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Die Schrecken der „Schläfer“

2017 wurden Stadtviertel in Regensburg wegen Blindgängern evakuiert. Die tödliche Luftpost prasselte erstmals 1943 nieder.
Von Heinz Klein

Das Foto vom 17. August 1943 zeigt, dass die Bomben bereits über der Donau bei Sinzing ausgeklinkt wurden. Im Bild sind die Eisenbahnbrücken von Mariaort (oben) und Sinzing (unten) zu erkennen. Das Ziel waren die Messerschmittwerke neben dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Fotos: Sammlung Peter Schmoll aus Beständen NARA, Munitionsbergung Fa. Semmler
Das Foto vom 17. August 1943 zeigt, dass die Bomben bereits über der Donau bei Sinzing ausgeklinkt wurden. Im Bild sind die Eisenbahnbrücken von Mariaort (oben) und Sinzing (unten) zu erkennen. Das Ziel waren die Messerschmittwerke neben dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Fotos: Sammlung Peter Schmoll aus Beständen NARA, Munitionsbergung Fa. Semmler

Regensburg.In der Erde zu graben ist oft ein Ausflug in die Vergangenheit. Heuer wurde in Regensburg viel gegraben. In zwei bis drei Meter Tiefe stieß man dabei etliche Male auf 72 bis 74 Jahre alte „Exportartikel“ aus den USA. B-17- und B-24-Bomber hatten sie ab 1943 auf militärische und strategische Ziele in Regensburg und Obertraubling regnen lassen: Etwa 40 000 Sprengbomben, so schätzt der Historiker und Buchautor Peter Schmoll, dazu Splitterbomben und Brandbomben. Bis zu 20 Prozent, also etwa 8000 der Fünf-Zentner-Bomben, erfüllten ihre Aufgabe, eine verheerende Detonation zu verursachen, nach US-Angaben nicht.

Die, die noch nicht gefunden wurden – und das dürften nicht wenige sein –, sind allerdings immer noch in der Lage, gewaltiges Unheil anzurichten. Eine explodierende Fünf-Zentner-Bombe macht einen rund vier Meter tiefen Krater, groß genug, um ein kleines Haus hineinzustellen, schildert Peter Schmoll die Folgen. Die Druckwelle würde jeden Menschen im Umkreis von 30 bis 40 Metern davonschleudern und ihm den Brustkorb eindrücken. Beim Zerfetzen eines sogenannten Zerschellers surren zentimeterdicke Stahlteile durch die Gegend, die jede Panzerung brechen.

Ein B-17-Bomber. In seinem Bauch konnte er zwölf Fünf-Zentner-Bomben transportieren.
Ein B-17-Bomber. In seinem Bauch konnte er zwölf Fünf-Zentner-Bomben transportieren.

Die tödliche Luftpost prasselte erstmals im August 1943 auf Regensburg nieder. Ziel waren die Messerschmittwerke in Prüfening, in denen die legendäre Me 109 gefertigt wurde. 126 US-Bomber flogen am 17. August 1943 in drei Wellen über das Flugzeugwerk und ließen rund 1500 Sprengbomben fallen. Sie trafen präzise, denn das benachbarte Krankenhaus der Barmherzigen Brüder bekam keinen Treffer ab. Gleich daneben aber starben 401 Messerschmitt-Arbeiter. Dennoch bekam die Klinik über 70 Jahre später noch eine Spätfolge des Bombenhagels zu spüren. Wegen eines in der Nachbarschaft gefundenen Blindgängers musste vor zwei Jahren das Krankenhaus mit etwa 500 Patienten evakuiert werden. Auch heuer hielt eine spektakuläre Evakuierung Regensburg in Atem. Ein im neu entstehenden Dörnberg-Viertel gefundener Blindgänger erzwang die Räumung der Justizvollzugsanstalt. Rund 100 schwere Jungs und 1800 Anwohner wurden evakuiert.

Bomben „flogen“ zehn Sekunden

Relikte des Weltkriegs, die man heute noch findet, sind in der Regel die Fünf-Zentner-Sprengbomben, erzählt Peter Schmoll. Ein Dutzend davon hatte jeder der B-17-Bomber in seinem Bauch. Abgeworfen wurden die 227 Kilogramm schweren und 1,14 Meter langen Stahlzylinder meist aus 6000 bis 7000 Meter Höhe. Beim Angriff auf die Messerschmittwerke flogen die Bomber allerdings 1000 Meter tiefer, um präziser zu treffen, weiß Schmoll aus amerikanischen Quellen. „Die Bomben hatten eine Flugdauer von neun bis zehn Sekunden. Sie fielen nicht wie ein Stein senkrecht vom Himmel, sondern beschrieben die Flugbahn einer Parabel. Wenn eine Fünf-Zentner-Bombe beim Aufprall mit 350 Stundenkilometern nicht explodierte, bohrte sie sich in einem Schlurfgraben je nach Bodenbeschaffenheit bis zu drei Meter tief in die Erde.“ Und dort findet man sie dann heute noch, die Blindgänger.

