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Justiz

Autofahrer ballert seine Wut heraus

Wie im Wilden Westen: Ein 21-Jähriger und sein Freund standen in Kelheim vor Gericht – weil eine Pkw-Fahrt mächtig eskalierte
Von Beate Weigert

  • Die sechs Insassen zweier Autos trafen sich nun vor dem Kelheimer Gericht wieder. Es ging um einen Abend im Juni 2016. Foto: Marcus Führer/dpa
  • Auf den ersten Blick konnten die Geschädigten nicht erkennen, dass es sich um keine scharfe Waffe handelte. Symbolfoto: dpa

Kelheim.Selbst wenn er vom anderen Autofahrer provoziert worden sein sollte, sei das noch lange kein Grund diesen auszubremsen, am Überholen zu hindern und ihm bis nach Hause hinterherzufahren, betonte die Kelheimer Jugendschöffenrichterin Claudia Nißl-Neumann. Was sich dann an einem Frühsommerabend 2016 in Mainburg abspielte, erinnert eher an den Wilden Westen, denn an den Landkreis Kelheim.

Spielchen auf der Straße

Ein damals 19-Jähriger war mit seinem nun mitangeklagten Kumpel im sportiven Kleinwagen abends auf dem Nachhauseweg. Warum genau er zwischen Geisenfeld und Aiglsbach mit dem Lenker eines nachfolgenden Wagens in Zwist geriet, konnte auch die mehrstündige Verhandlung am Kelheimer Amtsgericht nicht klären.

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft beschleunigte der junge Autofahrer immer wieder, um den anderen kurze Zeit später wieder auszubremsen. Er fuhr von dannen, um etwa am Ortsausgang von Aiglsbach wieder auf den anderen zu warten und die Spielchen fortzusetzen. Als der vermeintliche Kontrahent in einem Mainburger Ortsteil abbog, weil er dort wohnt, folgte ihm der junge Mann und brüllte ihm vom Auto aus zu, ob er und seine Mitfahrer ein Problem hätten.

Warum genau der 21-Jährige zwischen Geisenfeld und Aiglsbach mit dem Lenker eines nachfolgenden Wagens in Zwist geriet, konnte auch die mehrstündige Verhandlung am Kelheimer Amtsgericht nicht klären. Foto: Archiv/Weigert
Warum genau der 21-Jährige zwischen Geisenfeld und Aiglsbach mit dem Lenker eines nachfolgenden Wagens in Zwist geriet, konnte auch die mehrstündige Verhandlung am Kelheimer Amtsgericht nicht klären. Foto: Archiv/Weigert

Als er in der Sackgasse wenden musste, stellte sich ihm der 53-jährige Lenker des anderen Wagens in den Weg, um zu erfahren, warum er sich so aggressiv benehme. Der junge Autofahrer fuhr auf den Mann zu und stoppte laut Anklage nur wenig vor ihm. Im weiteren kurzen Gespräch soll der heute 21-Jährige den Älteren mit einer Pistole bedroht haben. Plötzlich gab er laut Anklage und Zeugenaussagen Vollgas und feuerte beim Wegfahren zwei bis drei Schüsse ab.

Polizeistreifen rückten an

Der 53-Jährige und der Rest seiner Fahrgemeinschaft waren geschockt und riefen die Polizei. Die rückte zum Einsatz mit „Schusswaffengebrauch“ mit allem aus, was sie hatte, schilderte eine eingesetzte Beamtin vor dem Jugendschöffengericht. Auch wenn es keine Verletzten gab, war die Lage als brisant eingestuft worden.

Weil sie sich die vier Autoinsassen das Kennzeichen merkten, war der Fahrzeughalter schnell gefunden und dessen Sohn als Fahrer identifiziert. Der war beim ersten Gespräch als sehr aggressiv, uneinsichtig und unfreundlich, sagte die Polizistin. Vor Gericht erklärte der junge Mann, er habe sich seinerseits vom anderen Fahrer genötigt gefühlt, u.a. durch dessen Lichthupe.

