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Region Kelheim
Freitag, 23. Februar 2018 2

Interview

Abschied vom Reden und Richten

Seit 2002 war Hermann Vanino Richter in Kelheim. Anfangs eher unfreiwillig, dann gerne, „in einem Dreamteam“.

Für den Interview-Termin musste er die Robe eigens nochmal hervorholen: Der langjährige Kelheimer Amtsrichter Hermann Vanino ist Ende 2017 in Pension gegangen. Foto: Hutzler

Kelheim.Seit Ende 2017 ist der Gerichtssaal passé für Hermann Vanino: Der Jurist Vanino ist in Pension gegangen – der Kommunalpolitiker Vanino (noch) nicht. Dass Kelheimer für den Regensburger zur beruflichen Heimat wurde, war anfangs nicht absehbar. Darüber und übers Richter-Sein haben wir mit ihm gesprochen.

Herr Vanino, Richter sollen neutral, gerecht, „ohne Ansehen der Person“ urteilen – geht das überhaupt? Sie haben doch auch Meinungen, Wertvorstellungen, mal gute, mal schlechte Laune.


Man muss versuchen, solche Einflüsse zu verdrängen und gerecht zu entscheiden, nachvollziehbar für den Angeklagten. Ein Richter sollte nicht als autoritäre Person in Robe auftreten. Sondern mit seiner Verhandlungsführung dem Angeklagten vermitteln: Du hast was angestellt, was wir jetzt erörtern und was eine Sanktion nach sich ziehen wird – aber eine gerechte.

Für den Interview-Termin musste er die Robe eigens nochmal hervorholen: Der langjährige Kelheimer Amtsrichter Hermann Vanino ist Ende 2017 in Pension gegangen. Foto: Hutzler

Sind Angeklagte so einsichtig?

Doch, das merkt man am Feedback: Die meisten haben meine Entscheidungen noch im Sitzungssaal akzeptiert. Einige haben sich sogar bedankt für das faire Verfahren. Selten zwar – aber da geht man nach einem anstrengenden Sitzungstag schon zufrieden heim.

Vielleicht waren einfach Ihre Urteile zu milde?

Nein, das würde ich nicht so sehen. Es gab Fälle mit harten Strafen. Einer ist mir da in Erinnerung geblieben: eine Rauferei zweier Gruppen im Festzelt; einer hat einen Aschenbecher auf einen Gegner geworfen – und eine unbeteiligte Frau getroffen. Sie hat ein Augenlicht verloren! Die Gewaltkriminalität insgesamt wird seit Jahren immer massiver. Früher war eine Schlägerei zu Ende, wenn einer am Boden lag. Heute wird der am Boden noch weiter gestiefelt, teils von mehreren, gezielt ins Gesicht. Da sind harte Strafen angebracht!

„Eine Strafe ist nicht nur Sühne für begangenes Unrecht, sondern soll auch Fehlentwicklungen in der Gesellschaft stoppen.“

Ist das gerecht: an einem Einzelnen ein Exempel zu statuieren?

Eine Strafe ist nicht nur Sühne für begangenes Unrecht, sondern soll auch Fehlentwicklungen in der Gesellschaft stoppen. So ein Signal setzt man sicher nicht als einzelner Richter. Aber in der Summe der öffentlichen Prozesse und der Medienberichte dazu kann man so ein Signal schon transportieren.

Politiker rufen dann gerne schnell nach härteren Strafen. Zu Recht?

Mitunter. Dass zum Beispiel das Sexual-Strafrecht massiv verschärft wurde, war richtig. Aber in der Regel ist unser Strafrecht ausreichend, gerade weil es meist einen Strafrahmen vorgibt für Geld- und Freiheitsstrafen. So kann der Richter für jeden Fall das richtige Strafmaß finden. Auch wenn das die Öffentlichkeit und die Medien mitunter als „zu mild“ oder „zu hart“ einstufen…

Haben Sie nachträglich über Ihre Urteile gegrübelt?

Ich gehöre eher zu den Richter-Typen, für die der Fall erledigt ist, wenn der Aktendeckel zu ist. Jeder kann ja gegen eine richterliche Entscheidung wiederum Rechtsmittel einlegen.

Ist Ihnen mal ein Fehlurteil unterlaufen?

Bei der Masse der Fälle nicht auszuschließen – aber bewusst könnte mich an keines erinnern. Es ist ja noch kein Fehlurteil – also die falsche Anwendung eines Gesetzes – wenn die nächste Instanz ein Urteil aufhebt. Sie beurteilt eben den Fall anders.

„Nicht der Täter muss seine Unschuld beweisen – sondern Staatsanwalt und Gericht müssen ihm die Schuld nachweisen.“

Wie urteilt man, wenn im Prozess zum Beispiel drei Zeugen drei völlig verschiedene Tatversionen schildern?

Der Richter liest ja vorab auch die Akten – Vernehmungsprotokolle etwa. Aber es bleibt mitunter schwierig. Unser Strafrecht sagt klar: Nicht der Täter muss seine Unschuld beweisen – sondern Staatsanwalt und Gericht müssen ihm die Schuld nachweisen. Sonst gilt: „Im Zweifel für den Angeklagten“!

Fanden Sie Freisprüche „aus Mangel an Beweisen“ ärgerlich?

