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Zeitzeugen

Das Grauen lag vor der Haustür

Im KZ Saal erlebten Häftlinge des Nazi-Regimes ihre dunkelsten Stunden. Zum Gedenken reist ein Überlebender aus Israel an.
Von Beate Weigert

„Saal war das schlimmste Lager von allen“: Vor zwei Jahren kam Jakob Haiblum (2.v.re.) mit seinem Sohn Chaim (li.) zur Einweihung des Gedenkwegs nach Saal. Mit im Bild Birgit Eisenmann, die für ihre Zulassungsarbeit als Realschullehrerin viele Zeitzeugen interviewte, Saaler wie ehemalige Häftlinge, und Wendy van Eijnatten (re.) deren Onkel wie hunderte andere ebenfalls nach Saal verschleppt worden war. Foto: Hutzler/Archiv (1)/Gemeinde Saal (1)

Saal.„Die Leute haben gewusst, dass da Leichen verbrannt worden sind. Der süßliche Gestank stach ihnen je nach Windrichtung in die Nase, sagt Birgit Eisenmann. Die gebürtige Saalerin legte zusammen mit der Katholischen Jungen Gemeinde im Jahr 2000 mit ersten Info-Tafeln und ihrer Zulassungsarbeit einen wichtigen Grundstein für die Aufarbeitung und das Gedenken an die Gräuel, die sich im KZ-Außenlager Saal in den Monaten vor Kriegsende 1945 abspielten.

In Saal entstand ab Ende 1944 ein Außenposten des KZs Flossenbürg. Dort sollten die Häftlinge für die Regensburger Messerschmitt-Werke unterirdisch im Ringberg Kampfflieger bauen. Hitlers Geheimwaffe für den Endsieg, Me262.

Am Samstag findet eine Gedenkfeier am vor zwei Jahren eingeweihten KZ-Gedenkweg an der Teugner Straße statt (s. Infostück). Tags zuvor jährt sich zum 73. Mal die Evakuierung des Saaler Lagers. „Das ist gesichert“, so Birgit Eisenmann. Mit dabei sein wird wie 2016 Jakob Haiblum. Der 93-jährige Ex-Häftling reist aus Israel an. Auch er hat Eisenmann seine Geschichte erzählt. Saal ist darin das schwärzeste Kapitel.

Unser Foto zeigt die Bäckerei Fuchs nach dem Krieg. Robert Fuchs wird am Samstag auch Erinnerungen seines verstorbenen Vaters Karl Fuchs vortragen. Foto: AK Heimatgeschichte

Bei der Gedenkfeier spielen diesmal aber auch drei Berichte von Saaler Zeitzeugen eine Rolle. Alle drei sind mittlerweile verstorben. Die Chance, sich das, was während des Zweiten Weltkriegs vor der Haustür passierte, aus erster Hand erzählen zu lassen, schwindet mit jedem Jahr, weiß Bürgermeister Christian Nerb. Umso wichtiger sei das, was Birgit Eisenmann und andere zusammengetragen haben.

13-Jähriger wohnte neben dran

Hans Rieger, Jahrgang 1932, wohnte, als das Lager am Ringberg errichtet wurde, mit seiner Mutter und den Geschwistern in einem der vier Häuser an der Teugner Straße. Ihr Zuhause lag in unmittelbarer Nachbarschaft zum KZ-Außenlager, das zu Flossenbürg gehörte. Die Stollen, die von den Häftlingen errichtet wurden, lagen unweit des Wohnhauses des damals 13-Jährigen.

In unserer interaktiven Grafik können Sie sehen, über welche Stationen sich der Saaler Gedenkweg erstreckt:

„Die Nähe zu den Grausamkeiten und erbärmlich schwachen Häftlingen ist heute unvorstellbar“, schilderte Rieger vor 18 Jahren Birgit Eisenmann. Die gebürtige Saalerin, die heute als Realschullehrerin in Bad Tölz arbeitet, interviewte für ihre Zulassungsarbeit viele Zeitzeugen. Rieger gestand der damaligen Studentin, zuvor kaum mit jemandem über die schrecklichen Ereignisse gesprochen zu haben. Auch seiner Frau und seiner Tochter habe er kaum etwas davon erzählt. Wenn im TV Berichte über Konzentrationslager der Nazis kamen, habe er sofort ausschalten müssen.

Zum Termin am 21. April

  • Am Samstag,

    10.30 Uhr bis 11.30 Uhr veranstaltet die Gemeinde Saal mit dem Arbeitskreis Heimatgeschichte eine Gedenkstunde an der Verbrennungsstätte des KZ Gedenkwegs an der Teugner Straße (Kreisstraße Richtung Teugn).