„Wenn eine Fünf-Zentner-Bombe beim Aufprall nicht explodierte, schlüpfte sie in die Erde.“

Peter Schmoll, Historiker und Buchautor

Daneben waren 450 Kilo schwere Brandbomben im Einsatz, teils mit Napalm gefüllt. Zu Zehntausenden regneten die nur 1,75 Kilo schweren Stabbrandbomben auf die Ziele nieder. Was noch an Ungutem von oben kam, waren 60 Zentimeter lange Splitterbomben, die beim Detonieren ihre Stahlummantelung in rasiermesserscharfe Teilchen zerfetzten. Beim großen Angriff auf den Fliegerhorst Obertraubling regneten 20 000 Splitterbomben nieder. Auch sie findet man noch. In Neutraubling mussten heuer zwei entdeckte Splitterbomben gesprengt werden.

Die amerikanischen Sprengbomben waren mit einem Aufschlagzünder vorne und einem Heckzünder hinten ausgerüstet. Beim Aufschlag drückte die Zündnadel auf den Zünder, der einen Detonator explodieren ließ. Diese kleine Explosion bewirkte dann die Detonation des TNT-Bombensprengstoffs.

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Es gab allerdings auch mit tödlicher Boshaftigkeit ausgestattete Langzeitzünder. Die am Heck mit einer Art Windrad ausgestatten Bomben explodierten erst Stunden oder sogar Tage später. Ein von dem Windrad in Bewegung gesetztes Gestänge zerdrückte eine Glasampulle mit Aceton. Das Aceton musste sich dann stundenlang durch eine Kunststoffscheibe fressen, ehe es den Zündmechanismus auslösen konnte. Diese schlafenden Bomben führten zu großer Verunsicherung und sollten Feuerwehr und Räumtrupps davon abhalten, sich auf das bombardierte Gelände zu wagen. Manche dieser „Schläfer“ schlummern noch heute. Sie zu entschärfen, treibt selbst den Profis des Kampfmittelräumdienstes den Schweiß auf die Stirn.

Tödliche Bosheit

Der bisher größte gefundene Blindgänger in Regensburg, eine 1000 lbs (ca. 854 kg) schwere Sprengbombe im Ostbahnhof.
Der bisher größte gefundene Blindgänger in Regensburg, eine 1000 lbs (ca. 854 kg) schwere Sprengbombe im Ostbahnhof.

„Keiner weiß, was passiert, wenn man eine Bombe mit einem solchen Zünder bewegt“, sagt Peter Schmoll. Zudem haben die Langzeitzünder Ausbausperren. Die Zündnadel ist durch einen Kugelkäfig gesichert. Wurde der Zünder herausgedreht, öffnete sich der Käfig und gab die Zündnadel frei, die dann auf den Detonator schlug.

Die Arbeit der Kampfmittelräumdienste wird ohnehin von Jahr zu Jahr brenzliger, weiß Peter Schmoll. Denn natürlich nagt der Zahn der Zeit an den Blindgängern. So macht es der Rost immer schwieriger, die Zünder zu lösen. Wenn das nicht gelingt, müssen die Bomben unter großem Sicherheitsaufwand vor Ort gesprengt werden. Sind die Zünder ausgebaut, können die Blindgänger vom Kampfmittelräumdienst abtransportiert werden. Im Kaltschneideverfahren werden die Stahlzylinder geöffnet und der Explosivstoff in Spezialöfen abgebrannt.

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Auch im neuen Jahr wird in Regensburg viel gebaut, was wohl zwangsläufig Begegnungen mit den Kriegsrelikten zur Folge haben wird. Peter Schmoll weiß auch schon, wo und hat bei der Autobahndirektion Südbayern historisches Material abgegeben. Der Hotspot ist im Zuge des Ausbaus der Autobahn A3 der Abriss und Neubau der Burgweintinger Autobahnbrücke. Die darunterliegende Bahnstrecke war ein wichtiges Kriegsziel der Alliierten Bomberverbände. Bereits seit Wochen sind Experten des Kampfmittelräumdienstes im Einsatz, um das Gelände mit Metalldetektoren zu untersuchen. Erst wenn die Freigabe erfolgt, dürfen die Baggerfahrer ran. Wo Blindgänger vermutet werden, setzen sich Fachleute des Kampfmittelräumdienstes in die Baggerkanzel. Dann wird zentimeterweise die Erde abgetragen. Mit der Baggerschaufel seitlich an einen Blindgänger zu schrammen, hat keine Folgen. Sollte die Schaufel aber einen der beiden Zünder berühren, dann könnte man wohl einen Bagger fliegen sehen.

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