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Abschied

Die Kelheimer SPD-Basis in Person geht

Das Gute-Laune-Büro Ingrid Roithmeier geht in Rente. Erschüttert hat sie kaum was. Außer vielleicht Weißwürst’ mit Sauerkraut
Von Martina Hutzler

Ingrid Roithmeier am SPD-Büro-Telefon: das gehört der Vergangenheit an. Für die Sozialdemokratie will sie aber auch künftig ihre Stimme erheben. Foto: Hutzler
Ingrid Roithmeier am SPD-Büro-Telefon: das gehört der Vergangenheit an. Für die Sozialdemokratie will sie aber auch künftig ihre Stimme erheben. Foto: Hutzler

Kelheim.Wo man singt, da lass’ Dich nieder, heißt es ja. Das hat Ingrid Roithmeier quasi ein Berufsleben lang beherzigt. Vor über 30 Jahren ist sie zum SPD-Ortsverein von Mitterfecking gestoßen, weil’s „da draußen so is, wie man sich SPD vorstellt“: Arbeiterlieder singen, für Gleichberechtigung kämpfen – und nicht gleich aufspringen und heimgehen, wenn der offizielle Versammlungsteil beendet ist. Und so hat er begonnen, Ingrid Roithmeiers Werdegang als Büro gewordene Basis der Kelheimer Sozialdemokratie. Damit ist jetzt aber Schluss. Vorige Woche hat die Kelheimwinzerin ihren Schreibtisch im Neustädter Büro geräumt.

Ingrid Roithmeier am SPD-Büro-Telefon: das gehört der Vergangenheit an. Für die Sozialdemokratie will sie aber auch künftig ihre Stimme erheben. Foto: Hutzler
Ingrid Roithmeier am SPD-Büro-Telefon: das gehört der Vergangenheit an. Für die Sozialdemokratie will sie aber auch künftig ihre Stimme erheben. Foto: Hutzler

Offiziell ist es „nur“ das Abgeordneten-Büro von Johanna Werner-Muggendorfer. Aber mit seinen beiden Bewohnerinnen – „d’Chefin“ und „mei Inge“ – wurde es zur SPD-Parteizentrale im Landkreis. Viele Fotos erinnern an die vielen Achterbahn-Fahrten der SPD – und ein mannsgroßer Pappkamerad. Martin Schulz ist aber ins Eckerl verbannt: neben der Tür hatte er eintretende Besucher zu sehr verschreckt. Ihr selbst war eher die Wirkung des echten Martin Schulz nicht recht geheuer, erzählt Roithmeier: dass da einer von jetzt auf gleich zum Helden hochgejubelt wird und gleich wieder so abstürzt.

Sicherheits-Check für Schily

Dabei hat sie ja viele rote Aufs und Abs in Bund und Land miterlebt, vor Ort. Einem „Auf“ verdankt es die frühere Neustädter Fotostudio-Mitarbeiterin, dass sie Büroleiterin wurde. Als die „rote Johanna“ Ende 1991 als Nachrückerin in den Landtag einzog, bewarb sich Roithmeier.

„D’Chefin“ und „mei Inge“ sind seit 1991 ein Team. Foto: hu
„D’Chefin“ und „mei Inge“ sind seit 1991 ein Team. Foto: hu

„Zum Glück“, seufzt Werner-Muggendorfer noch heute erleichtert. „Zum Glück ohne zu wissen, was man da alles lernen muss!“, seufzt Ingrid Roithmeier noch heute lachend. Computer-Sachen vor allem, klar. Aber was ist eigentlich zu tun, wenn die Chefin einen Landtags-Antrag stellen will? Und was, verflixt, ist der „innere Sicherheitsbereich“ eines Innenministers??

Den wollten Otto Schilys Bodyguards ausgerechnet von Roithmeier definiert haben, als der SPD-Politiker 2002 zum Gillamoos kam. Gemeinsam haben sie dann schon einen sicheren Korridor ausgetüftelt, auf dem Schily das Zelt verließ. „Aber die viele ’Rumrennerei“ bis dahin! Ebenso für Sigmar Gabriel, 2010. Nach dessen Abensberger Auftritt ging Roithmeier sogar mit Schwächeanfall in die Knie. Zu wenig Sauerstoff im Blut. „Mei, den ganzen Tag nix getrunken – und s’Dirndl wird halt auch zu eng gewesen sein…“

Ausgeblieben ist das befürchtete Ungemach dagegen 1992, beim Besuch des damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm.

