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Urteil

Bewährung für Box-Kicker

Viele Zeugen, zwei Versionen, eine Meinung: Der Faustschlag eines Fußballers war Körperverletzung, aber keine „gefährliche“.
Von Martina Hutzler

Jubel mit gereckter Faust – ja, das komme im emotionsgeladenen Fußball schon mal vor. Aber die Faust ins Gesicht des Kontrahenten donnern: Das geht gar nicht, waren sich alle Parteien im Prozess einig. Foto: Weigel/dpa
Jubel mit gereckter Faust – ja, das komme im emotionsgeladenen Fußball schon mal vor. Aber die Faust ins Gesicht des Kontrahenten donnern: Das geht gar nicht, waren sich alle Parteien im Prozess einig. Foto: Weigel/dpa

Kelheim.„Elf Freunde sollt ihr sein“: Von diesem Motto haben sich auch am zweiten Prozesstag wohl Fußballer zweier gegnerischer Teams leiten lassen bei ihren Zeugenaussagen am Kelheimer Amtsgericht. So trugen sie nur bedingt zur Aufklärung dessen bei, was im Dezember 2015 bei einem – ausgerechnet! – Benefiz-Kick in Mainburg einem Spieler ein blaues Auge plus doppelten Jochbein-Bruch einbrachte. Und dem boxenden Kontrahenten eine Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung. Die sah das Gericht am Ende aber nicht mehr als erwiesen an, sondern „nur“ noch eine vorsätzliche Körperverletzung. Freilich eine so heftige, dass Richterin Claudia Nißl-Neumann es nicht bei einer Geldstrafe beließ. Sie verhängte acht Monate Haft auf Bewährung – auch weil so ein Urteil eine abschreckende Wirkung auf die Allgemeinheit bewirken müsse, erklärte sie. Der Weg in die nächste Instanz dürfte freilich schon feststehen.

Die Aufstellung am zweiten Verhandlungstag ähnelte der zu Prozessbeginn: Teamkollegen des Angeklagten beteuerten unisono, dass sein späteres Opfer wohl genervt vom 0:3-Rückstand seiner (Abensberger) Mannschaft war und den Angeklagten mit einem Kopfstoß auf die Brust provoziert habe. Der habe dann „reflexartig“ mit dem Faustschlag gekontert.

Genauso einhellig beteuerte das Mainburger Opfer-Team, nichts von einem Kopfstoß ihres Mitspielers mitbekommen zu haben: Allenfalls geschubst habe er den Angeklagten, und sei auch schon im Weggehen gewesen, als ihn die Faust mit voller Wucht traf. Auch zwei Zuschauer – darunter der Turnier-Organisator – bestätigten den Kopfstoß nicht, wohl aber den wuchtigen Boxschlag: „Ich hab’ schon viel gesehen im Fußball, aber so was noch nicht“, sagte einer.

Jubel mit gereckter Faust – ja, das komme im emotionsgeladenen Fußball schon mal vor. Aber die Faust ins Gesicht des Kontrahenten donnern: Das geht gar nicht, waren sich alle Parteien im Prozess einig. Foto: Weigel/dpa
Jubel mit gereckter Faust – ja, das komme im emotionsgeladenen Fußball schon mal vor. Aber die Faust ins Gesicht des Kontrahenten donnern: Das geht gar nicht, waren sich alle Parteien im Prozess einig. Foto: Weigel/dpa

Feilschen ums Schmerzensgeld

Den Zeugenaussagen voraus ging ein Feilschen um Schadensersatz-Ansprüche des Opfers, der im Prozess Nebenkläger war. Sein Rechtsbeistand Wolfgang Hofmann hatte beantragt, dass der zivilrechtliche Schadensersatzanspruch seines Mandanten im Strafprozess gleich mit geklärt wird („Adhäsions-Verfahren“). Er schlug nun 12 000 Euro Schadensersatz vor, plus die Erstattung der damit zusammenhängenden Anwaltskosten.

Verteidiger Michael Haizmann kanzelte den Antrag seines Kollegen erst mal als deplatziert und wenig gehaltvoll ab – im Wesentlichen seien es nur „abgeschriebene Atteste“. Dann zeigte sich Haizmann doch verhandlungsbereit – aber 12 000 Euro seien „maßlos übertrieben“, befand er und zitierte Beispiele aus seinem Erfahrungsschatz. Teils privater Natur („so einen Jochbeinbruch hatte ich auch mal: schon schmerzhaft“), teils juristischer Natur („neulich haben wir für eine vollendete Vergewaltigung auch nur 8000 Euro zahlen müssen“). Er werde daher einen Vergleichs-Vorschlag formulieren (Richterin: „Ich geh’ dann mal…“). 5000 Euro nannte er schließlich als akzeptabel.

