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Region Kelheim
Dienstag, 21. August 2018 29° 3

Käferbefall

Bäume brüten ihre eigenen Todfeinde aus

Hitze, Dürre – Borkenkäfer: Im Wald herrscht Alarmstufe Rot. Die Waldbesitzervereinigung Kelheim will das Problem auslagern.
Von Martina Hutzler

Ottmar Kürzl (re.) und Rupert Gruber müssen nicht lange suchen, bis sie am Lagerplatz fündig werden: Unzählige Larven unter der Rinde! Foto: Hutzler
Ottmar Kürzl (re.) und Rupert Gruber müssen nicht lange suchen, bis sie am Lagerplatz fündig werden: Unzählige Larven unter der Rinde! Foto: Hutzler

Kelheim.Mit dem Messer lupft Ottmar Kürzl ein Stück Rinde vom Baumstamm hoch: Drunter wimmelt es von weißen Larven. Diese Borkenkäfer von morgen können keinen Schaden mehr anrichten, denn ihr Wirtsbaum ist gefällt und liegt jetzt am Holzlager der Waldbesitzervereinigung (WBV) Kelheim-Thaldorf. Aber stünde die Fichte noch im Wald, würde sie Totengräber für ihre Nachbarbäume ausbrüten. Die Borkenkäfer-Bestände explodieren gerade – während der Absatz gefällter Bäume stagniert, berichtet WBV-Geschäftsführer Kürzl. Und nicht nur deshalb ist heuer aus Waldbesitzer-Sicht ein Alp-Traumsommer, ergänzt WBV-Vorstand Rupert Gruber.

„Bei mir am Grundstück ist jetzt ein Bach eingetrocknet, der noch nie trocken war“: An solchen Zeichen erkennt der Forst- und Landwirt Gruber, „dass jetzt wohl selbst im Wald, der ja die Feuchtigkeit lang hält, die Wasservorräte erschöpft sind.“ Gerade der Flachwurzler Fichte leidet unter dem Trockenstress und wird umso anfälliger für den „Buchdrucker“, also die Borkenkäfer-Art, die momentan Massenbestände bildet. Reagieren Waldbesitzer nicht, drohen immense Schäden.

Augen auf im Wald

  • Suchen:

    Für Borkenkäfer ist das aktuelle Wetter optimal: Wo Käfernester unentdeckt bleiben, droht binnen Tagen ein Massenbefall. Daher sollten Waldbesitzer wöchentlich ihre Bestände kontrollieren.

  • Erkennen:

    Die Fichte mag grün und vital ausschauen – befallen kann sie trotzdem sein. Suchen sollte man daher vor allem Bohrmehl am Stamm und Stammfuß, oft in Spinnennetzen.

  • Entscheiden:

    „Der wird schon wieder“, diese Hoffnung trügt bei Fichten mit Käfer, warnt Ottmar Kürzl: Zeigt ein Baum nur die geringsten Befalls-Anzeichen, sollte er sofort gefällt werden, rät er.

Danach hatte es heuer erst gar nicht ausgesehen: Später Frost bremste die Käfer lange aus, Schnee versorgte die Wälder mit Wasser, blendet Ottmar Kürzl zurück. Aber dann schaltete das Wetter binnen weniger Tage auf Sommer um, und: Es standen extrem viele überwinternde Käfer vom Vorjahr schon in den Startlöchern.

„Friederike“ versorgte die Säger

Seit Mitte Juli ist bei der WBV daher die Menge an Käfer-Holz rapide gestiegen, auf mittlerweile gut 3000 Festmeter. Es droht eine ähnliche Bilanz wie 2017: Da war fast die Hälfte des Einschlags, den die WBV zu vermarkten hatte, Käfer-Holz, sprich: in Qualität und Preis schlechter als geplante Holzernte. Heuer sind obendrein die Sägewerke mehr als ausgelastet: Orkan Friederike fällte im Norden und Osten Deutschlands Unmengen an Bäumen, „da liegt teils jetzt noch Holz“, weiß Rupert Gruber. Zudem bekommen die Sägewerke aus Tschechien viel Käferholz zu Schleuderpreisen. Und in der Urlaubszeit brauchen die Säger sowieso weniger Nachschub. Unterm Strich also „schlechte Karten für Waldbesitzer“, so Kürzl. Daher der Notfall-Plan der WBV. Zu besichtigen an der Abensberger Straße in Kelheim, auf Höhe vom BRK-Kreisverband.