  • Am 20. April 1945

    wurde das KZ Außenlager Saal von den Nazis evakuiert. Einen Tag nach dem Jahrestag kehrt auch einer der ehemaligen KZ-Häftlinge, Jakob Haiblum, zurück. Kurz vor Kriegsende war er noch drei Monate in Saal.

  • Bei der Gedenkfeier

    werden drei Zeitzeugenberichte von Saalern vorgetragen. Weiter werden zwei Briefe von KZ-Häftlingen und Jakob Haiblum selbst zu hören sein. Musikalisch wird das Gedenken von den Bläsern von Tritonus Brass und der Didgeridoogruppe von Rolf Bach umrahmt. Die Bevölkerung und Interessierte sind explizit eingeladen. Sitzplätze sind vorhanden. Bei Regen findet das Gedenken im Saal der Gaststätte In der Heide statt. Da nur begrenzt Parkplätze am KZ-Gedenkweg vorhanden sind, wird um Bildung von Fahrgemeinschaften gebeten.

„Dann kommt alles wieder hoch und ich bekomme Alpträume. Ich habe das alles selbst gesehen, genauso abgemagert, Haut und Knochen, so haben die Häftlinge auch bei uns ausgesehen.“

Rieger erinnerte sich damals auch an eine ganz konkrete Begebenheit: „Einmal mussten sechs Häftlinge eine Buche hinter unserem Haus fällen, denn dort sollte, ein neuer Stollen entstehen. An den Enden der Säge war eine Schnur befestigt, an der jeweils drei Häftlinge zogen. Ich glaube, sie brauchten fast eine Woche, bis der Baum gefällt war, weil sie so schwach waren. Ich sehe sie noch heute vor mir. Jedes Mal, wenn sie an der Schnur anzogen, fielen sie zu Boden und der Kapo schlug auf sie ein. Es war scheußlich, das mit anzusehen.“

Das Luftbild zeigt die Ausmaße des Saaler Lagers:

Als ab Januar 1945 die Sowjets gen Westen vorrückten, wurden 60 000 Ausschwitz-Häftlinge von der SS erschossen oder in „Todesmärschen“ nach Westen getrieben. Mehrere hundert von ihnen landeten in Saal. Einer von ihnen war Rafael Israelewiez, Jahrgang 1922, aus dem polnischen Kolo. Er schilderte Birgit Eisenmann 2001: „Ich war in vielen Lagern, aber Saal, war das Schlimmste. Kein Essen, kein Wasser, kein Arzt, keine Medikamente. Schwere Arbeit und Schläge, die wir von den deutschen Kapos und der SS bekommen haben (...). Die Häftlinge haben Gras gegessen.“

Verstorben und verbrannt

Nach den Schilderungen Israelewiez’ waren im Februar 1945 780 Häftlinge in Saal. „Und als wir das Lager verlassen haben, waren wir etwa 150. Der Rest ist verstorben und verbrannt in Saal.“

Einer der wenigen Saaler, die ins Lager kamen, war Andreas Schien (Jahrgang 1929). Mit seinem Vater und anderen Lehrlingen arbeitete er für mehrere Wochen auf dem Areal. Sie sollten in einem großen Zelt Stapelbetten für an die 1000 Mann fertigen. Schien berichtete von Häftlingen, die ihnen als Handlager zugeteilt waren. Doch sie waren „nur mehr Haut und Knochen, völlig matt und konnten kaum stehen. Wie sollten Sie uns helfen?“

Beim Festakt am 21. April wird auch eine Inschrift am Gedenkstein an der Verbrennungsstätte enthüllt. Foto: Gemeinde Saal

Schien bekam nicht nur grausame Prügelattacken mit. In der Nähe des Zelts fanden sich Erdbunker. „Dort holte man tote Häftlinge heraus. Sie lagen dort manchmal eine Woche, nackt und für jedermann sichtbar. (...) Jeden Tag kamen ein bis zwei neue Leichen hinzu, irgendwann wurden sie dann zur Verbrennungsstelle gebracht. Den ganzen Tag brannte das Feuer dort. Oft hat es fürchterlich gestunken, es war kaum auszuhalten.“

Birgit Eisenmann sammelte für ihre Zulassung Berichte von Zeitzeugen. Im Rückblick sagt sie: „Ich glaube, es war ein Vorteil, dass ich aus Saal stammte, sonst hätten viele Leute nicht mit mir gesprochen. Viele kostete es große Überwindung. Im Nachhinein haben sie es aber gut gefunden, dass sie darüber sprechen konnten.“ Und beides habe am Ende ein „rundes Bild“ ergeben. Weil sich Berichte von Zeitzeugen und Häftlingen nicht widersprachen.

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