„Sehe ich nicht“, erwiderte prompt Opfer-Anwalt Hofmann: Es müsse echte Wiedergutmachung her; immerhin habe die Tat „meinen Mandant in seiner Fußballkarriere erheblich zurückgeworfen“. Was wiederum Haizmann für „rein spekulativ“ hielt. Bei 9000 Euro trafen sich beide Parteien schließlich.

Ein Täter-Opfer-Ausgleich schon während des Strafprozesses erspart es dem Opfer, seine Ansprüche nochmals zivilrechtlich einklagen zu müssen.  Foto: Tobias Kleinschmidt dpa
Ein Täter-Opfer-Ausgleich schon während des Strafprozesses erspart es dem Opfer, seine Ansprüche nochmals zivilrechtlich einklagen zu müssen. Foto: Tobias Kleinschmidt dpa

Auch bei der Bewertung der Tat in den Schluss-Plädoyers kamen beide Rechtsanwälte sich sowie Staatsanwältin Dr. Kalteis und Richterin Nißl-Neumann durchaus nahe: Einen unentschuldbaren Ausraster habe sich der Angeklagte zwar geleistet – der Faustschlag hätte das Opfer töten können, etwa bei einer Gehirnblutung, wie ein Rechtsmediziner am ersten Prozesstag bestätigt hatte. Aber darüber habe sich der Angeklagte im Augenblick der – reflexartigen – Tat keinerlei Gedanken gemacht. Somit liege keine „gefährliche Körperverletzung“ mehr vor, sondern „nur“ noch eine vorsätzliche, waren sich alle einig.


„Opfer hat Mitverantwortung“

Verteidiger Haizmann hielt indes eine Gedstrafe von 1350 Euro für ausreichend. Eine (sechsmonatige) Bewährungsstrafe, die Staatsanwältin Kalteis forderte, sei „inakzeptabel“, deutete Verteidiger Haizmann bereits den Weg in die nächste Instanz an: Das Opfer habe den Angeklagten provoziert, trage also „eine gewisse Mitverantwortung“. Der Nebenkläger-Anwalt stellte keinen Antrag zum Strafmaß. Er merkte aber kritisch an, dass sich der Angeklagte seit dem fatalen Spiel nie entschuldigt hat.

Das holte der Übeltäter in seinem „letzten Wort“ nun nach: „Es tut mir leid, es war keine Absicht“. Sein Opfer nahm die Abbitte aber nicht an.

Trotzdem sei sie „ein feiner Zug“ gewesen, lobte Richterin Nißl-Neumann, und auch, dass der geständige Kicker mit der Schmerzensgeld-Zahlung dem Opfer die Zivilklage erspare. Sie ging beim nicht vorbestraften Angeklagten auch nur von einem einmaligen Ausraster aus, weshalb Bewährung möglich sei. Aber die Folgen und damit seine Schuld seien eben sehr erheblich, begründete sie das Strafmaß von acht Monaten: Als Notwehr gehe das nicht mehr durch, selbst falls das Opfer ihm zuvor einen „Kopfstoß“ verpasst hat. Den freilich hätten die Zeugen des Angeklagten derart stereotyp geschildert, „dass ich ihnen nicht glaube“.

In Ergänzung zur Strafe muss der Student und Minijobber 450 Euro Geldauflage an die „Tafel“ Abensberg sowie die Prozesskosten zahlen.

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Praxis-Unterricht

  • Zuschauer

    in ungewöhnlich großer Zahl verfolgten den Prozess um das Mainburger Benefiz-Fußballspiel: Eine neunte Klasse der Realschule Mainburg bekam mit dieser Exkursion im Fach „Wirtschaft und Recht“ einen Eindruck von einem Strafprozess.

  • Bemerkenswert

    fanden die Jugendlichen, dass die Zeugen ein und denselben Vorfall in zwei so markant unterschiedlichen Versionen schilderten. „Mich würd’ echt interessieren, ob es den Kopfstoß gegeben hat“, fragte sich wohl nicht nur ein Schüler.

  • Staunen

    ließ die Zuschauer, dass der Prozess erst jetzt, zweieinhalb Jahre nach der Tat stattfand. „Das ist schon außergewöhnlich lange“, räumte Richterin Claudia Nißl-Neumann bei einer Fragerunde nach Prozess-Ende ein. Aber allgemein seien vor dem Verfahren mehrere Stellen – Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht – tätig, und in dem Fall seien obendrein sehr viele Zeugen involviert gewesen sowie ein Gutachter.

  • Beachtlich

    fanden die Schülerinnen und Schüler das Urteil: 9000 Euro – „schon krass“, meinte eine Schülerin. Auch dass der Täter (so denn das Urteil rechtskräftig wird) nun drei Jahre unter Bewährung steht, beeindruckte die jungen Prozessbeobachter. Was andererseits schon ok sei – „er darf sich halt nichts mehr erlauben“. (hu)

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