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Berufung

Ein Spielerwechsel um Himmels Willen

2014 hat für manche Menschen im Kreis Kelheim eine besondere Bedeutung. Der Ex-Fußballprofi Sebastian Piotrowski ist in den Ordens-Habit geschlüpft.
Aufgezeichnet von Martina Hutzler

Aus dem Elversberger Stürmer Piotrowski ist der Paringer „Herr Sebastian“ geworden.
Aus dem Elversberger Stürmer Piotrowski ist der Paringer „Herr Sebastian“ geworden.Foto: Hutzler

Paring.„Die letzte Entscheidung, mich vom Fußball zu trennen, ist 2014 gefallen, im Mai. Aber der Wunsch – die Berufung, Priester zu werden, war schon immer da. Seit meiner Kindheit gab es schon Zeichen dafür. Wie Puzzle-Steine haben die, nach und nach, ein Gesamtbild ergeben. Auch wenn ich das erst mit 17 oder 18 erkannt habe.

Vor drei, vier Jahren hab’ ich den ersten Kontakt zur Propstei der Augustiner-Chorherren in Paring gehabt. ,Schau’ Dir Paring mal an’, hat mir ein Familiare geraten – das sind Mitglieder der Ordensgemeinschaft, die aber in der Welt leben. Ich war ein paar Tage hier und war begeistert. Aber es war klar, dass ich das Abitur brauche – zu Hause im Saarland bin ich nach der Elften vom Gymnasium runter. Mein Plan war seither: ,Bis ich Abi hab’, spiele ich Fußball, danach studiere ich’ und werde dann Priester.’

Das Abi hab’ ich 2013 nachgeholt. Ein Jahr lang hab’ ich noch gespielt; dann hab’ ich mich entschieden, den Fußball hinter mir zu lassen. Ich bin an sich eher ein lockerer Typ gewesen, so: ,wenn heute nicht, dann morgen’. Aber heuer habe ich gemerkt, dass mich Fußball nicht mehr erfüllen und glücklich machen kann.

Eine Flucht, nein, das war mein Ausstieg nicht. Ich war ja nicht der untalentierteste Spieler, war gesegnet mit guter Technik. Und mit 23, 24 hat man als Fußballer das Größte grade vor sich. Der Sport selbst ist wunderbar. Auch der Druck hat mich nicht gestört: ohne Druck keine Leistung. Aber Fußball ist eine kleine Scheinwelt; nur nach außen sieht es schön aus. Nein, Scheinwelt trifft’s nicht ganz, aber eine überbewertete Gesellschaft. Sie lässt die Menschen unfair werden. In der Mannschaft ist zwar jeder einzelne Spieler ein Kamerad. Aber es entsteht eine Ellbogen-Mentalität, und schließlich heißt es ,jeder gegen jeden“. Das war kein gutes Arbeitsklima, sehr unmenschlich. Und das hat mich im Glauben gestört.

„Entscheidung hat mich beflügelt“

Da habe ich mich an meine Paringer Zeit vor drei Jahren erinnert und bin im Sommer noch mal ein paar Tage hergekommen, um zu kucken, ob das das Meine ist. Ich fackel’ ja nicht lange – wenn ich mir noch recht viele andere Klöster angeschaut hätte, hätte ich mich nicht entscheiden können. Wichtig war mir, dass hier der eigentliche Sinn des Klosterlebens die Beziehung zu Gott ist. Man stärkt sich in Gebet und Kontemplation und ist dann draußen in der Seelsorge tätig. So ist meine Entscheidung gefallen. Sie hat mich sehr beflügelt und Steine von der Seele fallen lassen.

Wichtig dafür ist, dass man überhaupt eine Berufung verspürt. Und ein gewisser Mut ist nötig, diesen Schritt zu gehen. Vorbereitet habe ich mich mit Glaubensseminaren, Einkehrtagen. Aber eigentlich stand die Entscheidung ja schon immer an.

Trotzdem ging das dann schon von Null auf Hundert – auch für meinen Freundeskreis. Ich hab’ zwar ab und zu von meinen Plänen erzählt. Aber das ist eher als Spaß aufgefasst worden. Meine Mutter, die sehr gläubig ist, hat mich in meinem Entschluss unterstützt. Sie war auch froh, dass ich endlich vom Fußball weg war. Ich hatte mich ja öfters schon verletzt – für Mütter ist die Angst, dass was passiert, wohl das Schlimmste. Und man hat ziemliche Stimmungsschwankungen, je nach Tag und Training: Adrenalin pur oder schlechte Laune.