Der Holzlagerplatz der WBV Kelheim an der Abensberger Straße in Kelheim Foto: Hutzler
Der Holzlagerplatz der WBV Kelheim an der Abensberger Straße in Kelheim Foto: Hutzler

Dort lagern bereits gut 600 Festmeter Holz, weitere 400 haben noch Platz. Die WBV hat dieses Lager organisiert, um den Verkaufsdruck zu mildern und zugleich den Käfern ungiftig den Garaus zu machen.

Denn für Waldbesitzer reicht es nicht, so oft wie möglich nach Käferbefall zu suchen und befallene Bäume schnellstens zu fällen. Auch liegende Stämme brüten weiter Unmengen an Käfer-Nachwuchs aus. Eine Option wäre, sie mit Insektiziden zu behandeln: Erlaubt zwar, „aber das würden wir gern vermeiden“, sagt Ottmar Kürzl. Der Staat ebenso, weshalb er vier Euro Zuschuss je Festmeter für die Alternative gewährt: Abtransport und Zwischenlagerung des Holzes.

Bohrmehl am Stammfuß ist ein sicheres Indiz, das sich weiter droben im Stamm gerade Borkenkäfer-Larven sattfressen. Foto: Archiv/Schoplocher
Bohrmehl am Stammfuß ist ein sicheres Indiz, das sich weiter droben im Stamm gerade Borkenkäfer-Larven sattfressen. Foto: Archiv/Schoplocher

500 Meter Abstand zum nächsten Fichtenbestand, das ist die Hauptbedingung für solche Lagerplätze, wie sie die WBV der an der alten B16 auch erfüllt. Im Wald selbst muss außerdem das Gipfelholz unbedingt gehäckselt werden, es bliebe sonst ebenfalls Käfer-Brutstätte, ergänzt Kürzl.

Ein Lichtblick am Markt

Er hat zwar noch einen zweiten Lagerplatz in petto, hofft aber, das Holz trotz schleppender Nachfrage kontinuierlich abzuverkaufen – auch wenn um die 50 Euro je Festmeter „sehr mau“ sind. Aber das Lagern würde die Qualität weiter mindern, denn Käferholz ist anfällig für den Blaufäule-Pilz. Zumindest einen Lichtblick gibt es: Baukonjunktur und Auslands-Absatz boomen nach wie vor. „Sonst würden wir ersticken in Holz“, schwant es dem WBV-Geschäftsführer.

Die eher geringe Erlös ist es oft gar nicht, was Waldbesitzer deprimiert, wenn ihnen Kürzl das Ausmaß des nötigen Einschlags eröffnet. „Für viele ist es eine emotionale Sache, wenn im Bestand, der über Generationen gepflegt wurde, auf einen Schlag so viel gefällt werden muss.“ Und noch etwas kommt hinzu: Ratlosigkeit.

Unter der Rinde sind unzählige Fraßgänge der Käferlarven zu finden. Foto: Hutzler
Unter der Rinde sind unzählige Fraßgänge der Käferlarven zu finden. Foto: Hutzler

„Am Schluss fragt fast jeder: ,Und was pflanz’ ich denn da jetzt an??!“ Für viele war die Fichte seit je her die Baumart, die mit wenig Aufwand guten Ertrag brachte. Doch ein reiner Fichtenwald, überhaupt: Monokultur, „geht einfach nicht mehr“, bestätigt Rupert Gruber.

Nicht nur in Kelheim – allerorten machen sich Forstleute Gedanken über den Wald der Zukunft.

Wald im Hitzestress

Mit den immer häufigeren Wetterextremen, mit alten und neuen Schädlingen hat jede Baumart zu kämpfen. „Alles ausprobieren und auf Mischwälder setzen“, rät die WBV daher seit langem. Auch in der Forschung ist dies ein immer wichtigeres Thema. Auch, weil das am ehesten vor Totalverlust bewahrt.

Darüber hinaus, fordert Rupert Gruber, sollte das Bild des Jammers, das Bäume vielerorts abgeben, endlich Anstoß sein, weniger Kohlendioxid in die Luft zu blasen. „Der viel zu hohe CO2-Gehalt ist schuld, dass Klima-Extreme fast schon Normalität sind“, ist er sicher. „Und wenn das jetzt sogar den Wald schwächeln lässt, dann schreitet der Klimawandel immer noch schneller voran!“

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