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Experiment

Ein verkörperter Bibelabend

Anna Valeska Pohl setzt im Abensberger „Theater am Bahnhof“ Passagen aus der Bibel in Szene. Das überzeugt die Besucher.
Von Emily Buchner

Minimalistisch das Bühnenbild: Drei Stühle reichen für Schauspielerin Anna Valeska Pohl. Fotos: Buchner
Minimalistisch das Bühnenbild: Drei Stühle reichen für Schauspielerin Anna Valeska Pohl. Fotos: Buchner

Abensberg.Von der Finsternis ins Licht – Biblisches modern inszeniert“, so ist das Theaterstück überschrieben, das am Freitag Premiere im Abensberger Theater am Bahnhof feierte. Ein Stück für eine Frau und drei Stühle. Die Regensburger Schauspielerin Anna Valeska Pohl versucht darin, einen neuen Zugang zu biblischen Texten zu vermitteln. Modern und Bibel – scheinbar gegensätzliche Begriffe. Das machte die zahlreichen Zuschauer gespannt auf die Umsetzung:

Dunkelheit. Stille. Nur ruhiges Atmen kommt von der Bühne. Eine tiefe Stimme beginnt altgriechisch zu sprechen. Auf dem Boden in Embryo-Haltung liegend, rezitiert Schauspielerin Anna Valeska Pohl den ersten Absatz des Johannes-Evangeliums. Die Stimmung wird nachdenklich, bedrückend.

Minimalistisch das Bühnenbild: Drei Stühle reichen für Schauspielerin Anna Valeska Pohl. Fotos: Buchner
Minimalistisch das Bühnenbild: Drei Stühle reichen für Schauspielerin Anna Valeska Pohl. Fotos: Buchner

Grünes Licht. Die Protagonistin Pohl stellt „Susanna im Bade“ in Form eines „Physical Theatres“ dar: Nur durch Körperbewegungen beginnt sie die Geschichte Susannas nachzuerzählen. Improvisierte Saxofonklänge von Musiker Klaus Hirn und Lichteffekte von Michael Pöpperl unterstützen die Darstellung, gestalten Stimmung mit. Danach trägt Anna Valeska Pohl in einer „Lesung“ die jeweilige Bibelstelle vor, wechselt dabei zwischen den Rollen im Bibeltext und ist zugleich Erzählerin.

„me-too“ einst und heute

Die erste Szene zeigt einen klaren Bezug der Bibel zur heutigen Zeit auf: Susanna wird von zwei Männern, Ältere mit hohem Ansehen, bedrängt. Sie wehrt sich und kann den Männern entkommen. Diese nutzen aber ihre Macht aus, verhängen über sie die Todesstrafe und rechtfertigen diese mit erfundenen Geschichten. Macht als Druckmittel für sexuelle Übergriffe – das könnte durch die aktuelle „#me-too“-Debatte nicht präsenter sein.

Blaues Licht. Atmen. Verzweifelt kauert Pohl auf dem Boden und fühlt sich gottverlassen. Sie klagt Gott an und weiß nicht mehr weiter. Ein Psalm weckt dann wieder Hoffnung, und mit einem hingebungsvollen Tanz endet die erste Hälfte des Theaterstücks, die als Grundthema individuelle Gottesbeziehungen auffächert.

„Wir finden die Auswahl der Stücke sehr passend, es ist eine gute Kombination aus bekannten und unbekannteren Passagen. Durch die Inszenierung sind diese Texte belebter und man kann ganz neue Zugänge zur Bibel finden. Die Schauspielerin bringt die Szenen eindrucksvoll rüber. Wirklich gelungen!“

Richard Weismeier, Sabine Meckl

Wieder grünes Licht. Anna Valeska Pohl liegt auf drei aneinandergereihten Stühlen. Sie rezitiert Psalm 27, der eine tiefe Vertrauenshaltung gegenüber Gott ausstrahlt – trotz Not und Verfolgung. Währenddessen steht sie auf, fängt an zu tanzen, quer über die Bühne, mal springend, mal kriechend und am Ende liegt sie wieder auf den Stühlen. Die begleitenden Saxofonklänge reflektieren dabei den Prozess des Suchens, den die Sprecherin durchlebt.

Jeremia 29, den Brief an die Exilanten, verkörpert Anna Valeska Pohl wieder mit einem „Physical Theatre“- Part, vergegenwärtigt die in der Bibel thematisierte gesellschaftspolitische Verantwortung bezüglich Migration. Wie in Trance bewegt sich die Darstellerin über die Bühne, wirft sich auf den Boden und bringt die Stühle durcheinander – Zerstörung und Verwüstung.

Rotes Licht. Mit dem Rücken zum Publikum, rezitiert die Protagonistin die zuvor ohne Worte dargestellte Bibelstelle.

Helles Licht. In der Rolle des Paulus trägt Anna Valeska Pohl einen Teil des Philemon-Briefes auf Griechisch vor, wechselt dann in die deutsche Sprache.

Mit dem Vortrag des Genesis-Textes endet die Inszenierung.

Dann: Dunkelheit. Stille.

Tosender Applaus aus den vollbesetzten Rängen feiert die starke Leistung der Darstellerin.

Viel Applaus ernteten (v.li.) Beate Eichinger (Moderation), Anna Valeska Pohl und Klaus Hirn
Viel Applaus ernteten (v.li.) Beate Eichinger (Moderation), Anna Valeska Pohl und Klaus Hirn

Anna Valeska Pohl sagt über ihre Beziehung zur Bibel: „Ich bin nicht sehr gläubig. Aber diese Texte sind für mich trotzdem interessant, denn in der Bibel werden alle existenziellen Fragen der Menschheit angesprochen. Es ist für mich spannend, durch die Inszenierung für die Besucher einen neuen Zugang zu den Texten der Bibel zu kreieren.“ In ihrem Studium – Philosophie und Altgriechisch – kam sie bereits intensiv mit diesen Texten in Berührung und kann dadurch Textstellen auf Griechisch und Hebräisch rezitieren.

Vollkommene Hingabe

In Zusammenarbeit mit der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) ist das Theaterprojekt entstanden; Pohl hat die Umsetzung aber größtenteils selbst konzipiert. Sie gibt sich ihren verschiedenen Rollen vollkommen hin. Oft erweckt sie während des Stücks den Eindruck, sie befände sich in ihrer eigenen Welt und der Zuschauer bekomme intime Einblicke in ihr tiefstes Innerstes.

„Mir gefällt die Langsamkeit des Stücks. So wirkt jedes Wort wertvoll und es bleibt Zeit, darüber nachzudenken. Ich war offen, ohne konkrete Erwartungen an das Stück – jetzt gefällt es mir richtig gut. Es ist nicht übertrieben modern inszeniert, sondern im genau richtigen Maß. Insgesamt ist es immer noch bibelnah, das gefällt mir.“

Paula Hainz (re.)

Eine gewagte, aber gelungene Form der Inszenierung. Die reine Spielzeit beträgt etwas über 60 Minuten und wird durch kurze Moderationen unterbrochen, die Denkanstöße und Interpretationsansätze liefern. Das komplette Stück auf eine Person und Stühle als Requisiten zu reduzieren und auf jegliche Kulissen oder Verstärkungselemente zu verzichten, macht in diesem Fall durchaus Sinn. Die Zuschauer folgen konzentrierter der Darstellerin, wie sie gekonnt in die verschiedensten Rollen schlüpft und Emotionen verknüpft.

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