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Überraschung

Die Jugendhilfe wird richtig teuer

Der Kreis Kelheim muss 2017 fast 2,6 Millionen Euro mehr aufwenden als geplant. Abhilfe könnten auch zwei neue Heime bringen.
Von Martina Hutzler

ADHS-Syndrom und andere Verhaltensauffälligkeiten von Kindern führen immer öfter dazu, dass Eltern eine Schulwegbegleitung beantragen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
ADHS-Syndrom und andere Verhaltensauffälligkeiten von Kindern führen immer öfter dazu, dass Eltern eine Schulwegbegleitung beantragen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Kelheim.In der Jugendhilfe im Kreis Kelheim bewegt sich was – in positiver wie negativer Hinsicht. Im Jugendhilfe-Ausschuss des Kreistags berichteten die Arbeiterwohlfahrt und die Katholische Jugendfürsorge über ihre Pläne, in Saal respektive Abensberg je ein neues Kinderheim zu eröffnen. Das könnte, neben vorrangig pädagogischen Vorteilen, auch finanzielle Entlastung für die Kreiskasse bringen. Und die kann das brauchen: 2017 haben die ungedeckten Kosten der Jugendhilfe den Haushaltsansatz um satte 2,57 Millionen Euro überschritten.

Das beichteten Jugendamtsleiter Norbert Birnthaler und Landrat Martin Neumeyer dem Jugendhilfe-Ausschuss – verbunden mit der Ankündigung des Landrats, „alles zu tun, dass es künftig keine solchen Überraschungen mehr gibt“. Bislang waren Kämmerer und Kreisräte von einer Haushaltsüberschreitung von „nur“ 800 000 Euro ausgegangen. Ganz ursprünglich lag der Ansatz der Kosten, die der Landkreis selbst zahlen muss, bei sieben Millionen Euro. Was schon den höchsten Wert seit jeher darstellt.

ADHS-Syndrom und andere Verhaltensauffälligkeiten von Kindern führen immer öfter dazu, dass Eltern eine Schulwegbegleitung beantragen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
ADHS-Syndrom und andere Verhaltensauffälligkeiten von Kindern führen immer öfter dazu, dass Eltern eine Schulwegbegleitung beantragen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Jugendamtsleiter Birnthaler begründete die nunmehrige Kostenexplosion kurz; ausführlich vorstellen und begründen wird er sie im Juni im Kreisausschuss. Unerwartet stark seien zum einen die Kosten in allen Bereichen der Jugendhilfe gestiegen, weil dort Stundensätze und Entgelte kräftig zulegten. Hinzu kämen „unvorhersehbare Kostenerstattungen“ an den Bezirk und andere Jugendämter, ferner ungeplante Mindereinnahmen. Daneben seien in allen Bereichen die Fallzahlen stark gestiegen, insbesondere aber bei der so genannten „Eingliederungshilfe“ für seelisch Behinderte.

Schulbegleitung steigt rapide an

Darunter fällt, als ambulantes Angebot, die Schul- und Schulweg-Begleitung (unter anderem) für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten oder anderen seelischen Behinderungen. Mit ihr hadern Kelheim und andere Landkreise schon länger. Solche Begleiter – jeweils einem einzelnen Kind zugeteilt – gelten im Freistaat laut Gesetz als ein Mittel, um die völkerrechtliche Pflicht eines „inklusiven Schulsystems“ und den staatlichen Auftrag einer „angemessenen Schulbildung“ zu erfüllen.

Ein Mittel indes, das im Gegensatz zu Lehrkräften, nicht der Freistaat zahlt, sondern Bezirke oder Landkreise. In Kelheim verdoppelte sich von 2015 bis 2017 die Begleiterzahl auf 51. Entsprechend kletterten im Kreis-Etat die Ausgaben von rund 290 000 auf knapp 717 000 Euro.

Der Rechtsanspruch von Eltern und Kinder auf diese Art von Unterstützung ist recht eindeutig, informierte Jugendamts-Gruppenleiter Bernhard Merkl den Ausschuss. Dennoch werde man versuchen, die Kosten zu senken. Viel versprechen sich Jugendamt und Landrat von so genannten Stütz- und Förderklassen: Sie sollen verhaltensauffällige Schüler darauf vorbereiten in die Regelklassen zurückzukehren.

Auch an anderer Stelle werde man versuchen die Kosten besser in den Griff zu bekommen, kündigten Landrat und Jugendamts-Chef Birnthaler an: etwa bei den im bezirksweiten Vergleich sehr hohen Fallzahlen an der heilpädagogischen Tagesstätte in Abensberg, einer teilstationären Jugendhilfe-Einrichtung.

Jugendamts-Leiter Norbert Birnthaler erläuterte den rapiden Anstieg des Jugendhilfe-Etats. Foto: re/Archiv
Jugendamts-Leiter Norbert Birnthaler erläuterte den rapiden Anstieg des Jugendhilfe-Etats. Foto: re/Archiv

Im vollstationären Bereich könnte ausgerechnet eine Angebots-Ausweitung dem Landkreis nicht nur pädagogisch, sondern auch finanziell nutzen. Bislang muss das Jugendamt fast alle Kinder, die einer Heimunterbringung bedürfen – im Schnitt derzeit rund 70 –, in Einrichtungen teils weit außerhalb des Landkreises unterbringen und dort auch regelmäßig betreuen. Das dürfte sich vereinfachen durch zwei geplante Heime.

Bis Juli bezugsfertig sein soll die heilpädagogische Einrichtung „Donau Inn“ der Arbeiterwohlfahrt in Saal. Wo zuvor junge unbegleitete Flüchtlinge betreut wurden, entstehen acht Plätze für 8- bis 16-Jährige, die zumindest vorübergehend nicht zuhause sein können. Ziel sei aber die Rückführung in die Familie, erklärte Einrichtungsleiterin Iris Balk. Ein Anschluss-Angebot stellt die Wohngruppe für 17- bis 21-Jährige dar; sie wurde bereits 2017 im Dachgeschoss des AWO-Seniorenheims in Saal eingerichtet.

Neues Wohnhaus beim BBW

Einen Neubau plant das Berufsbildungswerk St. Franziskus Abensberg respektive dessen Träger, die Katholische Jugendfürsorge Regensburg. Auf dem BBW-Gelände, aber räumlich und durch eine separate Zufahrt getrennt, soll das neue Wohnhaus als „stationäre Erziehungshilfe-Einrichtung“ bis zu 16 Kinder und Jugendliche (6 bis 17 Jahre) aufnehmen, in zwei Wohngruppen, informierte Abteilungsleiterin Johanna Anthofer. Heuer soll die Planung weitgehend über die Bühne gehen, 2019 und 2020 gebaut werden und Anfang 2021 der Betrieb starten.

Verjüngungskur für den Landkreis

  • Um „Jungsein im Landkreis Kelheim“ geht es am 11. Juni im Landratsamt.

  • Ziel:

    Der Tag soll „Auftakt zu einem jugendgerechten Landkreis“ sein, so der Landrat.

  • Workshops, Vortrag, Empfang mit DJ Larusso (Fotos: gkt, hu, dpa/Grubitsch)

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