Späte Entschuldigung, viel Aggression

  • Die Tat passierte

    am 9. Juni 2016. Über ein Jahr später flatterte dem 53-jährigen Geschädigten via Anwalt ein Entschuldigungsbrief samt finanziellem Entschädigungsangebot ins Haus. Der 53-Jährige erklärte vor Gericht: „Er hatte mehr als ein Jahr Zeit, um sich persönlich zu entschuldigen, das kam zu spät.“ Auf dem Land sei es üblich, wenn man etwas verbocke, dass man persönlich zum anderen gehe und sich entschuldige. Der Angeklagte konterte, dass ihm sein Anwalt unmittelbar nach der Tat davon abgeraten habe. Beim Jugendhilfe-Interview hatte er allerdings einen anderen Grund angegeben.

  • Eine schädliche Neigung

    bezüglich Aggressionspotenzial und „erhebliche Erziehungsmängel“ sah Vorsitzende Richterin Claudia Nißl-Neumann bei dem 21-Jährigen. Da der junge Handwerker zwecks seiner Arbeit nicht regelmäßig ein Antiaggressionstraining aufsuchen kann, erhielt er zur sechsmonatigen Jugendstrafe solch ein Coaching per zweiwöchigen Jugendarrest dazu. Er müsse lernen, dass es eben keine Lösung ist, einem anderen gleich „eine Waffe unter die Nase zu halten“. Sechs Monate Jugendstrafe seien Mindestmaß, da kann man nicht runtergehen, erklärte Richterin Nißl-Neumann weiter. (re)

Was die Geschädigten zunächst nicht ahnen konnten – es war keine scharfe Waffe, sondern eine Druckgaspistole. Die durfte der Mann zwar besitzen, aber nicht auf öffentlichem Grund mit sich führen oder gar benutzen – denn einen kleinen Waffenschein besitzt er nicht.

Bis auf Details bestätigte die Verhandlung den Sachverhalt. Die Hauptpunkte räumten die beiden Angeklagten auch ein.

Der damals 18-jährige Freund und Beifahrer war über den Ausraster seines Kumpels sehr erschrocken, erklärte er vor Gericht. Er habe diesem aber einen Gefallen tun wollen und die Waffe bei sich zuhause im Werkzeugschrank versteckt. Nachdem die Polizei anrückte, gestand er dies jedoch schnell und gab die Waffe heraus.

Das brachte ihm eine Anzeige wegen versuchter Strafvereitelung ein. Wegen dieser wurde der „passive Part“ im Auto zu einer Geldauflage von 500 Euro zugunsten der Mainburger Tafel verurteilt.

Das „starke Stück“ hatte sich jedoch der bislang ebenfalls nicht vorbestrafte Freund geleistet, so Richterin Nißl-Neumann. „Es tut mir leid, ich weiß, dass das blöd war, es war eine Kurzschlussreaktion“, betonte dieser mehrfach in der Verhandlung.

Warnschuss „Jugendarrest“

Weil ihm der Vertreter der Jugendhilfe eine mögliche Reifeverzögerung attestierte, wurde er nach Jugendstrafrecht verurteilt. Das Jugendschöffengericht sprach ihn schuldig wegen Nötigung in Tateinheit mit gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr sowie wegen Nötigung und unerlaubten Führens einer Waffe. Dafür bekam der 21-Jährige sechs Monate Jugendstrafe auf Bewährung, zudem muss er als „Warnschuss“ für zwei Wochen in Jugendarrest (s. Infostück).

 „Wir sind hier nicht im Wilden Westen“, redete die Richterin dem 21-Jährigen ins Gewissen. Foto: Archiv/Weigert
„Wir sind hier nicht im Wilden Westen“, redete die Richterin dem 21-Jährigen ins Gewissen. Foto: Archiv/Weigert

Obendrein wird seine Fahrerlaubnis für acht Monate eingezogen. Durch die Aktion habe er sich als ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen erwiesen, hatte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer bemerkt. Nach acht Monaten kann er den Führerschein neu beantragen. „Wir sind hier nicht im Wilden Westen“, redete die Richterin dem 21-Jährigen ins Gewissen.

Die vom Anwalt angeratene und absolvierte 45-minütige Caritas-Beratung sei kein Antiaggressionstraining. Über zwei Jahre muss er sich nun bewähren. In der Zeit steht ihm ein Bewährungshelfer zur Seite. Die Druckgaspistole sowie eine weitere Schreckschusswaffe wurden eingezogen.

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