Dann sickert Wasser ins Mandl, diffundiert aber auch wieder aus dem Stein heraus und nimmt dabei gelöste Stoffe mit an die Oberfläche, die dort eine Art von Gipsausblühung hinterlassen. Deshalb musste das Bruckmandl zum Hautarzt, der die Schichten vorsichtig abtrug und es dann mit einer Anti-Aging-Creme sanft imprägnierte. Nun schaut es wirklich wieder jung aus und einen zweiten Arm hat es natürlich auch wieder. Den haben die Profis in der Dombauhütte gemacht. An die 80 000 Euro hat die Mandl-Sanierung am Ende gekostet.

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Das Bruckmandl hat wegen dieser Kosten kein schlechtes Gewissen. „Schließlich bin ich ja Welterbe“, sagte es selbstbewusst. Außerdem fühlte sich das Mandl als mittelständischer Unternehmer. „Hab ich doch in Stadtamhof ein eigenes Lokal gleichen Namens und eine eigene Biersorte bei der Brauerei Bischofshof“, sagt es schmunzelnd. Und eine Freundin hat es auch - das „Bruckmadl“, das auf vielen T-Shirts prangt, die die Mittelbayerische in ihrem Online-Shop anbietet. Persönlich ist das Bruckmandl aber nicht online. Geht wegen dem Welterbe nicht. Ein Bruckmandl mit Laptop - das hätten die Denkmalschützer nie zugelassen.

Was sich wohl tut, wenn das Mandl im Frühjahr nach fünf Jahren wieder auf den Sockel darf? Die Menschen sind jetzt fast alle online und betrachten die Welt noch mehr als früher durch ein kleines schwarzes Kästchen, aus dem es manchmal blitzt, erzählen wir dem Mandl. Außerdem gibt es inzwischen noch mehr Amerikaner auf der Brücke, die vom Mandl entzückt sein werden.

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Sie werden das Bruckmandl für einen König oder einen „hero“ halten und dann wahrscheinlich „wonderful“ sagen. Wenn das Bruckmandl bei seinem Wiedereinzug auf die Brücke am Kranarm schwebt, empfehlen wir ihm, unbedingt einen Blick flussabwärts zu werfen. Dann wird es ein sehr seltsames Haus sehen können, in dem, wenn es fertig ist, die bayerische Geschichte aufgehoben wird. „Muss ich da auch hin?“, fragte das Mandl. „Nein“, versicherten wir: „Du bleibst auf der Brücke.“ Da war es sehr erleichtert.

Das Schönste aber ist: Wenn das Bruckmandl wieder auf seiner neuen alten Brücke ist, wird es im Sommer eine große Party geben. Das hat Frau Schimpfermann versprochen. Da hatte das Bruckmandl vor Freude und Rührung Tränen in die Steinaugen, die schließlich über die frisch imprägnierten Wangen kullerten. Und da war uns klar: Auch wenn es in all den Jahren im Tiefbauamt nie ein Wort der Klage gegeben hat, so hatte das Bruckmandl doch verdammt Heimweh nach seiner Steinernen Brücke. Darum: Beeilen wir uns nun, dass es bald wieder auf seinen Sockel kommt!

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