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Geschichte

Bad Gögginger: „Wir sind das Römerbad“

Der Kurort wird 100. Die Soziologin Dr. Ursula Richter sagt: Daran ist neben einigen Männern auch eine Frau beteiligt.

Lang ist es her: Einst trieben die Einwohner des Kurortes zur Abens, die als Tränke genutzt wurde. Inzwischen hat sich Bad Gögging zu einem modernen Kurort entwickelt. Foto: Stadtarchiv Abensberg

Bad Gögging.Der Countdown für das große Jubiläum des Kurorts läuft. Im nächsten Jahr ist es hundert Jahre her, dass Bad Gögging zum „Bad“ ernannt wurde. Passend zum Jubiläum wird es auch eine Jubiläumsschrift geben. Sie wird von Dr. Ursula Richter geschrieben. Sie hat den Kurort als Kind erlebt, ehe sie Soziologie studierte und Professorin wurde. Sie sagt, die Entwicklung des Ortes sei fast schon „märchenhaft“.

Vita

  • Dr. Ursula Richter studierte ab 1976 Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Danach Forschungsstudium an der University of California, Santa Barbara, und University of California, Los Angeles, USA. 1989 Promotion.

  • Ab 1992 Lektorin am Institut für Germanistik an der University of Miyazaki, Japan. 2006 und 2007 Lehrbeauftragte an der Universität von Fuzou (China). Seit 2003 Schriftstellerin und Autorin zahlreicher Bücher zum Thema „Frau in der Gesellschaft“. Foto: wo

Dabei stand am Anfang dieser Entwicklung keineswegs die große Begeisterung der Bürger. „Das Dorf hatte sich zuerst geweigert, ein Kurort zu sein“, sagt Dr. Ursula Richter. Es seien insbesondere die Landwirte gewesen, die sich einst eine Zukunft als Kurort nicht vorstellen konnten. In Gögging gab es zwar seit Alters her mehrere Schwefelquellen. Deren gesundheitliches und wirtschaftliches Potenzial war jedoch weitgehend unbekannt. Gögging war vor allem Dorf. Es gab keinen Kurpark, keine Kliniken. Die Kühe wurden zur Abens getrieben, die als Tränke für das Vieh genutzt wurde. Und noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kamen auf die 600 Einwohner gerade einmal 600 Kurgäste im Jahr. Noch 1970 gab es insgesamt 28 Milchlieferanten im Ort, wobei manche Bauern nur eine Kuh oder ein paar Ziegen hatten.

Erstes Kurhaus um 1870

Dabei befand sich der Ort längst im Wandel. Um 1870 entstand der Kern dessen, was einen Kurort ausmacht – ein Kurhaus, die heutige Römerbad-Klinik. Das wurde 1908 von einer Frau, der seinerzeit 24-jährigen Betty Hauber, übernommen.

Über sie ist nicht viel bekannt, die Unterlagen in den Archiven sind lückenhaft. So viel fand Dr. Ursula Richter dann aber doch heraus: Barbara „Betty“ Hauber stammte aus Blindheim bei Dillingen, wo ihr Vater eine Käserei betrieben hatte. Möglicherweise über Österreich kam die junge Frau nach Gögging und kaufte dort ein Haus. Warum und mit welchem Geld sie das Anwesen bezahlte, ist unklar. Eventuell stammte der Betrag aus dem Verkauf eines Hauses ihres Vaters.

Auf jeden Fall wurde Betty Hauber zur Pionierin des Kurortes. Sie setzte sich für den Schutz der Schwefelquelle ein und ebnete den Weg für die weitere Entwicklung des Dorfes. „Sie war eine supertolle Frau“, ist die Soziologin überzeugt. Betty Hauber behauptete sich als Frau in einer Gesellschaft behauptete, die von Männern dominiert wurde und sie schaffte es, das Kurhaus durch schwierige Zeiten – zwei Weltkriege und die Hyperinflation der zwanziger Jahren – zu führen. Dieser „Zugeroasten“ widmet Dr. Ursula Richter ein eigenes Kapitel in ihrem Buch.

