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Waldbau

Ein Afrikaner soll am Goldberg wurzeln

Die Staatsforsten testen in Kelheim die Atlas-Zeder. Angesichts der Klimakrise befürwortet das sogar der Bund Naturschutz.
Von Martina Hutzler

Im April 2019 gepflanzt, halten sich die etwa kniehohen Bäumchen bislang recht wacker – trotz der langen Trockenheit im Frühsommer. Foto: Hutzler
Im April 2019 gepflanzt, halten sich die etwa kniehohen Bäumchen bislang recht wacker – trotz der langen Trockenheit im Frühsommer. Foto: Hutzler

Kelheim.Kelheim Für die alten Griechen war Atlas der Riese, auf dessen Schultern das Himmelsgewölbe ruht. Auf der Atlas-Zeder ruht aktuell im Kelheimer Wald die Hoffnung, dass dieser Nadelbaum dem Klima von morgen gewachsen ist. Sprich: Hitze und Trockenheit verträgt, aber im Winter auch Minus-Grade. Im Revier am Goldberg machen die Bayerischen Staatsforsten eine Probe aufs Exempel mit dem Exoten.

Im so genannten Schulwald-Revier, hinterhalb der Waldbauern-Schule, führt Revierleiterin Katharina Fottner zu einer Testfläche: Auf etwa 500 Quadratmetern stehen dort etwa 250 knapp kniehohe Bäumchen. Beim flüchtigen Hinsehen ähneln sie einer Lärche, aber mit dieser heimischen Baumart ist der Nordafrikaner nur entfernt verwandt. Direkt aus der angestammten Heimat, dem Atlasgebirge in Marokko, Algerien und Tunesien, stammen die Kelheimer Testobjekte allerdings nicht: „Wir haben die Pflanzen aus einem zertifizierten Herkunftsgebiet in Frankreich“, berichtet die Kelheimer Forstbetriebsleiterin Sabine Bichlmaier. Unsere Nachbarn experimentieren nämlich schon seit rund 200 Jahren mit der Atlas-Zeder.

Im April 2019 gepflanzt, halten sich die etwa kniehohen Bäumchen bislang recht wacker – trotz der langen Trockenheit im Frühsommer. Foto: Hutzler
Im April 2019 gepflanzt, halten sich die etwa kniehohen Bäumchen bislang recht wacker – trotz der langen Trockenheit im Frühsommer. Foto: Hutzler

Angesichts des Klimawandels blicken nun auch Bayerns Förster in südliche Gefilde, wo heute schon ein Klima herrscht, wie es bei uns in 50 bis 100 Jahren vorhergesagt ist. Nämlich insbesondere eine Häufung extremer Wetterlagen, zum Beispiel also ausgeprägte Hitze- und Dürreperioden – der Sommer 2018 gab darauf ja einen Vorgeschmack.

Klimadoppel

Ein Klima-Paarlauf unter Palmen

Heizt sich die Erde auf wie befürchtet, kommen Kelheim, Abensberg und Co. im Jahr 2080 ganz schön ins Schwitzen.

An Hitze und Kälte gewöhnt

An solche Extreme sind Baumarten aus dem Mittelmeer-Raum gewöhnt – aber sie vertragen meist Minusgrade nur schlecht. Das Atlas- und andere nordafrikanischen Gebirge indes vereinen sommerliche Hitze mit winterlicher Kälte – entsprechend tolerant für beides ist die Atlas-Zeder. Deshalb ist sie eine der Arten, mit deren Beimischung in heimische Wälder die Staatsforsten experimentieren. Neben Kelheim sind Burglengenfeld und Schnaittenbach zwei weitere Test-Gebiete.

Wald als Experimentier-Stube

  • Strategie:

    „Wertewald“ heißt das Konzept, mit dem die Bayer. Staatsforsten praktische Anbauversuche durchführen, zusammen mit der Landeanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) und dem Bayerischen Amt für Waldgenetik (AWG).

  • Start:

    Heuer im Frühjahr wurden die ersten Pilot-Pflanzungen mit der Atlaszeder angelegt. Gesetzt wurden die Jung-Bäumchen in den Forstbetrieben Kelheim, Burglengenfeld und Schnaittenbach, berichtet BaySF-Sprecher Philipp Bahnmüller.

  • Ausbau:

    Die BaySF testen ferner Saatgut, von der Atlas- und der Libanon-Zeder, von rumänischer Weißtanne und Baumhasel, die vom Balkan stammt. In zwei bis vier Jahren soll aus der Saatpflanzbare Bäumchen geworden sein.

Für dringend nötig hält Betriebsleiterin Bichlmaier solche Tests, wenn sie sich in den Beständen umschaut. „Der Klimawandel ist offensichtlich, und ebenso, dass der Wald davon geschädigt ist. Eigentlich jede Baumart ist in ihrer Vitalität massiv beeinträchtigt“, bilanziert sie, eben gerade nach dem Extrem-Sommer 2018. Hitze und Trockenheit schwächen die Bäume; alte und neue Schädlinge tun ein Übriges- „Eigentlich hat jede Baumart mittlerweile ihren ,eigenen’ Schädling“.