Im Sommer war ich noch mal zu Hause; meine Mutter und mein Bruder leben im Saarland, in Sankt Ingbert. Danach bin ich zu meiner Verwandtschaft nach Polen gefahren und hab’ dort alles erklärt. Am 23. August bin ich dann hier eingetreten, erst für ein Probemonat, das so genannte Postulat. Seither läuft mein einjähriges Noviziat. Es soll dem geistigen Reifeprozess dienen und zeigen, ob das der wirkliche Weg ist für mich. Deshalb hat man da viel Zeit für sich und in der Ordensgemeinschaft.

Wir treffen uns täglich drei bis vier Mal zum gemeinsamen Chorgebet und essen miteinander. Abends ist ,Rekreation’, eine Erholungszeit, in der man locker reden kann, wie der Tag war, oder über sonstige Themen. Die meisten sind ja tagsüber auswärts tätig, da sieht man sich gar nicht. Wir neuen Novizen machen tagsüber die Wäsche für die Mitbrüder und sonstige Arbeiten: die Kirche pflegen, Gartenarbeiten – ich hab’ schon Rasen gemäht, Schnee geräumt und anderes. Es gibt auch einen kleinen Fitnessraum. Fußball? Nein, hab’ ich nicht gespielt, seit ich hier bin – ich hab’ die Fußballschuhe gar net dabei.

Später gibt’s bestimmt mal Möglichkeiten, wieder zu spielen: in der Arbeit mit Jugendlichen zum Beispiel. Aber in dem einen Jahr Noviziat soll man mehr oder weniger im Kloster bleiben. Danach legt man die zeitliche Profess ab – für drei Jahre –, mit den Gelübden der Armut, Keuschheit und des Gehorsam. Dann kommt die ewige Profess. Nächstes Jahr beginnt außerdem mein Theologiestudium in Regensburg. Ich werd’ nicht im Priesterseminar wohnen, sondern von Paring aus pendeln. Das ist einfach praktischer, weil man nicht von der Gemeinschaft getrennt wird.

An sich ist schon geplant, dass man nach Studium, Diakonat und Priesterweihe in Paring bleibt. Eventuell wird man aber woanders eingesetzt. Ich bin da ganz offen. Hier in Paring fühle ich mich sehr wohl, landschaftlich ist es ähnlich wie in meiner Heimat. Vielleicht ein bisschen ländlicher. Der Dialekt ist – nee, keine Barriere, nur für mich ein bisschen ungewohnt. Aber mit Gott kann sich sowieso nur heimisch fühlen; egal wo man auf der Erde ist.

Mit der Umstellung auf’s Ordensleben hatte ich bis jetzt gar keine Probleme, ich hab’ ja meine Freiräume. Mich wundert’s selbst, dass ich eigentlich gar nichts vermisse. Aber ich bin ein Typ, der im heute und jetzt lebt: Was war, das war; was kommt, das kommt. Die Zeit als Fußballer möchte ich nicht missen, da hab’ ich mich ausgetobt. Jetzt fängt ein neues Abenteuer an. So wie es im Philipper-Brief heißt, 3,13: ,Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.’

„Zölibat will wohl überlegt sein“

Der Zölibat, klar ist das eine Sache, die wohl überlegt sein muss. Ich hatte ein Mal im Leben eine Freundin, das war eine schöne Zeit. Aber der Wunsch, Priester zu werden, war viel größer. Und Gott schenkt einem die Liebe, die man braucht.

Für mich war das heuer die wichtigste und glückbringendste Entscheidung im Leben, vielleicht auch meine beste. Auf jeden Fall bis heute.“

Der Weg zum Chorherrn

  • Der Fußballer:

    Sebastian Piotrowski, 24, hat heuer zuletzt beim Dritt-Ligisten SV 07 Elversberg gekickt, zuvor unter anderem für den 1. FC Saarbrücken und den FC 08 Homburg: „Mal als Stürmer, mal als Spielmacher, mal außen.“

  • Der Chorherr:

    Mit seinem Eintritt in die Propstei St. Michael zu Paring ist er Novize der Augustiner-Chorherren von Windesheim geworden. Das ist eine Ordensgemeinschaft, die nach der Regel des Heiligen Augustinus lebt.

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