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Region Kelheim
Montag, 21. Mai 2018 23° 3

MZ-Serie

Dieser Drecks-Sport riecht auch streng

Beim „Tough Mudder“ robben Teilnehmer durch Matsch, werfen sich in Tümpel oder gehen Wände hoch. Ein MZ-Reporter macht mit.
Von Martin Rutrecht

Ein schmutziges Team (v. l.): Thomas Schmalzl, Michael Przewloka, Monika Ulit, Anna Daffner, Johannes Amann (hi.), Andreas Ulit, Stefan Daffner und der (noch) gut gelaunte MZ-Reporter. Fotos: Krieger

Bad Gögging.Das linke Bein steckt fest. Wie ein Saugnapf umschließt der Schlamm den Fuß. Eben hatte ich noch gelächelt, als Mitstreiter Thomas Schmalzl mir zurief: „Da hab’ ich schon mal den Schuh verloren.“ Die Hand von „Monster Michl“ Michael Przewloka schnellt mir entgegen: „Greif zu!“ Mit seiner Kraft aus sehniger Muskulatur zieht er mich aus dem bauchhohen Wasser – oder sollte ich sagen: aus dem Drecksloch.

„Das Schlimmste ist die Kälte.“

Johannes Amann

Tough Mudder nennt man jene verrückten Wettkämpfe, bei denen durchaus vernunftbegabte Menschen durch Schlamm- und Wassergräben pflügen, haushohe Hindernisse aus Holz, Stein oder Seilgeflecht überwinden und durch Betonröhren kriechen. Bis zu 25 solcher Hürden warten auf einer Laufdistanz von etwa 20 Kilometern. Die schmutzigen Athleten des FSV Sandharlanden, die solche Herausforderungen bestreiten, haben mich heute mitgenommen ins Training.

Bitte den Untergrund ergründen, bevor man sich reinwirft!

Ein früher Abend im Kurort Bad Gögging könnte nicht schöner sein, Gäste flanieren, Radfahrer ziehen lächelnd vorbei. „Da rein?“ – „Da rein.“ Marc „Centurio“ Utry („einer muss der Chef sein“) deutet in die Abens, 13 bis 14 Grad Celsius dürfte sie haben. Feixend haben er und seine Kollegen – mit ihren Kopftüchern ein wenig aussehend wie verlotterte Piraten – mich erwartet. Und Kolleginnen: Anna Daffner (25) will es sich trotz Schwangerschaft nicht nehmen lassen, den MZ-Reporter zu begleiten und leiden zu sehen. „Wir machen alles im Team“, sagt sie. „Auch bei den Wettkämpfen darf man nur gemeinsam ins Ziel kommen. Die Gemeinschaft zählt am meisten in diesem Sport.“

Hier sehen Sie ein Video zum Tough Mudder-Training mit einem MZ-Reporter:

Tough Mudder: Der dreckigste MZ-Reporter

Also rein ins Wasser, wenigstens ist es nur knöcheltief. Am Ufer. Mitten im Bach durchzieht mich der erste Kälteschauer, das Nass schwappt über die Nabelgrenze. Der Untergrund ist fest, behände springen wir aus dem Fluss und laufen über die Wiese. „Das Schlimmste“, sagt Johannes Amann, „ist die Kälte.“ Der Getting Tough, der härteste Tough Mudder in Europa in Rudolstadt, wird sinnigerweise im Dezember ausgerichtet. „Nach ein paar Kilometern und den ersten Passagen in Wasser und Schlamm frierst du nur mehr“, so der 25-Jährige. „Bei den Hindernissen wollen die Muskeln nicht mehr“, ergänzt „Monster Michl“ Przewloka und gesteht: „Kurz vor dem Ziel war ich am Ende.“

Kopf unter in der fauligen Brühe

„Centurio“ Utry steuert auf einen kleinen Bach zu. „Lächerlich“, denke ich. Doch kaum mache ich die ersten Schritte rein, stecke ich im hüfttiefen Wasser im Schlamm. Jede Bewegung lässt den Körper noch weiter einsinken. Ich stakse langsamer, leichte Angst, wie in einem Moor zu versumpfen, überfällt mich. Das Lachen über Schmalzls verschwundenen Schuh habe ich längst bereut. „Was ist, wenn der ganze Mensch verschwindet?“, überlege ich. Monika Ulit hinter mir muntert mich auf. „Beim Tough Mudder hilft man sich gegenseitig, keiner lässt den anderen im Stich.“ Die 52-Jährige hat nicht nur Erfahrung in solchen Rennen, sie hat auch Extremläufe wie die 100 Meilen von Berlin absolviert.

Frisch rein in die Abens! Beim Trainingstest hatte das Wasser rund 14 Grad Celsius.

