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Mittwoch, 19. September 2018 31° 1

Welterbe

Alle sehen sich als Gewinner

Die Erweiterung der Unesco-Welterbestätte „Grenzen des römischen Reichs“ um den Donau-Limes weckt Hoffnungen in Neustadt.
Von Jochen Dannenberg

  • Neustadt ist reich an römischer Geschichte. Einmal im Jahr kehren die Legionäre zurück. Foto: Firmin Forster
  • DasKastell ist nicht nur Ziel für Historiker, sondern auch Ort für Musiker. Foto: Dannenberg

Neustadt.Neustadts Bürgermeister Thomas Reimer, der auch Vorsitzender des Tourismusverbandes des Landkreises Kelheim ist, bedauerte im Gespräch mit unserem Medienhaus, dass er am Donnerstag nicht an der Konferenz zum Antrag auf Erweiterung der Welterbestätte „Grenzen des römischen Reichs“ in Künzing teilnehmen konnte. „Aber am Donnerstag stand bei uns der Haushalt 2018 für die Stadt Neustadt auf der Tagesordnung im Finanzausschuss“, erklärte Reimer.

Der Bürgermeister begrüßt ist optimistisch. „Wenn der Donau-Limes in die Welterbestätte ‚Grenzen des römischen Reichs‘ reingenommen wird, bedeutet das für eine deutliche Vermarktungschance im Bereich des Tourismus“, sagt er. Aufgrund der „Nahtstelle“ von „nassem“ und „trockenem“ Limes in Eining und Hienheim sieht Reimer sogar bessere Vermarktungschancen als an anderen Orten der Donau, da es sich beim Übergang vom nassen zum trockenen Limes um ein Alleinstellungsmerkmal handelt.

Offen ist derzeit, ob und welche Investitionen eine mögliche Einbeziehung der Donau ins Unesco-Welterbe nach sich ziehen könnten. Für Neustadt, so Reimer, „sehe ich derzeit keine großen finanziellen Belastungen.“ Der Bürgermeister vermutet, dass der Freistaat Bayern gefordert sein könnte. „Ich denke, dass der Freistaat in der Pflicht steht, mit entsprechenden Maßnahmen an der Donau nachzurüsten.“

Das Kastell war einst ein wichtiges Lager, so sah es möglicherweise aus. Foto: Firmin Forster
Das Kastell war einst ein wichtiges Lager, so sah es möglicherweise aus. Foto: Firmin Forster

Edi Albrecht, Heimatpfleger der Stadt Neustadt, begrüßt den Antrag auf Nominierung des Donau-Limes als Weltkulturerbe. „Der Übergang des obergermanischen-raetischen Limes zum Donau-Limes, also vom ‚trockenen‘ zum ‚nassen Limes‘, befindet sich mit vielen Hinterlassenschaften römischer Kultur in den Gemarkungen unserer Stadt.“ Edi Albrecht erinnert: „Wir sind bereits Kulturerbe! Seit der Erhebung des germanisch-raetischen Limes zum Weltkulturerbe im Jahr 2005 unternahm Neustadt etliche Anstrengungen, um ihrem römischen Erbe gerecht zu werden.“

Als ein Beispiel von mehren nennt der Heimatpfleger: „Das Auxiliarkastell im Ortsteil Eining döste jahrzehntelang in einem Dornröschenschlaf dahin, bot unregelmäßige Öffnungszeiten und wenig Informatives, präsentierte sich unzeitgemäß – es war schlichtweg unattraktiv!“ Ein Wettbewerb zur informations-technischen und optischen Aufwertung wurde eingeleitet und 2011 in kurzer Bauzeit umgesetzt. Nun zeigt sich das Kastell mit großen, begehbaren Zeitfenstern sowie einem Info- und Aussichtspavillon und wird von seither von vielen Besuchern aufgesucht. Die Kosten von rund 900000 Euro konnten mit städtischen Mitteln, Zuschüssen von Leader-, Limes- und Welterbemitteln sowie staatlichen Mitteln aus dem Bauunterhalt aufgebracht werden.

