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Konzept

Die industrielle Revolution neu erfinden

Das Prinzip „Cradle to Cradle“ – von der Wiege zur Wiege – soll Umwelt- und Ressourcen schonen und das künftig auch im Landkreis Kelheim.
von Benjamin Neumaier

  • Der Sportartikelhersteller Puma warf 2013 den ersten kompostierbaren Turnschuh auf den Markt – ressourcen- und umweltschonend sollen auch andere Firmen agieren. Foto: Puma
  • In Maierhofen bei Painten tagte der internationale Kongress zum Thema „Cradle to Cradle“ Foto: Neumaier
  • Umweltberater Thorsten Grantner setzt auf das Konzept Cradle to Cradle. Foto: Neumaier

Maierhofen.Es klingt nach der Idee für eine industrielle Revolution: Wenn alle Produkte so intelligent produziert würden, dass sie zu 100 Prozent wiederverwertbar sind, würden sie die Umwelt nicht nur weniger belasten, sondern ihr sogar nutzen und den Unternehmen die Hoheit über ihre Rohstoffe geben. Shampooflaschen, Telefone, Nahrung und Baumaterialien sollen wieder in die Stoffkreisläufe zurückfließen. 2013 erschien deshalb auch der erste kompostierbare Turnschuh.

„Cradle to Cradle“ heißt das Prinzip, die Zertifizierung und das Institut, das sich der Idee annimmt. An dessen Umsetzung im Landkreis Kelheim brüteten etwa 30 Frauen und Männer aus der ganzen Welt im Gasthof Pruck in Maierhofen. Koordinator des vom Cradle to Cradle Product Innovation Institute veranstalteten Kongresses, zu dem Gäste aus Dänemark, den Niederlanden, der Türkei, Brasilien oder den USA ins beschauliche Dörfchen bei Painten eingeflogen waren, ist der gebürtige Saaler Thorsten Grantner, seines Zeichens Umweltgutachter und Inhaber der Firma OmniCert aus Bad Abbach: „In den Niederlanden, Dänemark und in den USA ist Cradle to Cradle bereits weit fortgeschritten und in der Großindustrie verankert – das wollen wir nun auch in Bayern auf die Beine stellen und fangen im Landkreis Kelheim an.“

Mehr als eine Zertifizierung

Grundsätzlich ginge es darum, „nicht noch eine weitere Zertifizierung anzustreben, die es schon zuhauf gibt, sondern die Produktions- und Warenkettenabläufe anders zu strukturieren“, sagt Grantner. „Die Gesellschaft sollte nicht wie bisher durch gesetzliche Vorgaben Industrie und Handwerk dazu bringen, ein Produkt oder einen Produktionsweg etwas weniger schlecht zu machen, um die gesetzlichen Rahmenbedingungen einzuhalten, sondern die Abläufe grundsätzlich zu verbessern.“ Rohstoffe sollen im Kreis geführt, also wiederverwendet werden, anstatt weggeworfen und immer neu eingekauft. „So behält der Unternehmer die Kontrolle über seine Rohstoffe.“

Dabei soll zudem jeder einzelne Bestandteil eines Cradle to Cradle-Produkts die Umwelt weniger belasten und ihr zudem nutzen. Schuhsohlen, Shampooflaschen, Telefone, Kleidung, Verpackungen oder Baumaterialien sollen kompostierbar oder zerlegbar sein und wieder in den Stoffkreislauf einfließen.

Dass das funktionieren kann, zeigt das Beispiel des kompostierbaren Sportschuhs von Puma. Dessen Materialien sind zu 97 kompostierbar und in der Produktion spart der Sportartikelhersteller im Gegensatz zum normalen Prozedere 51 Prozent Wasser und 48 Prozent Energie.