Waldwirtschaft in Gefahr

Der Wald als solches ist von all dem Ungemach nicht bedroht, ist die Forstwissenschaftlerin überzeugt: Die härtest-gesottenen Baumindividuen und -arten werden immer irgendeine Form von Wald bilden. Aber eben nicht unbedingt einen im Sinne des Menschen: „Wenn der Wald alle bisherigen Funktionen erfüllen, also vor allem auch Lieferant für den Roh- und Baustoff Holz sein soll, dann müssen wir waldbaulich aktiv werden“ und auch mit nicht-heimischen Arten experimentieren, fordert sie. Wohl wissend, dass das in Naturschutz-Kreisen nicht umstritten ist.

Bund Naturschutz-Landesvorsitzender Richard Mergner fordert von den Bayerischen Staatsforsten noch mehr aktives Handeln gegen den Klimawandel. Foto: Sven Hoppe/dpa
Bund Naturschutz-Landesvorsitzender Richard Mergner fordert von den Bayerischen Staatsforsten noch mehr aktives Handeln gegen den Klimawandel. Foto: Sven Hoppe/dpa

Beim Bund Naturschutz beispielsweise schätzt man allerdings gerade den Baustoff Holz als klimaneutral und umweltfreundlich. Auch deshalb lehnt BN-Landesvorsitzender Richard Mergner die Versuche der Bayerischen Staatsforsten (BaySF) nicht kategorisch ab. Kleinflächige Tests „sind schon in Ordnung“, sagt er Richard Mergner auf MZ-Anfrage. Er ist selbst Mitglied im Beirat der Staatsforsten und weiß, „die Klimakrise wird die BaySF massiv betreffen“ – die aktuellen Umsatzeinbußen durch den starken Borkenkäfer-Druck zeigten das bereits. „Aber sich nur mit neuen Baumarten an die Krise anpassen – das reicht nicht“: Das Unternehmen müsse noch viel aktiver gegensteuern, fordert Mergner. Die Wilddichte etwa sei immer noch zu hoch, als dass sich klima-tolerantere heimische Arten wie Tanne oder Laubhölzer natürlich verjüngen könnten.

Einige Vorgaben für den Versuch

Rehe und Co. indes schätzen ebenso exotische Kost. Die Zedern-Testfläche im Schulwald-Revier musste daher sorgsam eingezäunt werden. Weitere Vorgaben aus der BaySF-Zentrale in Regensburg: Das Testgebiet darf nicht in einem Naturschutz- oder ähnlich geschütztem Gebiet liegt. Auch nicht auf einer großen Kahlschlags-Fläche, weil es die Atlas-Zeder ganz gerne halb- schattig mag. Eine geeignete kleine Lücken im Wald fand Katharina Fottner problemlos – solche erzeugt auch hier am Goldberg der Borkenkäfer…

 Revierleiterin Katharina Fottner betreut die Versuchsfläche mit den Atlas-Zedern am Kelheimer Goldberg. Foto: Hutzler
Revierleiterin Katharina Fottner betreut die Versuchsfläche mit den Atlas-Zedern am Kelheimer Goldberg. Foto: Hutzler

Die Regenmenge reicht – noch…

Kalk im Boden mag die Art eigentlich auch nicht so gern – in Kelheim soll sich zeigen, ob sie trotzdem gedeiht. Und auch, wie durstig sie nun tatsächlich ist. 600 Millimeter Niederschlag jährlich gilt als ihre Untergrenze, „bei uns sind 700 bis 750 Millimeter normal“, sagt Sabine Bichlmaier – „aber was ist schon noch normal…?!“

Auch andere Risiken gilt es abzuwarten. Ob der Borkenkäfer auch die Atlas-Zeder irgendwann „knackt“? „Seine Brut legt er im Baum schon ab“; noch stirbt sie vorm Ausfliegen aber. Vielleicht folgt dem Baum aus Afrika auch eine Schädlingsart von dort nach, oder hiesige Mikroben, Pilze, Insekten und Nagetiere finden Geschmack an ihm. Spätfröste könnten ebenfalls eine Gefahr sein. Und gänzlich unklar ist, ob sich hiesige Sägewerke für das Holz begeistern lassen – das freilich in Nordafrika so wertvoll und begehrt als Bau- und Tischlerholz ist, dass die Bestände dort dramatisch geschrumpft sind.

Ergebnis: in 100 Jahren

Belastbare Antworten auf all diese Fragen wird erst die nächste Generation Mensch haben: Erntereif ist der Baum frühestens in 100 Jahren; bis er sein Maximum – etwa 40 Meter Höhe und zwei Meter Stammdurchmesser – erreicht, dauert es noch länger.

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