Edi Albrecht stellt darum fest: „Der Weltkulturerbe-Status schafft also die Möglichkeit einer zeitgemäßen Präsentation und Erfahrbarkeit unseres römischen Erbes. Die Stadt Neustadt unterstützt deshalb uneingeschränkt den Antrag ‚Weltkulturerbe Donau-Limes‘ als logische Fortführung des bereits nominierten germanisch-raetischen Limes und hofft auf eine baldige Anerkennung durch die Unesco.“

Logische Erweiterung

Dr. Joachim Zuber hat schon von Berufs wegen Interesse an den alten Römern und ihren Hinterlassenschaften im Landkreis Kelheim. Dr. Zuber ist Kreisarchäologe. „Der Antrag auf Erweiterung der Welterbestätte ‚Grenzen des römischen Reichs‘ ist in sich logisch, nachdem es schon beim bestehenden Welterbe um den Bereich vom Rhein zur Donau geht“, sagt Dr. Zuber. Er ist überzeugt, dass die Erweiterung des Welterbetitels mehr Öffentlichkeit für das historische Erbe schaffen wird.

Ganz uneigennützig ist der Archäologe in Diensten des Landkreises Kelheim dabei nicht. Zuber ist überzeugt, dass Einheimische und Touristen gleichermaßen am Limes interessiert sind, wobei die zahlreichen Fundstätten in der Region manchmal auch zu einem gewissen Befremden führen können. „Das Erstaunen ist groß, wenn die archäologischen Funde und Untersuchungen direkt vor der eigenen Haustür stattfinden“, sagt der Kreisarchäologe. Und dann bei Bodendenkmälern die Archäologen anrücken. Zuber betont, auch der Schutz der Bodendenkmäler, von denen man normalerweise nichts sieht, sei notwendig.

Zuber ist von dem Antrag bei der Unesco überzeugt, auch wenn von der Donau als Limes und möglicherweise künftigen Welterbestätte nicht mehr als bisher zu sehen sein wird, sei der Titel wichtig. „Wenn der Antrag durchgeht, wird man gewiss an geeigneten Stellen Tafeln mit Erklärungen anbringen. Damit ist schon was gewonnen“, sagt er. „Ich sehe das auch im Altmühltal. „Immer wieder bleiben Radfahrer stehen, um sich die Erklärungen durchzulesen.“ Das könne sich positiv auf die Gastronomie auswirken und zu erhöhten Ausflugsverkehr führen.

Als Wissenschaftler hat Dr. Zuber noch eine ganz andere Hoffnung. „Ich wünsche mir, dass an bestimmten Stellen zerstörungsfreie Prospektierungsmethoden angewendet werden, um Aufschluss zu schaffen, was da noch im Boden steckt. Ich nehme außerdem an, dass die Erweiterung des Welterbetitels zu einer gewissen Belebung der Forschung führen wird.“

„Einzigartiges Erlebnis“

Prof. Dr. C. Sebastian Sommer, Landeskonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und Vorsitzender der Deutschen Limes-Kommission, war viele Male im Kastell Abusina in Eining. Er ist mit der besonderen Situation in Eining – Übergang vom trockenen zum nassen Limes sowie den zahlreichen Fundstellen (u.a. Weinberg, Wachturm, Badeanlagen) – vertraut. Sommer ist federführend am Unesco-Antrag beteiligt. Er verriet: „Das Schreiben des Welterbeantrags Donaulimes war ein einzigartiges Erlebnis.“

Abusina wurde mehrfach umgebaut. Im Nordwesteck gab es einst einen Turm. Foto: Dannenberg
Abusina wurde mehrfach umgebaut. Im Nordwesteck gab es einst einen Turm. Foto: Dannenberg

Das Projekt erstreckt sich in Bayern von Eining bis Passau. Dort geht es über nationale Grenzen hinweg und bezieht weitere Länder mit ein. Prof. Dr. Sommer erläutert: „Unser Antrag für das zukünftige Welterbe ‚Grenzen des römischen Reichs – Donaulimes‘ umfasst auf 2300 Seiten 98 Orte aus vier Ländern – Ungarn, Slowakei, Österreich und Deutschland.“ Sommer: „Wir sind schon ein bisschen stolz darauf.“