Die Mitstreiter reißen mich raus. Stefan Daffner, der Mann der schwangeren Anna, sieht so gar nicht angestrengt oder schmutzig aus. „Man muss sich das jetzt auf 25 Hindernisse und 20 Kilometer ausgedehnt vorstellen“, sagt er, während wir über einen Stoß aus gefällten Bäumen springen. Trotz der hoch gerechneten Anstrengung – es hat was von Kind-Sein. „Einfach ausbrechen und was Verrücktes tun“, beschreibt es Andreas Ulit, Monikas Ehemann. Der Satz bleibt hängen.

Der Verein

  • Der FSV Sandharlanden

    wurde im Jahr 1946 gegründet. Derzeit zählt der Gesamtverein 822 Mitglieder, denen acht Abteilungen offen stehen: Fußball, Kegeln, Ski, Kondition, Bogenschützen, Tennis, Stockschützen und Turnen. Reinhold Huber steht dem FSV Sandharlanden vor.

  • Die Tough-Mudder-Gruppe

    bildete sich aus den FSV-Läufern. Korrekt nennen sie sich Hindernisläufer, denn der Begriff „Tough Mudder“ steht für eine bestimmte Serie. Etwa 20 Aktive aus Sandharlanden und darüber hinaus haben sich diesen Hindernisrennen mit natürlichen bzw. eigens dafür errichteten Stationen verschrieben.

Nach weiterem Durchmessen von Feld und Flur erreichen wir den Kurpark-Weiher. „Centurio“ findet selbst hier ein Schlammloch. Das noch dazu modrig riecht. „Wie wär’s mit Eintauchen?“ Wie auf Kommando gehorchen „Monster Michl“ und „Eisbrecher“ Daffner. Zurückstecken ist da schwierig, Luft anhalten und ab. Prustend reiße ich den Kopf hoch, geht eigentlich. Wir waten durch eine brusthohe Brühe. Langsam spüre ich ein fast euphorisierendes Gefühl – es ist wie Abenteuer mit Kumpels, obwohl wir uns erst eine halbe Stunde lang kennen.

In einer Gegenstromanlage reicht sich die Gruppe die Hände zur Menschenkette, um besser voranzukommen.

Vom Moorloch springen wir direkt in den Kurparkweiher, eine säubernde Abkühlung. Zu kühl, merke ich beim Schwimmen in der Mitte des Sees und erhöhe die Schlagzahl, während einige tiefenentspannt rücklings im Wasser liegen. Endlich gelingt es mir, auch auf die anderen zu achten und am Ufer zu helfen. Auch wenn es die Hilfe nicht braucht, es ist wie eine Geste: „Du bist in meinem Team.“

Ein Interview mit einer Zukunftsforscherin zur Veränderung des Sports lesen Sie hier.

Zwei Erdhügel überwinden wir beim Weiterlaufen. Eine Röhre unter einer Wegbrücke durch bereitet keine Schwierigkeiten. Der nächste Durchschlupf wird enger, der Erste aus unserer Gruppe gibt den Spinnennetzabräumer. Auf Knien rutschen wir durch, Wasser gleitet über die Hände. „Da musst du Abstand zum Vordermann lassen“, rät Amann. Wenn sich Hunderte Athleten an einem Hindernis drängen, etwa robbend in einer Pfütze unter einem Stacheldrahtzaun, verstärkt jede Sekunde des Innehaltens die Kälte im Körper.

„Wir sind wie im Schaufenster, wenn wir verdreckt durch den Kurort rennen.“

Thomas Schmalzl

Die letzte Prüfung nach fünf Kilometern ist eine Gegenstromanlage im Wasser. Mit einer Menschenkette kämpfen wir dagegen an. „Jetzt stellst dir ein bisschen Hochwasser dazu vor, da sind wir auch schon durch“, sagt Daffner. Langsam fröstelt mir, aber „Centurio“ nimmt auch die nächste Abensquerung mit.

Anrainer und Kurgäste staunen

Und dann wollen unsere Fotografen noch, dass wir reinspringen, nicht einmal, zweimal, weil es schöne Motive geben muss. Einmal mehr ruft das Gemeinschaftsgefühl einen Moment des Hochs hervor. Anrainer haben ihr Haus verlassen und gucken interessiert zu. „Wir sind jedesmal wie im Schaufenster, wenn wir trainieren“, lacht Schmalzl in seinen grauen, an der Spitze geflochtenen Bart.

Das Abschlussbild nach der Tough-Mudder-Tour zeigt die nasse und erstaunlich fröhliche Mannschaft des FSV Sandharlanden samt Reporter.

Mir schlottern die Glieder, als wir zum Ausgangspunkt zurückkehren. „Respekt“, klopft mir einer aus der Truppe auf die Schultern. Sollte ich zum Schlammschlacht-Sportler geboren sein? „Im Winter kommst wieder!“ Klar, nicke ich abwesend und zucke plötzlich. „Hat er Winter gesagt?“ Bis dahin, lächeln die werdenden Daffner-Eltern, gibt es auch Tough-Mudder-Nachwuchs.

Einen Beitrag über die Herausforderung für Sportvereine durch neue Trends lesen Sie hier.

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