Auf Höllenritt mit Björn

Der, so planten es „d’Chefin“ und „mei Inge“, sollte mit SPD-Landesvorsitzender Renate Schmid und der örtlichen Parteiprominenz im roten SPD-Bus durch den Landkreis schaukeln (den gerade Sepp Bergmann als SPD-Landrats-kandidat erobern wollte). Doch da – es war kurz nach dem Attentat auf Oskar Lafontaine – winkten die Personenschützer ab: Im Dienstwagen wurde Engholm chauffiert – und wie! „Wia die G’sengten“ jagten sie in der Limousine über die Kreisstraßen! Ingrid Roithmeier ist noch heute froh, dass die bereitgehaltene Kotztüte leer blieb. A propos Brechreiz: Engholm orderte damals mittags allen Ernstes Weißwürst’ mit Sauerkraut. „Furchtbar, gell?!“

Wahlkampftour mit (v. li.) Renate Schmid, Heinz Reiche, Johanna Werner-Muggendorfer, Björn Engholm und Ingrid Roithmeier. Foto: SPD
Wahlkampftour mit (v. li.) Renate Schmid, Heinz Reiche, Johanna Werner-Muggendorfer, Björn Engholm und Ingrid Roithmeier. Foto: SPD

Wohler als bei den „Großen“ fühlt sie sich an der Basis. Solidarität, Gleichheit, Anderen helfen: Das habe sie schon im Elternhaus gelernt, sagt die gebürtige Alkofenerin. Der Opa, Straßenarbeiter, und ihr Vater, bei Hoechst beschäftigt, waren überzeugte „Rote“. Als sie später Kurt Roithmeier heiratete und nach Saal zog, holte sie der Schwiegervater, Ortsvorsitzender in Mitterfecking, endgültig in die SPD.

Stark war im Unterbezirk Kelheim schon damals die Sangesfreude, für die Noten-Linientreue sorgte Partei-Gitarrist Peter Groeben. Nebenher emanzipierten sich die Genossinnen: Beim Weltfrauentag guckte sich Johanna Werner-Muggendorfer die Idee für eine Frauen-Kabarettgruppe ab. „Des können mir auch!“, lautete der Auftrag an „mei Inge“, die tatsächlich „fünf Kelheimerinnen, vier Saalerinnen und uns beide“ zusammentrommelte: „Die Tollkirschen“ waren geboren. Selbst beim Spazierengehen suchte Ingrid Roithmeier damals singend nach neuen Pointen. „Das war die schönste Zeit, aber auch die anstrengendste!“

2006 zog das SPD-Büro von Kelheim nach Neustadt. Foto: dt/Archiv
2006 zog das SPD-Büro von Kelheim nach Neustadt. Foto: dt/Archiv

„Schön und anstrengend“, so betitelt sie die meisten Berufsjahre. Über Polit-Erfolge, wie damals Heinz Reiches Wahl zum Bürgermeister, konnte sie sich von Herzen freuen. Politische Niederlagen haben ihre gute Laune nie dauerhaft vermiest. Richtig fertig war sie stattdessen, als Johanna Werner-Muggendorfer 2010 einen Schlaganfall erlitt. Nicht erst seit damals wirken die beiden eher wie Schwestern. „Ich bin eh’ kein Chefinnen-Typ“, brummelt Johanna Werner-Muggendorfer, deren Landtags-Zeit auch bald endet. „Und i bin eh größer als Du“, feixt Ingrid Roithmeier.

Mehr Zeit für ihren Mann Kurt und Schäferhund Lasko: darauf freut sich die Pensionärin. Foto: Roithmeier
Mehr Zeit für ihren Mann Kurt und Schäferhund Lasko: darauf freut sich die Pensionärin. Foto: Roithmeier

Das Büro hat sie nun an Nachfolger Bruno Dengel übergeben. Mit „ein bissl Wehmut“ zwar, „aber i g’frei mi wahnsinnig auf d’Rente!“, gesteht die 65-Jährige. Endlich mehr Zeit für Mann und Hund, und für gemeinsame Fotosafaris rund ums heimatliche Kelheimwinzer. Das „Chanten“ hat sie auch für sich entdeckt: singen und tanzen mit einer Heilsängerin. Oha, was esoterisches? „A kloans bisserl bloß!“

Oft auf Fotosafari – auch für die MZ

  • Unseren Leserinnen

    und Lesern ist Ingrid Roithmeier auch als Leserfotografin bestens bekannt. Die Lumix oder die Pentax ist immer dabei, wenn sie spazieren geht. Das Donautal zwischen Kelheim und Abbach ist ihr Kern-Revier.

  • Die alte Eiche

    , die in der Nähe von Herrnsaal steht, ist eines der Lieblingsmotive von Ingrid Roithmeier: „Ich mag alte Bäume, weil man die Jahreszeiten an ihnen spürt. Für mich und meinem Mann ein magischer Ort.“ Fotos: Roithmeier

Als nächstes will sie sich eine orientalische Tanzgruppe für Frauen ab 60 suchen. Bei der AWO und in der Heimatpfarrei engagiert sie sich, und, ja: An der SPD-Basis wird sie auch wieder mehr mitarbeiten. „Aber jetzt genieß’ ich erst mal die Rente!

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