„Transnationale Welterbeanträge, wie der Donaulimes“, bestätigt der Leiter der Praktischen Bodendenkmalpflege am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, „haben die besondere Chance, dass sie Wissenschaftler, Denkmalpfleger und die Öffentlichkeit aus Ländern zusammenbringen, die sonst wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben – im Sinne des Europäischen Kulturerbejahrs 2018 ein wahrhaftiges ‚Sharing Heritage‘!“

„Schöne Herausforderung“

Christine Vogel, Geschäftsführerin der Regensburger Veranstaltungsagentur „Stadtmaus“,organisiert das Römerfest „Salve Abusina“. Es lockt jedes Jahr mehrere Tausend Besucher nach Eining und hat sich inzwischen als das große Römerfest in Süddeutschland etabliert. Die Geschäftsführerin der „Stadtmaus“ ist überzeugt: „Ein Unesco-Welterbe ist nicht nur eine Worthülle, sondern eine Verantwortung. Es ist eine schöne Herausforderung, diesen Titel mit Leben zu füllen. Ein Welterbe soll für die Menschen der Region und für Besucher von außerhalberlebbar sein. Mit der Organisation von Bayerns größtem Römerfest, ‚Salve Abusina‘ in Eining / Bad Gögging, sehen wir als Veranstaltungsagentur darin unsere Aufgabe.“

Die „Stadtmaus“ organisiert „Salve Abusina“ inklusive Gkladiatoren. Foto: Firmin Forster
Die „Stadtmaus“ organisiert „Salve Abusina“ inklusive Gkladiatoren. Foto: Firmin Forster

Weiter sagt Christine Vogel: „Seit 2011 lassen wir mit großer Leidenschaft und mit viel Liebe zum Detail im Auftrag der Stadt Neustadt und der Tourist-Info Bad Gögging die Antike im ehemaligen Kohortenkastell Abusina wieder aufleben. Wir stellen jedes Jahr ein Fest mit unterschiedlichsten Legionärsgruppen, römischen Handwerken und Händlern sowie wissenschaft- lichen Vorträgen auf die Beine. Dadurch können unsere Gäste in das Leben von vor 2000 Jahren eintauchen und den Alltag der Soldaten und der römischen Zivilbevölkerung hautnah erleben.“

Die „Legio III. Italica“ aus Ingolstadt nimmt jedes Jahr am Römerfest teil. Foto: Protz
Die „Legio III. Italica“ aus Ingolstadt nimmt jedes Jahr am Römerfest teil. Foto: Protz

Fritz Steindle ist Chef der „Legio III. Italica“ aus Ingolstadt, eine Gruppe echter Bayern, die in ihrer Freizeit das Leben römischer Legionäre nachstellt und seit Jahren fester Bestandteil des Römerfestes „Salve Abusina“ ist. Er sagt: „Ich finde es gut, dass man mit der Erweiterung der Welterbestätte die Bedeutung der Grenzen des Römischen Reichs weiterverfolgt. Das rückt den Limes noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit.“ Freizeit-Legionär Steindle betont: „Es geht hier auch um unsere Heimatgeschichte.“ Deshalb ist Steindle von der Arbeit seiner Gruppe überzeugt. „Die Bürger sehen, was wir machen, ist experimentelle Archäologie.“ Und das spricht sich auch bis an den Arbeitsplatz Steindles bei der Bayernoil-Raffinerie in Vohburg herum. Da wird der Freizeit-Legionär nämlich immer wieder von den Kollegen darauf angesprochen, wie das denn damals war bei den Römern. Steindle kann dann viel erzählen.

Bilder vom Leben der Römer in Abusina:

Legionäre und Gladiatoren in Abusina

Er hofft, dass der Titel neue Zuschüsse bringt. „Es würde mich freuen, wenn es auch mehr Mittel für Forschung und Präsentation und Museen zu unserem Thema geben wird.“ Die Entwicklung im Kastell Abusina in Eining sieht er als einen wichtigen Schritt. „Das wurde in den letzten Jahren von null auf 100 gebracht. Und die Römertage haben sich als Veranstaltung etabliert.“

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