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Ein Abstieg in den Leib der Erde

Auf dem Hof der Gerls in Mitterschneidhart versteckt sich ein Geheimnis der Archäologie: Erdställe, von Menschenhand errichtet. Und keiner weiß warum.
Von Margherita Bettoni, MZ

  • Ein Gang mit Spitzbogen im Erdstall von Mitterschneidhart. Fotos: Daniel Pfeifer
  • Der Eingang des Erdstall ist ein Güllesilo. Foto: Daniel Pfeifer
  • Birgit Symader hat schon in einigen Erdställe übernachtet. Foto: Daniel Pfeifer
  • Über eine eiserne Leiter kommt man wieder ans Licht. Foto: Daniel Pfeifer

Mitterschneidhart.Um durch den Durchschlupf zu passen, muss sich Birgit Symader weit nach hinten beugen. Dann verschwindet sie hinter einer Wand. Durch ein schmales Fenster im Fels blitzt noch das Licht ihrer Taschenlampe. Würde sie ausgehen, dann wäre nichts mehr zu erkennen. Symader ist Vorsitzende des deutschen Arbeitskreises für Erdstallforschung. Elf Meter über ihrem Kopf wird im Hof der Gerls schon gearbeitet. Tief unter im Boden, im Erdstall von Mitterschneidhart (Lkr. Kelheim), herrscht hingegen meditative Stille.

Nur durch Zufall hat Jakob Gerl den Erdstall unter seinem Hofplatz gefunden. Vor rund zwanzig Jahren wollte er ein Güllesilo errichten, und stieß dabei auf ein Labyrinth unter der Erde. Einen Erdstall. Das sind unterirdische Gängesysteme. Sie bestehen aus niedrigen Tunneln und Kammern, die durch enge Schlupflöcher, horizontal oder vertikal miteinander verbunden sind. Vermutlich im Mittelalter haben Menschen diese engen Tunnelsysteme ins Gestein gegraben. Erdställe gibt es in Bayern, Österreich und Frankreich. Allein im Freistaat wurden 700 Anlagen entdeckt.

Sagen erzählen von Schrazellöchern

Im Volksmund heißen sie Schrazellöcher. Wenn man durch einen Tunnel geht, hat man das Gefühl, dass dieser auf der Größe von Schrazelln, die Zwerge aus den Oberpfälzer Sagen, zugeschnitten wurden. Durch die Tunnel des Erdstalls von Mitterschneidhart kann Symader teilweise im Stehen gehen. Sie trägt Gummistiefel und einen Arbeitsanzug. Er ist rot – wie ihre Haare. Durch ein schmales Güllesilo ist Symader in den Einstiegsschacht des Erdstalls gekommen. Wie an einer Kreuzung öffnen sich vor ihr drei Gänge, ein weiterer befindet sich hinter ihrem Rücken. Die Luft ist frisch und sauber. Es tut gut, tief einzuatmen. Symader hat den Erdstall von Mitterschneidhart für einen Besuch empfohlen, weil er alle Merkmale der Schrazellöcher anbietet und archäologisch bearbeitet wurde: „Er ist einer der markantesten der Region“, sagt sie.

Die Funktion von Erdställen bleibt unklar. Die Gänge sind eng. Es sind Schlupflöcher eingebaut, durch die ein erwachsener Mensch nur mit Mühe kriechen kann. Die bauweise der Tunnels ist irrational. Eine Nutzung als Vorratsraum oder Wohnhöhle lässt sich aufgrund der Beschaffenheit ausschließen. Experten vermuteten, dass Menschen im kriegerischen Mittelalter Zuflucht in den Erdställe fanden. „Doch dagegen sprechen sowohl die Abwesenheit von menschlichen Funden und die Bauweise von Erdställen, die nur einen Eingang haben“, sagt Symader. Sie glaubt, wie die meisten Experten, an eine sakrale Funktion der Erdställe.

Enge Durchgänge und Stollen

Symader geht gebeugt durch den linken Stollen. Er führt zu einem Spalt im Boden. Sie klettert zwei Metern in die Tiefe, die Hände voller Schlamm, und erreicht einen weiteren Gang. Dieser winkelt nach rechts ab und führt durch ein schmales Schlupfloch wieder nach oben. Wie von der Erde geboren kriecht Symader mit Mühe aus der Öffnung, die nicht breiter ist als vierzig Zentimeter. Das Gefühl, sich in einem Mutterleib zu befinden, ist im Erdstall oft präsent. Man fühlt sich aufgehoben. Symader glaubt, dass Leute früher nackt in die Anlagen kletterten, um sich seelisch zu reinigen. „Das würde erklären, wieso keine menschlichen Funde aufgetaucht sind“. Darüber hinaus geht Symader davon aus, dass die Erdställe als heilende Orte galten. „Ähnlich wie bei Therapien, bei denen Asthmatiker in Höhlen schlafen, vermute ich, dass Menschen die Schrazellöcher aufsuchten, um sich besser zu fühlen.“

Symader hat in mehreren Erdställe übernachtet: „Das ist äußerst angenehm“, versichert sie, „die Luft ist gut, die Atmosphäre gemütlich.“ Ihr ist sehr wichtig, dass ihre Vermutungen nicht nur Spekulationen bleiben. „Ich möchte in diese Richtung wissenschaftlich weiterforschen“, sagt sie. Zuletzt geht Symader in den rechten, spitzbogigen Gang. Er ist fünf Metern lang und endet mit einer Sitzbank. Symader setzt sich hin und füllt den kleinen Raum vollkommen aus. Die Funktion dieser Sitzbänke ist ein weiteres Rätsel, das die Erdställe bereithalten.

Wissenschaftliche Forschung

„Wichtig für uns aus dem Arbeitskreis ist der wissenschaftliche Vorgang“, erzählt Symader. „Wir sind ungefähr 300 und wir versuchen, die professionelle Arbeit von Archäologen zu leisten.“ Der Arbeitskreis hat klare Vorgaben vom Landesamt für Denkmalpflege: Man braucht eine Genehmigung, um die Stollen zu besuchen, die Funde müssen katalogisiert werden. „Das Landesamt hat Interesse für die Erdställe gezeigt“, sagt Symader. Trotzdem melden viele Privatleute, die auf ihrem Besitz einen Erdstall entdecken, den Fund nicht – aus Angst vor den Kosten. Wird das Landesamt informiert, wird einen Forscherteam geschickt. Die Kosten für eventuelle Arbeiten an dem Erdstall muss der Eigentümer übernehmen. Die Mitglieder des Arbeitskreises für Erdstallforschung arbeiten ehrenamtlich: „Es liegt mir am Herzen, dass die Leute wissen, dass sie sich an uns wenden können, ehe sie den Erdstall aus Angst vor den Kosten mit Erde verfüllen.“

Symader klettert wieder aus dem Gülleloch. „Ich werde das Geheimnis der Erdställe nicht mehr lösen“, sagt sie. „Doch eines kann meine Generation tun: weiterforschen und für das Erhalten der Schrazellöcher kämpfen“. Über eine eiserne Treppen kommt man wieder an die Oberfläche. Und sehnt sich schnell wieder in den ruhigen Erdstall zurück.

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