MyMz
Anzeige

Tod

Ein großes Tabu endlich offen ansprechen

Der Kreis Kelheim setzt mit Organisationen und Freiwilligen ein Zeichen – gegen Angst und Schweigen. Und hofft, dass es wirkt
Von Beate Weigert

  • Senioren, wie die Dame aus Pappe in der Ausstellung, aber auch alle anderen schwerstkranken und sterbenden Menschen sollen mit der Charta-Unterzeichnung ins öffentliche Bewusstsein rücken. Das zumindest wünschen sich Landrat Martin Neumeyer (Mitte) und die Unterzeichner. Fotos: Weigert
  • Landrat Martin Neumeyer, Abensbergs Bürgermeister Dr. Uwe Brandl (re.) und Dr. Norbert Kutz von der Goldbergklinik bei der Unterzeichnung. Mit im Bild Dieter Scholz von der Kreissparkasse und Regionalmanagerin Julia Schönhärl
  • Viele Organisationen und der Landkreis unterzeichneten die Charta.
  • Auch Vertreter von AWO, Caritas, Goldberg- und Ilmtalklinik unterzeichneten.

Abensberg.„Wir denken immer, unsere Eltern werden 170, aber dem ist nicht so“, sagt Berend Marks, der Geschäftsführer der beiden Magdalenum-Heime im südlichen Landkreis. Oft werden Familien ganz plötzlich mit Tod und Sterben konfrontiert. Wer sich nicht längerfristig darauf einstelle, dem entgehe die Chance des Abschiednehmens, schöne Erinnerungen zu sammeln und zu teilen. Um diese beiden Themen stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, haben am Dienstag Landrat Martin Neumeyer für den Landkreis Kelheim, Vertreter von Goldberg- und Ilmtalklinik und der Reha-Klinik Passauer Wolf sowie zahlreiche Vertreter von Kommunen und Organisationen, aber auch Einzelpersonen in den Räumen der Kreissparkasse in Abensberg die sogenannte „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ unterzeichnet. Gleichzeitig wurde die Ausstellung „Gemeinsam gehen“ des bayerischen Sozialministeriums eröffnet. Die Initiative zu beidem ging vom Regionalmanagement des Landkreises Kelheim aus. Regionalmanagerin Julia Schönhärl hatte beides organisiert.

Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass im Landkreis Kelheim zuletzt pro Jahr mehr als 1100 Bürger gestorben sind. Jährlich sind Tod und Sterben also für mehr als 1100 Familien und Freundeskreise Thema.

Viele wüssten inzwischen, dass es im Landkreis einen Hospizverein gibt. Doch was dessen Helfer genau tun, ist vielen ein Rätsel, sagt Koordinatorin Margret Neumann. Sie sieht die aktuell 43 Ehrenamtlichen als „Lebensbegleiter“ – bis zum Ende.

In der Kelheimer Goldbergklinik sei die Charta „nicht erst seit gestern von großer Bedeutung“, sagt deren Ärztlicher Direktor, Dr. Norbert Kutz. Seit 15 Jahren arbeite man mit dem Hospizverein zusammen. Die Mediziner seien keine „Technokraten“. Die Würde des Sterbens sei allem anderen unterzuordnen.

Themen wie Patientenverfügung betreffen eigentlich die Jungen, sagt Dr. Kutz. Die meisten Älteren hätten mittlerweile eine solche. Was viele nicht wüssten, Landkreisbürger können eine Kopie ihrer Patientenverfügung im Kelheimer Krankenhaus abgeben. Auf der Intensivstation würde diese aufgewahrt. Dazu gebe es eine Hinweiskarte für den Geldbeutel. „Wenn ihnen etwas passiert, faxen wir das auch mitten in der Nacht nach Hamburg“, so Kutz.

Markus Huber, Oberarzt der Geriatrie – auch Altersmedizin genannt, von der Reha-Klinik Passauer Wolf in Bad Gögging unterzeichnete ebenfalls. Auch wenn das Thema dort pro Jahr nur einen kleinen Bruchteil der Patienten betreffe, will sich das Haus noch besser vernetzen.