Ihr Buch, verrät die Autorin, soll nicht die übliche Chronik werden. Sie sagt: „Ich bin Soziologin, ich bin an den Menschen interessiert.“ Deshalb sei es für sie wichtiger, statt der nackten Zahlen die Geschichten der Menschen, um die es im Kurort geht, zu erzählen. Viele kennt die Soziologin aus eigenem Erleben, denn als Kind lebte sie mit ihren Eltern, die aus dem Sudetenland im heutigen Tschechien stammten, auch in Bad Gögging.

Wie ein roder Faden

Als Dreijährige kam sie 1945 in den Kurort. Ihr Vater lag verletzt im Römerbad, das während des Zweiten Weltkrieges als Lazarett diente. Mit Karl Zettl, der die Römerbad-Klinik später kaufte, ging sie zur Schule. Er war es, der sie jetzt anlässlich des Jubiläums im Kurort fragte, ob sie ein Buch über Bad Gögging schreiben könne. Viel hat Dr. Richter seither recherchiert. Das Buch wird rund 300 Seiten umfassen und dürfte in den nächsten Wochen fertig werden. Es ist der Moment, in dem die Autorin getrost eine erste Bilanz zur Entwicklung des Ortes ziehen kann.

Bad Göggings Bürgermeister Josef Kronauer überreichte 1965 Pfarrer Karl Rüth die Ehrenbürgerurkunde der Gemeinde Bad Gögging. Foto: Kronauer

Es sei ihr vieles aufgefallen, sagt sie. Wichtig für das Dorf seien nicht nur Betty Hauber und die Ernennung zum „Bad“, sondern auch Pfarrer Karl Rüth gewesen. Über ihn sagte schon Ortschronist Josef Kronauer gegenüber unserem Medienhaus: „Ab Frühjahr 1952 zog sich sein Name durch die Entwicklung des Ortes wie ein roter Faden.“ Der Geistliche trieb u. a. den Bau der Siedlung der Donauschwaben und den Kirchenneubau, aber auch die Gestaltung der Dorfmitte voran. „Pfarrer Rüth war auch der Vater des neuen Kurzentrums“, sagt Kronauer und meint damit die Entwicklung des „neuen Kurortes“ südlich der Abens. Dr. Richter sieht am Pfarrer noch eine andere Seite: „Er war ein Geschäftsmann. Seine Idee lautete, man muss das Heilwasser nutzen.“ Weitere Faktoren wie die Gründung des Zweckverbands sowie das Engagement von Erich Griebl von der Raiffeisenbank Bad Gögging und die Eingemeindung nach Neustadt beeinflussten die Entwicklung zum modernen Kurort nachhaltig.

„Alles war möglich“

Die Autorin stellt fest: „Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich Bad Gögging entwickelte. Alles war möglich. Ich finde es eine ungewöhnliche Geschichte, dass in einem ländlichen Raum derartige Ideen gestreut und umgesetzt werden konnten.“

Die Geschichte des Dorfes ist für Dr. Ursula Richter damit nicht zu Ende. Der alte und der neue Teil des Kurortes seien zu wenig miteinander verbunden, meint sie. „Es haben sich zwei Teile herausgebildet.“ Die Aufgabe, vor der Bad Gögging steht, ist für die Autorin deshalb klar: „Die Aufgabe für das Dorf ist die Verzahnung, die Schnittmenge zwischen dem alten und dem neuen Dorf besser hinzukriegen.“

Bad Gögging hat sich zum modernen Kurort entwickelt. Ein Mittelpunkt ist die Limes-Therme. Foto: Dr. Satzl

Gut möglich, dass Bad Gögging diesen Schritt schafft. Die Skepsis, mit der die Einwohner einst dem Kurwesen begegneten, ist verschwunden. „Es gibt einen Wandel der Identität“, stellt die Soziologin fest. Die Einwohner begriffen sich nicht mehr als dörfliche und landwirtschaftliche geprägte Bevölkerung. Stattdessen sagen sie: „Wir sind das Römerbad.“ Und verweisen damit auf die 2000-jährige Geschichte des Badewesens in Bad Gögging. Möglicherweise ersetzt das auch die klassische Gründungsgeschichte des Ortes. Im Gegensatz zu vielen anderen Orten wurde Bad Gögging nicht wie zum Beispiel Sittling oder Abensberg von Adeligen gegründet.

Bad Gögging wird 100

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