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Verbrechen

Der Pfarrer hatte die Pistole im Genick

Heute vor 20 Jahren überfiel ein Bankräuber die Sparkasse in Abensberg. Seine Geisel, Pfarrer Wilhelm Bauer, erinnert sich.
Von Wolfgang Abeltshauser

Letztendlich klickten für den Bankräuber von Abensberg die Handschellen. Foto: Marcus Führer dpa
Letztendlich klickten für den Bankräuber von Abensberg die Handschellen. Foto: Marcus Führer dpa

Abensberg.Der Bankräuber betritt um 16.20 Uhr die Abensberger Sparkassenfiliale in der Ulrichstraße. Mit einer Pistole bedroht er den Kassier und einen Kunden, der kurz zuvor das Geldinstitut betreten hatte. Er reißt den Kunden zu Boden, drückt ihm die Waffe ins Genick. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er den Mann erschießen wird, wenn er kein Geld bekommt. All das hat sich heute vor 20 Jahren genau so abgespielt. Der Kunde, der einige Minuten in der Gewalt des Täters war, war der damalige Biburger Pfarrer Wilhelm Bauer.

Pfarrer Wilhelm Bauer (2009). Archivfoto: Weigert
Pfarrer Wilhelm Bauer (2009). Archivfoto: Weigert

„Der 9. Juli ist für mich so etwas wie ein zweiter Lebensbeginn“, sagt der mittlerweile in Tännesberg (Landkreis Neustadt an der Waldnaab) wirkende Pfarrer rückblickend im Gespräch mit unserem Medienhaus. Selbstverständlich hatte er Todesangst.

„So etwas zeigt einem, wie kurz das Leben sein kann, wie schnell alles vorbei sein kann.“

Wilhelm Bauer, Bankräuber-Geisel

„Hätte der Verbrecher abgedrückt ...“, sagte der Geistliche – ohne den Satz fertigzusprechen, im Gespräch mit unserem Reporter. Die Situation ist ihm nach wie vor gegenwärtig. Es waren nur wenige Minuten, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt haben. „Der Überfall lief in kürzester Zeit ab.“ Danach verschwand der Täter mit 32 000 Mark.

Damals – kurz nach der Tat – sagte Pfarrer Bauer im Interview mit der Mittelbayerischen: „So etwas zeigt einem, wie kurz das Leben sein kann, wie schnell alles vorbei sein kann.“

Der Pfarrer kämpfte mit dem Zorn

Auf alle Fälle sei er danach „total fertig“ gewesen. Immerhin stellten sich aber keine psychischen Probleme ein. Bauer räumt ein, dass er in seiner Ausbildung Techniken an die Hand bekam, mit solchen Eindrücken zurechtzukommen.

Nach der Tat sei es eher so gewesen, dass er mit seinem Zorn habe kämpfen müssen. Er hätte es als ungerecht empfunden, wäre der Verbrecher ohne Strafe davongekommen. Diese Gedanken hätten ihn jahrelang nicht losgelassen, bis dem Räuber 2005 der Prozess gemacht werden konnte.

Das Szenario vor zwei Jahrzehnten

  • Flucht:

    Der Täter will mit einem Stadtradl flüchten, wird aber von einem Passanten in ein Handgemenge verwickelt, verliert 2000 Euro der Beute, kann dennoch flüchten.

  • Verfolgung:

    Drei weitere Augenzeugen, liefen ihm hinterher. Einholen konnten sie ihn jedoch nicht. An der Tiefgarage verlieren sich die Spuren des Täters. Auch ein Polizeihubschrauber war im Einsatz.

Die Landshuter Kriminalpolizei habe ihn, Bauer, die ganze Zeit über den Ermittlungsstand am Laufenden gehalten. Er lobt die Polizisten ausdrücklich dafür. Einmal noch begegnete er dem Täter: bei der Verhandlung in Regensburg. Der Bankräuber war derjenige, der damals auch das Unternehmen Müller-Milch erpresst hatte. Er saß laut Bauer damals schon zwei Jahre dafür in Österreich in Haft und wurde nach Deutschland überstellt. Ebenso stellte sich heraus, dass der Täter einige Zeit in Abensberg gelebt hatte.

Der Ort des Geschehens. Foto: Abeltshauser
Der Ort des Geschehens. Foto: Abeltshauser

Zu knapp sieben Jahre Gefängnis wurde er verurteilt. „Ich hätte auch Schmerzensgeld bekommen sollen. Aber davon habe ich bis heute nichts gesehen.“ Wahrscheinlich sei der Verbrecher nicht zahlungsfähig. Wo der jetzt stecke, wisse Bauer nicht. Er habe auch nicht erfahren, wo er seine Strafe abgesessen hat.

Die Stunden und Tage nach dem Banküberfall hat Bauer ganz normal verbracht. Fast so, als wäre nichts geschehen. Da hat er wohl automatisch das Richtige getan. Fachleute sprechen davon, nach traumatischen Erlebnissen zu versuchen, schnell wieder ins Leben zurückzufinden. Weil ihm der Täter den Arm stark nach hinten gerissen hatte, fuhr Bauer direkt nach dem Überfall zum Arzt. „Danach bin ich heim.“ Dort war er Gott sei Dank nicht alleine. Seine Haushälterin war bei ihm.

Nächsten Tag unterrichtet

Am nächsten Tag sei er ganz selbstverständlich zum Unterricht ins Berufsbildungswerk gefahren. Es sei ihm kein Gedanke in den Sinn gekommen, seine alltäglichen Pflichten nicht zu erledigen. Am Sonntag, drei Tage nach dem Überfall, hat ihn ein Mitbruder besucht. Der habe ihm Hilfe angeboten. Die Bauer aber nach eigenen Worten nicht benötigte.

Den Tag des Überfalls werde er wohl nie vergessen. Jedoch: Etwa Angst, die Abensberger Bankfiliale oder eine andere zu betreten, habe er nie verspürt. Was auch daran liegen könnte, dass der Abensberger Schalterraum bald nach dem Ereignis umgebaut wurde.

So haben die Biburger Pfarrer Wilhelm Bauer in Erinnerung: 2006 bei der Pferdesegnung in Perka Archivfoto: Hübl
So haben die Biburger Pfarrer Wilhelm Bauer in Erinnerung: 2006 bei der Pferdesegnung in Perka Archivfoto: Hübl

Wilhelm Bauer blieb noch bis 2009 Pfarrer in Biburg. Danach zog es ihn in seine Heimatregion. In Tännesberg will der 68-Jährige „schon noch einige Jahre Pfarrer bleiben“.

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