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Interview

Die Angst vor der Natur ist groß

Vieles, was mit Wald und Wildnis zu tun hat, stecken Erwachsene heute oft in die Gefahrenecke, sagt Susanne Mic. Zu Unrecht.
Von Beate Weigert

Naturpädagogin Susanne Mic Foto: Beate Weigert
Naturpädagogin Susanne Mic Foto: Beate Weigert

Kelheim.Auf Bäume klettern, umgeben von Zecken und anderem Getier, viel zu gefährlich?! Susanne Mic ist als Kind sehr frei aufgewachsen. Ihre Liebe zur Natur und zum Wald und was Kinder dort fürs Leben lernen können, gibt die Naturpädagogin und Erzieherin seit Jahren in Waldkindergärten der Region an Kinder und Eltern weiter. Aktuell im Kelheimer Frauenforst.

Im MZ-Interview spricht sie über Vorurteile und Ängste und wie groß mittlerweile Naturdefizite von kleinen und großen Menschen im Kreis Kelheim sind.

Frau Mic, Sie arbeiten seit vielen Jahren als Naturpädagogin und Erzieherin in der Region. Sind Sie eine Ökotante?

Ja (lacht laut), fragen Sie mal meine Kolleginnen. Ich versuche schon sehr bewusst, mit allem umzugehen, auch mit Ressourcen. Ich bin da gedanklich nah bei den Indianern. Dass man auch an die (sieben) Generation nach einem denken sollte. Außerdem bin ich gern in der Natur und es ist mir ein Anliegen, diese Erfahrung an Kinder und ihre Eltern weiterzugeben. Wenn das eine Ökotante ausmacht, bin ich gerne eine.

Wie war Ihre Kindergartenzeit?

Ich war in einem katholischen Kindergarten, habe aber lieber bei uns zuhause auf dem Bauernhof im Stall bei den Kühen mitgeholfen. Ich bin ziemlich frei aufgewachsen. Wir hatten noch die Möglichkeit draußen zu spielen, ohne groß beaufsichtigt worden zu sein. Das sind meine Wurzeln. Ich war eigentlich immer draußen, habe mit Hühnern und Katzen gespielt, bin Karotten knabbernd in der Wiese gelegen oder habe am Bach gesessen. Diese Freiheit fehlt vielen Kindern heute.

Naturpädagogin Susanne Mic Foto: Weigert
Naturpädagogin Susanne Mic Foto: Weigert

Sind Waldkindergärten im Kreis Kelheim noch etwas Exotisches?

Es ist nicht mehr so außergewöhnlich wie noch vor ein paar Jahren. Aber einige Leute sind immer noch misstrauisch. Zum einen Dritte wie Jäger oder Landwirte, wenn sie hören, dass ein neuer Waldkindergarten entsteht. Aber auch so manche Eltern können sich nicht vorstellen, dass ihr Kind die ganze Zeit draußen ist. Andere zweifeln, ob ihre Tochter oder ihr Sohn genug Input für die Vorschule bekommt. Zwar gibt es von Waldkindergarten zu Waldkindergarten teils Unterschiede. So archaisch wie die allerersten vor 25 Jahren in Deutschland sind Waldkindergärten heute längst nicht mehr. Da gab es meist nur ein Zelt im Wald und einen Bollerwagen fürs Material, sonst nichts.

„Waldkindergarten ist für fast alle Kinder geeignet, aber nicht für alle Eltern.“

Naturpädagogin Susanne Mic

Für welche Kinder ist der Waldkindergarten das Richtige?

Der Wald, das ist meine persönliche Meinung, ist für fast jedes Kind geeignet. Außer vielleicht für Buben und Mädchen mit starken Handicaps, da müsste man individuell entscheiden. Da müsste man einen eigenen Raum schaffen. Der Wald ist eher nicht für alle Eltern gut.

Wie meinen Sie das?

Eltern müssen sich mit der Gegebenheit abfinden, dass ihre Kinder im Wald schmutzig werden, dass sie im Matsch spielen und sich sprichwörtlich mit der Erde verwurzeln. Manche haben auch Angst, dass es draußen zu kalt sein könnte. Kinder übernehmen die Ängste ihrer Eltern. Oft wäre da eine Art Elternschulung nötig. Die Angst vor der Natur ist heutzutage sehr groß.