Dr. Elisabeth Haimerl von der Ilmtalklinik hat gerade ihre Fachausbildung zur Palliativmedizinerin abgeschlossen. Ihr Job: der sukzessive Aufbau einer Palliativeinheit in Mainburg und Pfaffenhofen. Ihr Eindruck: „Es gibt viel Angst bei dem Thema. Viele denken, wenn ich da drin bin, komme ich nie wieder raus.“ Dieses fehlende Wissen will sie helfen abzubauen.

Seniorenbeauftragte Gabi Schmid
Seniorenbeauftragte Gabi Schmid

Seniorenbeauftragte Gabi Schmid erlebt, dass viele Senioren im Alter ganz alleine sind und mit niemandem über ihre Angst vor dem Sterben reden können oder mit ihren Angehörigen nicht darüber reden wollen.

Meinungen zur Charta

Charis Paul vom Azurit-Seniorenheim in Rohr
Charis Paul vom Azurit-Seniorenheim in Rohr

Charis Paul, die Assistenz der Rohrer Azurit-Heimleitung, findet es wichtig, dass man nicht nur sieht, wo die Senioren im Heim heute stehen und was sie nicht mehr können, sondern dass man auf das blickt, was dahinter steht, ihre Lebensleistung. Vieles, was in der Charta stehe, werde bereits umgesetzt. Oftmals seien die Wünsche der Bewohner aber ganz anders als die der Angehörigen.

Berend Marks vom Magdalenum in Siegenburg und Margarethenthann
Berend Marks vom Magdalenum in Siegenburg und Margarethenthann

Berend Marks, der Geschäftsführer der Magdalenum-Heime in Siegenburg und Margarethenthann, stammt aus Holland. Dort seien Tod und Sterben schon immer mehr thematisiert worden. Er wünscht sich, dass die Belange der Charta noch mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken. Seinen Mitarbeitern will er die Hospizhelferausbildung ermöglichen.

Margit Frenzl-Merkl will als Hospizhelferin arbeiten. Sie sagt: „Das gibt den Senioren viel und mir auch.“
Margit Frenzl-Merkl will als Hospizhelferin arbeiten. Sie sagt: „Das gibt den Senioren viel und mir auch.“

Margit Frenzl-Merkl ist am Beginn einer neuen Lebensphase. In dieser möchte sie gerne ehrenamtlich arbeiten. Sie entschied sich für eine Ausbildung zur Hospizhelferin. Diese hat sie gerade frisch absolviert. Reden über die Charta und das Sterben sei gut, handeln sei besser, findet sie. Seit ihrem Praktikum besucht sie regelmäßig Senioren. Deren Dankbarkeit sei groß.

Dr. Paul Fembacher von der Palliativeinheit an der Goldbergklinik
Dr. Paul Fembacher von der Palliativeinheit an der Goldbergklinik

Dr. Paul Fembacher von der Palliativeinheit an der Goldbergklinik mit „Brückenpflege“ sagt: „Wir leben die Charta.“ Vielen Menschen im Landkreis fehle es aber an Wissen, wo man sich im Ernstfall hinwenden kann, aber auch wo der Unterschied zwischen Hospiz und Palliativ liegt. „Palliativzimmer sind keine Sterbezimmer.“ Sie sind nicht immer die „Endstation“.

Noch bis 15. Juni ist die Ausstellung „Gemeinsam gehen“ in den Räumen der Abensberger Sparkasse in der Ulrichstraße 20 zu sehen. Dort liegen auch Infobroschüren zum Thema aus.

Bei der Seniorenbeauftragten des Landkreises, Gabi Schmid, kann man die sogenannte Notfallmappe anfordern. Sie enthält Formulare für Patienten- und Betreuungsverfügung sowie Vorsorgevollmacht.

Mehr Aktuelles aus Abensberg lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht