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Umbau

Der „Boder“ wird zur „Boderei“

Nach 90 Jahren: Boder in Sandharlanden wird umgekrempelt. Luisa Brummer übernimmt von ihrer Oma. Die stand 73 Jahre im Laden.
von Benjamin Neumaier

  • Die drei Generationen des Boders bzw. der Boderei: Rita Forstner, Bärbel Brunner und Luisa Brummer (v. l.) Foto: Brummer
  • Die künftige Chefin Luisa Brummer spielte als Kind sonntags Kaufladen im Laden ihrer Oma. Foto: Brummer

Abensberg.Für Luisa Brummer war es immer ein Heidenspaß: Das Lebensmittelgeschäft ihrer Oma war sonntags Spielparadies für sie und ihre Geschwister, ein überdimensionierter Kaufladen mit allem Pipapo. Auch heute noch ist das kleine Geschäft in Sandharlanden für Luisa Brummer der Lebensmittelpunkt – nicht nur, weil das Elternhaus daran anschließt, sondern weil aus dem Spaß nun Ernst wird: Die 22-Jährige übernimmt das Geschäft von ihrer Oma und macht den „Boder“ mit einem neuen Konzept zur „Boderei“. Den Großteil des Sortiments will Luisa Brummer verpackungsfrei anbieten und „damit auch zurück zu den Wurzeln“, sagt sie.

Der Boder in Sandharlanden wird zur Boderei – und zum verpackungsfreien Laden. Foto: Neumaier
Der Boder in Sandharlanden wird zur Boderei – und zum verpackungsfreien Laden. Foto: Neumaier

Die kennt Rita Forstner noch. Seit ihrem 13. Lebensjahr – nun schon 73 Jahre – steht die 86-Jährige hinter der „Ladenbudl“ (dem Ladentisch). „Mein Vater hat den Boder aufgemacht, im Juni 1948“, sagt sie. Im Zuge der Währungsreform erhielt jeder Bürger ein Kopfgeld, eine Sofortausschüttung von 40 Reichsmark pro Kopf der Familie. „Die hat mein Vater genommen und damit den Laden eröffnet. Oder eigentlich wiedereröffnet, weil wir ja schon vor dem Krieg ein Geschäft hatten.“

Geschäftsgründung 1928

1928 gründete Josef Brunner den kleinen Laden, allerdings an anderer Stelle und im Nebenerwerb. „Mein Vater war approbierter Bader und Schröpfer, schnitt also Haare und zog Zähne – daher kommt auch der Name unseres Geschäfts: Beim Boder. Von seinem Beruf konnte er aber nicht leben, deshalb eröffnete er den Laden“, sagt Forstner. Es gab Lebensmittel, Hygieneartikel oder auch Petroleum. „Die Lebensmittel eingeweckt oder nicht verpackt – das war damals halt so“, sagt Forstner. Derlei „Tante Emma Läden“ gab es zeitweise drei im Abensberger Ortsteil – übrig geblieben ist alleine der Boder. Der letze andere Laden schloss 1989.

Der Boder in Sandharlanden noch an anderer Stelle (1928) mit Gründer Josef Brunner (r.). Foto: Brunner
Der Boder in Sandharlanden noch an anderer Stelle (1928) mit Gründer Josef Brunner (r.). Foto: Brunner

Seit 1965 führte Rita Forstner den Laden in Eigenregie und als einzige Mitarbeiterin als sogenannten freien Laden, ohne Zulieferer. Seit den 1990er Jahren auch mit Unterstützung ihrer Tochter Bärbel Brummer, die seit der Geburt ihrer Kinder täglich mitanpackte. „Weil es ja auf einmal, als wir der letzte verbliebene Laden waren, plötzlich viel mehr zu tun gab“, sagt Bärbel Brummer. Aber auch wenn die Kundschaft dem Boder stets die Treue hielt, gab es immer wieder den Gedanken, aufzuhören. Besonders zwei Mal war die Familie knapp davor: 1989 war die Schließung eigentlich schon beschlossen. Als aber der andere verblieben Laden schloss, entschloss man sich weiterzumachen. Weitaus konkreter waren die Schließungspläne 2002. „Es hatte in der Küche neben dem Laden gebrannt und auch der Laden wurde in Mitleidenschaft gezogen“, sagt Bärbel Brummer und Mutter Rita fügt an: „Aber mein Herz hing so am Laden, da haben wir ihn wieder auf Vordermann gebracht und weitergemacht.“