Zur Person

  • Wurzeln:

    Susanne Mic ist 57 Jahre alt und Mutter dreier Töchter. Sie ist in Nordrhein-Westfalen auf einem Bauernhof aufgewachsen. Heute lebt sie in Kallmünz. Seit Jahren arbeitet sie in Waldkindergärten der Region. U.a. in Pielenhofen und Abensberg. Seit der Gründung des Waldkindergartens im Frauenforst 2018 ist die Naturpädagogin dort tätig.

  • Ausbildung:

    Susanne Mic lernte Schreinerin, als solche kam sie früh mit der Jugendarbeit in Kontakt. Sie ist ausgebildete Naturpädagogin, Kinderpflegerin und Erzieherin.

  • Engagement:

    Seit 2016 engagiert sie sich auch bei Forest Kindergarten International. Als Botschafterin vertritt sie dort das Indische Trans-Himalaya Land Ladakh.

Mit Zecke oder Fuchsbandwurm ist aber auch nicht zu spaßen?

Es braucht einfach nur klare Regeln. In Bezug auf Zecken ist es etwa wichtig, dass man frühzeitig schaut. Am besten jeden Tag nach dem Wald die Haut untersuchen. Manchmal wäre es auch hilfreich, wenn Erzieher Zecken entfernen dürften. In Bezug auf den Fuchsbandwurm ginge Gefahr nur von Früchten aus. Oberste Regel im Wald ist jedoch, dass Kinder selbst nichts essen dürfen. In Abensberg hatten wir jedoch auch das Projekt „Wilde Küche“. Da haben wir gemeinsam wilde Kräuter und anderes gesucht und mit den Kindern gekocht. Sie lernten zudem, mit Werkzeugen oder Feuer umzugehen. Zuletzt kam als „Gefahrenherd“ noch der Eichenprozessionsspinner dazu.

So geht es im Winter im Waldkindergarten im Frauenforst zu:

Video: Heindl

Wie gehen Sie damit um?

Information ist das Wichtigste. Und dass man Bereiche definiert, wo die Kinder hinkönnen und wo nicht. Experten von der Feuerwehr oder der Waldbauernschule tun das ihre.

Braucht ein Kindergarten einen Zaun, ein festes Gelände?

Auch ein Kindergarten ohne Türen und Wände funktioniert. Das muss man nicht abgrenzen. Da macht sich keiner alleine auf den Weg und es geht auch niemand verloren. Die Kinder kennen ihren Rahmen. Sie laufen auch nicht – wie mancher im Vorfeld einer Waldkindergartengründung fürchtet – kreuz und quer wie die Wilden durch den Wald.

„Vieles, was mit Erde und Natur zu tun hat, wird mittlerweile in den Gefahrenbereich gesteckt.“

Susanne Mic

Was lernen Kinder im Waldkindergarten (für die Schule)?

Viel soziale Kompetenz. Sie helfen sich gegenseitig, übernehmen früh Verantwortung. Außerdem haben Waldkinder eine ganz andere Körperwahrnehmung und einen guten Gleichgewichtssinn, beides fehlt vielen anderen Kinder heute. Denn im Wald klettern Kinder auf Bäume, bewegen sich viel mehr auf der Erde, sie müssen sich, ihre Kräfte und Grenzen einschätzen lernen, und das erst einmal ohne Hilfe. Natürlich braucht es Eltern und Erzieher, die sich das trauen. In manchen Hauskindergärten ist es nicht erlaubt, auf Bäume zu klettern, höchstens auf Eisenstangen. Es ist traurig, dass kleine Kinder das heutzutage nicht mehr können. Vieles, was mit Erde und Natur zu tun hat, wird mittlerweile in den Gefahrenbereich gesteckt. Im Waldkindergarten im Frauenforst gibt es auch ein Vorschulkonzept. Doch auch ohne ergibt sich Vorschule im Wald wie von selbst. Wir zählen ständig, wie viele zapfen sind das, wie viele Kinder fehlen heute? Und in Ästen und anderem entdecken die Kinder bald Buchstaben.

Es geht im Wald auch darum, dass Kinder selbstständig und selbstsicher werden. Wenn ich stehe und friere, werde ich weiterfrieren, wenn ich stehenbleibe. Wenn ich mich bewege, ändert sich etwas, sagt Susanne Mic. Foto: Weigert
Es geht im Wald auch darum, dass Kinder selbstständig und selbstsicher werden. Wenn ich stehe und friere, werde ich weiterfrieren, wenn ich stehenbleibe. Wenn ich mich bewege, ändert sich etwas, sagt Susanne Mic. Foto: Weigert

Lernen die Kinder im Wald auch fürs Leben?