Nein, das ist ein elementares Prinzip unseres Rechtsstaats!

Was hat Sie zur Justiz geführt?

Ich gehe gern mit Leuten um, kommuniziere gerne, beides muss man als Richter können. Und verantwortungsbewusst entscheiden. Man greift ja massiv in die Persönlichkeitsrechte Anderer ein, gerade bei Haft-Fragen. Ich war aber auch gerne Staatsanwalt: Man arbeitet mit der Polizei zusammen, gibt Anregungen für die Ermittlungen, ist teils selbst dabei, bei Razzien etwa.

Ihr Wechsel von der Regensburger Staatsanwaltschaft ans Kelheimer Amtsgericht war allerdings nicht ganz freiwillig…

Letztlich war es schon eine persönliche Entscheidung, mich 2001 für das Richteramt in Kelheim zu bewerben.

Nach außen aber wirkte es wie die Sanktion dafür, dass Sie in zwei schwerwiegenden Strafverfahren Monate lang zu langsam ermittelt haben. Das öffentliche ,Urteil’ war hart…

Es sind sicherlich Fehler von mir gemacht worden damals. Aber wer mich kennt, hat sicher nicht den Eindruck, dass ich ein fauler Staatsanwalt oder Richter war.


Das gefällt einem natürlich nicht. Es sind sicherlich Fehler von mir gemacht worden damals. Aber wer mich kennt, hat sicher nicht den Eindruck, dass ich ein fauler Staatsanwalt oder Richter war. Im Nachhinein betrachtet, war es damals zu viel für mich: die berufliche Belastung als Staatsanwalt, in der Referendarsausbildung – und das politische Engagement, als Fraktionsvorsitzender und rechte Hand des Regensburger OB. Folge war schon ein ,Karriereknick‘: beruflich vom höher eingestuften Gruppenleiter-Staatsanwalt zum Richter; in der Kommunalpolitik habe ich 2002 nicht mehr als Stadtrat kandidiert.

Seit 2008 sind Sie aber wieder Stadtrat, waren von 2014 bis 2017 sogar wieder CSU-Fraktionschef…

Ja, obwohl ich das Kapitel eigentlich abgeschlossen hatte. Ich bin schon leidenschaftlicher Kommunalpolitiker.

Wollten Sie auch beruflich zurück, nach Regensburg?

Das war zumindest anfangs eine Option. Aber mir hat es in Kelheim einfach gut gefallen: ein kleines, familiäres Gericht, kollegial – wir waren ein richtiges „Dream-Team“!

Auch, als 2011 just Herr Artinger von den Regensburger Freien Wählern Amtsgerichtsdirektor wurde?

Wir waren als Fraktionschefs öfter im Clinch – aber privat haben wir seit dem Studium ein freundschaftliches Verhältnis. Das muss man streng trennen. Stadtrats-Auseinandersetzungen werden zwar mal persönlich – aber es darf nie unter die Gürtellinie gehen.

Oberpfälzer und Regensburger

  • bezeichnet sich Hermann Vanino selbst: Geboren in Bruck, aufgewachsen in Amberg und Cham; Rekrut und Zeitsoldat in Roding und Regensburg. Seit dem Jura-Studium ist er „in Regensburg verwurzelt“.

  • Sein Faible fürs Rechtswesen

    hat Hermann Vanino noch bei der Bundeswehr entdeckt. Und das Studium zügig durchgezogen mit dem Ziel einer Staatsanwalt- und Richterlaufbahn. „Ziemlich vermessen“ angesichts der hohen Noten-Hürde, „aber wenn man sich kein Ziel vorgibt, wird‘s erst recht nichts.“ Die Noten-Hürde hat er genommen und erhielt die heiß begehrte einzige Richter-Planstelle in Regensburg. Seither war er im Landgerichts-Bezirk Regensburg als Richter und Staatsanwalt tätig.

Was sagen Sie zum Fall Wolbergs – der ja ein bisschen auch ein ,Fall Schaidinger’ ist?

Die ganze Entwicklung ist eine Tragödie für Regensburg, weil sie ein schlechtes Licht wirft auf die Stadt. Ob die Anklage gegen OB Wolbergs zugelassen wird, ob noch eine weitere Anklage folgt, was im Falle eines Prozesses rauskommt – das kann ich nicht sagen. Für den Stadtrat jedenfalls ist die Situation schwierig – mit einem OB, der vorläufig vom Dienst suspendiert ist.

Bleiben Sie, bei diesem Trubel, in der Kommunalpolitik aktiv?

Bis 2020 werde ich mein kommunales Ehrenamt gewissenhaft ausüben – die vielen Sitzungen, Termine federn ja auch den Wechsel in den Ruhestand ab. Danach? Man soll ja nie ,nie’ sagen. Aber ich werde im Mai 66. Mal sehen…

Gäbe es Freizeit-Alternativen?

Ja! Ich habe seit 2016 einen Enkel und entsprechende Opa-Einsätze. Ich genieße sehr, dass ich mehr Zeit habe, zum Skifahren, zum Radeln, heuer wohl auch wieder für die Jagd. Außerdem koche ich leidenschaftlich gern – da kann man dann auch besser auf gesunde Ernährung achten…

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