Lieferservice mit dem E-Auto

  • Nahversorger:

    Auch wenn aus dem Boder die Boderei wird, will Betreiberin Luisa Brummer weiterhin Nahversorger für Sandharlanden sein. „Es gibt weiterhin Zucker oder Mehl im Päckchen, Sahne im Becker oder abgepackte Butter. Das lässt sich auch nicht verhindern. Wir haben in einer Umfrage mit sehr gutem Rücklauf nach den Wünschen der Kunden gefragt und richten das Sortiment auch danach aus“, sagt sie.

  • Neues:

    Neu sind die künftigen Öffnungszeiten der Boderei. Ab der Wiedereröffnung am 6. September ist dienstags bis freitags von 6 bis 13 Uhr, samstags von 6 bis 12 Uhr und dienstags und donnerstags von 17 bis 19.30 Uhr geöffnet. Zudem werde es Bestellungen per WhatsApp und auch einen Lieferservice geben, mit gewissem zeitlichen Vorlauf. Geliefert wird natürlich mit dem E-Auto oder auch dem E-Bike. (nb)

Nun wird der Laden ab Montag wieder auf Vordermann gebracht oder besser gesagt umgekrempelt. Enkelin Luisa Brummer übernimmt das Zepter – mit einem ähnlichen Konzept wie aus den Anfangsjahren. Es werde zwar keine Haarschneide- und Zahnarztservice geben, dafür aber einen größtenteils verpackungsfreien Laden – die Boderei.

„Ich habe 2017 eine Weltreise gemacht und habe überall das gleiche Problem kennengelernt: Müll. Da reifte die Idee, die Boderei zu machen. Meine Oma und Mama waren begeistert dann haben wir es gemeinsam angepackt“, sagt Luisa Brummer. Zweieinhalb Jahre gibt sich die 22-Jährige, dann muss der Laden laufen.

Ab Montag wird umgebaut

Ab Montag wird der Boder umgebaut, die Elektrik und Lichttechnik erneuert, der Boden neu verlegt. Für den Umbau und die Neueinrichtung ist Luisa Brummer prädestiniert, hat sie doch eine Ausbildung zur visuellen Gestalterin bei einem Möbefilialisten hinter sich. Der Laden wird quasi gespiegelt. Der Verkaufstresen kommt auf die gegenüberliegende Seite, die verbleibende Kühltheke ebenso. Ein Drittel der Regale bleibt, der Rest wird ersetzt. Größtenteils aus recycelten Schränkchen, Kommoden oder Regalen, in denen Luisa Brummer ihr neues Sortiment präsentiert.

Das Sortiment soll, wo es geht, verpackungsfrei und umweltfreundlich werden. Nudeln oder Fleisch kommen in die mitgebrachte Tupperbox, Obst und Gemüse in die Jutetasche, für Kaffee gibt es das „ReCup-System“, und sogar Körperhygiene-Artikel sowie Bio-Wasch- oder Spülmittel soll es verpackungsfrei geben. „Bei manchen Produkten muss ich Abstriche machen“, sagt Luisa Brummer. „Aber das Sortiment wird sich stetig erweitern und verändern.“

Wiedereröffnung am 6. September

Viele Veränderungen, die bis zum 6. September umgesetzt werden müssen. Dann öffnet die Boderei – auch wieder mit Rita Forstner. „Oma geht noch nicht in Rente, sondern nur in Altersteilzeit“, sagt Luisa Brummer mit einem Lächeln. Oma Rita lächelt zurück: „Es ist toll, dass Luisa weitermacht und die Veränderungen sind gut, aber mein Laden ist mir, so wie er ist, schon ans Herz gewachsen.“

Wem es ähnlich geht, der hat am Freitag und Samstag das letzte Mal Gelegenheit beim Boder einzukaufen, bevor daraus die Boderei wird.

Der Boder in Bildern:

Der Boder wird zur Boderei

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