Davon bin ich überzeugt. Es geht im Wald auch darum, dass Kinder selbstständig und selbstsicher werden. Wenn ich stehe und friere, werde ich weiterfrieren, wenn ich stehenbleibe. Wenn ich mich bewege, ändert sich etwas. Das kann man auch im übertragenen Sinne sehen. Wenn es mir (später mal) schlecht geht, kann ich in Aktion treten und etwas dagegen tun. Waldkinder sind im Miteinander anders und mental sehr geerdet. Im Waldkindergarten im Frauenforst entscheiden sich die Kinder täglich für einen Ort, wo es hingehen soll. Da wird ganz demokratisch mit Steinen abgestimmt. Die Mehrheit gewinnt. Die anderen lernen, das zu akzeptieren. Auch Konflikte sind wichtig. Kinder müssen streiten lernen, sonst können sie später nicht mit Konflikten umzugehen. Die Jahre im Wald sind für sie eine wichtige Wurzel. Sie lernen Bäume und alles, was sie umgibt, zu schätzen. Das ist künftig umso wichtiger, um den Wandel hinzukriegen. Der Wald ist eine wichtige Grundlage für das spätere Leben. Egal, ob die Kinder das weiterleben oder nicht. Das kreative Spiel hilft ihnen für später, das verankert sich. Das ist der Grund, warum ich hier bin.

Was ein Stück Holz für die Kinder alles sein kann? Foto: Weigert
Was ein Stück Holz für die Kinder alles sein kann? Foto: Weigert

Apropos kreativ. Kann ein halber Tag im Wald nicht langweilig werden, ganz ohne (vorgefertigte) Spielsachen?

Langweilig wird es im Wald nie. Wissen Sie, was ein Stück Holz alles sein kann? Eine Gitarre, eine Puppe, eine Motorsäge, ein Laubstaubsauger,und und und. Im Wald zu spielen, ist viel einfacher. Die Kinder machen Puppen aus Gras, Dinos aus Schnee oder lange Wanderungen. Wir gehen oft zwei, drei Kilometer am Tag. Außerdem gibt es etwa im Waldkindergarten im Frauenforst durchaus Spielsachen. Lupen, um Insekten zu beobachten oder auch mal Quatsch damit zu machen, Insektenbestimmungsbücher oder Stifte. In anderen Einrichtungen gibt es teils einen Spielzeugtag einmal pro Woche. Denn, den anderen etwas von ihren Spielsachen daheim zu zeigen, ist durchaus ein Bedürfnis der Kinder. Waldkindergarten ist einfach schön. Die Kinder gehen auf Entdeckungstour, der Weg ist das Ziel, das ist wichtig.

Ganz ohne Spielzeug ist der Waldkindergarten im Frauenforst nicht. Foto: Weigert
Ganz ohne Spielzeug ist der Waldkindergarten im Frauenforst nicht. Foto: Weigert

Das Vorurteil schlechthin – kommt ein Waldkind in die Schule ist es ein Zappelphilipp...

Ja, das ist das hartnäckigste Vorurteil. Dabei ist es gerade umgekehrt. Viele Studien belegen, dass Kinder, die in der Natur aufwachsen, Wurzeln haben und ihre Grenzen besser abstecken können, dass sie im Sozialen sehr stark sind. Zudem hängt das Bewegungszentrum eng mit dem Sprachzentrum zusammen.

„Wenn Waldkinder Probleme in der Schule haben, dann mit der Lautstärke. Aber das gibt sich im Alltag schnell.“

Susanne Mic

Im Wald sprechen die Kinder mehr miteinander als im herkömmlichen Kindergarten und sie setzen Sprache für ihre kreativen Spielorte auch sehr kreativ ein. Obendrein bekommen sie im Wald die Bewegung, die sie für ihre Entwicklung brauchen und auch den Freiraum. Wenn Waldkinder Probleme in der Schule haben, dann mit der Lautstärke. Denn die ist in geschlossenen Gebäuden ganz anders als im Wald. Im Alltag gibt sich das in der Regel jedoch schnell. Von größeren Auffälligkeiten ist mir nichts bekannt.

Naturpädagogin Susanne Mic mit den Kindern im Frauenforst Foto: Weigert
Naturpädagogin Susanne Mic mit den Kindern im Frauenforst Foto: Weigert

Was hat sich in all den Jahren seit Ihrer Kindheit verändert?