Auch der amerikanische Teppichhersteller Shaw arbeitet nach Cradle to Cradle-Prinzip. Seine Bodenbeläge enthalten 46 Prozent recycelbare Materialien und der Wasserverbrauch bei der Produktion ist um 48 Prozent geringer. Zudem spart die Firma etwa 2,5 Millionen Dollar pro Jahr, durch Energieeinsparung sowie die Wiederverwertung ihrer Teppiche, erklärt Grantner: „Der Teppich wird beim Kunden kostenfrei abgeholt, wenn der ihn nicht mehr will. Dann wird er im Werk zerlegt und zum Teil wiederverwendet. Dabei spart das Unternehmen natürlich Rohstoffkosten und gewinnt Sicherheit.“

Kostensenkung durch Wiederverwertung

Das sei ein Geheimnis hinter Cradle to Cradle, mit dem man es hierzulande auch den Unternehmen schmackhaft machen will – Kostensenkung und Rohstoffmanagement durch Wiederverwertung. „Denn es nützt nichts, wenn ich einem Unternehmen ein weiteres Logo präsentiere. Davon hat er schon gefühlte 100 – ein weiteres fällt nicht ins Gewicht. Es geht um die Schonung der Menschen, um Innovationen und eben auch Effizienz. Wir wollen Firmen dazu bringen, völlig neu an ihre Produkte und ihr Geschäftsmodell heranzugehen.“

Denn viele Hersteller wüssten nicht bis ins Detail, was in ihren Produkten stecke, sagt Grantner und holt sich ein Kissen aus der Ecke als Anschauungsobjekt: „Die Farbe, mit der das Kissen bedruckt ist, kauft der Hersteller bei einem Großhändler ein, weiß aber nicht, welche Chemikalien da drin sind. Das sollte er aber – und er sollte auch versuchen, etwaige Giftstoffe anderweitig zu ersetzen.“ Das müsse nicht grundsätzlich billiger sein, „kann es aber. Außerdem sollte es das Bestreben jedes Unternehmers sein, dass seine Kunden und seine Arbeiter keinen Giftstoffen ausgesetzt sind.“

Cradle to Cradle beinhalte auch noch einen weiteren Ansatz: Mieten statt kaufen, um dadurch die Umwelt zu schützen. „Niemand will eine Waschmaschine kaufen, damit er eine besitzt, es geht darum, dass jeder saubere Wäsche haben will“, sagt Grantner. „Kaufe ich aber eine billige Waschmaschine, ist der Strom- und Wasserverbrauch hoch. Kann aber auch der Ottonormalverbraucher sich eine teure Waschmaschine leisten, weil er sie nicht kauft, sondern least, schützt er die Umwelt und billig produzierte und nach ein paar Jahren entsorgte Waschmaschinen gehören der Vergangenheit an.“ Dieses Modell sei in vielen Ländern bereits Realität: „Großkonzerne denken um – sie binden durch solche Geschäftsmodelle Kunden an sich und kontrollieren Ihre Rohstoffe.“

Alltagsdinge gesünder machen

„Die Grundidee ist, sämtliche Dinge unseres Alltags gesünder zu machen und Rohstoffe mehr im Kreis zu fahren“, sagt Grantner, der sich als Berater für das Konzept einsetzen will. Denn „die aktuellen Bestrebungen und Vorgabe zur Energieeinsparung oder Recycling werden in den kommenden Jahren vom Wirtschaftswachstum aufgefressen.“ Und das sei „natürlich der Lauf der Dinge“, ist dem Umweltgutachter klar: „Wir reden hier von knallhartem Business, Großindustrie aber auch Handwerk – da zählen erstmal die schwarzen Zahlen. Doch die stimmen kurz- aber auch langfristig bei Cradle to Cradle. Vor allem die jeweiligen Marktführer in der Branche setzen auf Cradle to Cradle.“

Grantner gibt sich und seinen Kollegen ein halbes Jahr Zeit, dann will er innerhalb seiner ersten Station – dem Landkreis Kelheim – erste Erfolge verzeichnen. Dazu sollen die IHK, Handwerkskammer, Umweltnetzwerke, und eben Firmen ins Boot geholt werden. „Wenn das klappt – und davon gehe ich aus – kommt der nächste Schritt in die umliegende Landkreise und natürlich nach ganz Bayern. Dann ist für uns erstmal Schluss, aber wer in Bayern erfolgreich ist kann dies später immer noch exportieren.“

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