Der Begriff Kindheit ist wieder gefährdet. Erziehung ist schwierig geworden. Wenn man alleine die Flut von Ratgeberbüchern sieht und wenn ich höre, dass es heutzutage bereits Englischlernprogramme gibt für Babys, die noch im Mutterleib sind, dann kann man sich vorstellen, wie groß der Druck auf die Eltern ist. Es scheint oft nur mehr zwei Extreme zu geben. Auf der einen Seite, die Kinder, die möglichst früh möglichst viel lernen sollen, Englisch, Ballett, ein Instrument, und sehr überbehütet aufwachsen, und auf der anderen Seite, die für die kaum jemand Zeit hat. Da übernimmt der Fernseher oder Computer oft die Funktion, die eigentlich Eltern haben sollten. Mir ist klar, dass vielfach heute Mama und Papa arbeiten gehen müssen. Hinzukommt, dass bezahlbarer Wohnraum für Familien immer schwieriger zu finden ist. Ich bin auch kein Verfechter einer komplett anderen Welt. Aber man muss sich all dessen bewusst sein.

Wie steht’s um die Naturpädagogik, was bräuchte es?

Für die Zukunft brauchen wir starke Kinder, deshalb müssen wir mehr Naturpädagogik in Hauskindergärten kriegen. Auch in Fachakademien und der Kinderpflegeausbildung fehlt Wissen darüber. Andere Länder sind da viel weiter. In Kanada gibt es mittlerweile sogar Waldschulen. Waldkindergärten dürfen kein Alibi sein für verpasste Naturpädagogik. Jeder Kindergarten bräuchte mindestens einen Draußentag. Mal ohne Spielzeug selbst in Ruhe und ungestört spielen können, das ist das Wichtigste für Kinder überhaupt, dabei lernen sie am meisten.

Sie engagieren sich auch international für Waldkindergärten. Gibt es große Unterschiede von Land zu Land, von Wald zu Wald?

Im Prinzip haben Waldkindergärten überall die gleichen Grundlagen und Konzepte. Wichtig ist das Urspiel, das Kinder zur Natur und damit zum Leben aufbauen.

Susanne Mic engagiert sich auch international. Unser Foto zeigt Patenkind Rigzen aus Ladakh, das sie dem Abensberger Waldkindergarten vermittelte.  Foto: Weigert
Susanne Mic engagiert sich auch international. Unser Foto zeigt Patenkind Rigzen aus Ladakh, das sie dem Abensberger Waldkindergarten vermittelte. Foto: Weigert

Sie sind bei Forest Kindergarten international auch Botschafterin des indischen Trans-Himalaya-Lands Ladakh. Wie kam es dazu?

Ich habe Land und Menschen bei einer Reise kennengelernt. Als ich noch Leiterin des Waldkindergartens Abensberg war, habe ich dem dortigen Waldkindergarten dadurch ein Patenkind vermittelt. Den kleinen Rigzen. Die Patenschaft besteht weiterhin. Die Kinder schreiben sich Briefe und die Abensberger zahlen auch Rigzens Schulgeld. Er lebt im bitterarmen, buddhistisch geprägten Changthang-Tal, einer Hochgebirgswüste. 40 Prozent der Menschen in der dünn besiedelten Region sind Nomaden. Die Kinder dort leben ganz einfach und sehr naturverbunden. Doch sie stehen vor großen Problemen. Die Gletscher schmelzen, Wasser und Bäume fehlen. Auch Kinder wie Rigzen pflanzen Bäume, damit sie künftig überleben können. Es geht bei dem internationalen Projekt um Austausch, um Vernetzung, aber auch um gegenseitige Hilfe. Und irgendwie ist es auch eine Art Friedensprojekt.

Dem Abensberger Waldkindergarten vermittelte Susanne Mic Patenkind Rigzen. Hier ein Brief-Bild, das er den niederbayerischen Kindern schickte. Foto: Weigert
Dem Abensberger Waldkindergarten vermittelte Susanne Mic Patenkind Rigzen. Hier ein Brief-Bild, das er den niederbayerischen Kindern schickte. Foto: Weigert

Wie steht es um die Naturerfahrungen der Erwachsenen?

Mittlerweile haben alle Menschen Naturdefizite. Es gibt sogar schon Waldtherapeuten. Und das nicht nur in Japan. Dabei wäre es so einfach; ab und zu ein Waldspaziergang.

Susanne Mics Bericht vom Besuch einer Schule in Ladakh im Himalaya.

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