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Region Kelheim
Mittwoch, 18. Juli 2018 29° 6

MZ-Serie

Eine Achterbahn der (Flug-)Gefühle

Ohne Theorie geht beim Segelfliegen nichts. Fluglehrer Till Fiel vom FSV Kelheim ließ Beate Weigert trotzdem kurz ans Steuer.
Von Beate Weigert

  • Till Fiel ist die Ruhe selbst. Den Segelflieger-Virus verpasste ihm bereits in ganz jungen Jahren Papa Uli. Foto: Heike S. Heindl
  • Kurze Einweisung, wie ich im Ernstfall die Klappe aufkriege, um in der Luft auszusteigen. Foto: Weigert
  • Schleppleine vom Motorflieger holen und an der Nase des Segelfliegers einklinken. Den Job machen beim FSV Kelheim schon die Kinder der Piloten. Foto: Weigert
  • Segelfliegen ist Mannschaftssport. Denn alleine kriegt man seinen Flieger weder auf noch von der Startbahn. Foto: Weigert

Kelheim.Sechs Kilo soll der Fallschirm, den ich mir anschnalle, wiegen. Fühlt sich an, als würde er so viel wie ich selbst auf die Waage bringen. Vielleicht ist das Schweregefühl aber nur eine Art Muffensausen, das sich breitmacht. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich gleich Segelfliegen. Besser gesagt: mitfliegen.

Fluglehrer Till Fiel vom Flugsportverein (FSV) Kelheim nimmt mich im Doppelsitzer hinten drin mit. Auch wenn ich bislang nur ein paar Basics aufgeschnappt habe, wie ich im Notfall die Plexiglasabdeckung über mir wegkriege und mit dem Fallschirm aussteige, muss ich wissen. Robert Lehner, der langjährige frühere Ausbildungsleiter, erklärt mir noch, dass ich keine Reißleine ziehen muss. Nur aussteigen. Auch lenken könnte ich den Rettungsfallschirm nicht. Beunruhigt mich das? Nö, ich hätte eh keinen Schimmer, wie ich ihn steuere.

„Lui“ fährt mit dem Schlepper vor

Ich drücke die Gurtbänder in den Verschluss. Lehner schließt die Klappe über mir. Wäre ich Flugschüler, würde ich vorne sitzen und nun erst einmal Fahrt- und Höhenmesser checken, Seitenruder, Bremsklappen und Funkfrequenz. Um nur einiges zu nennen. „Hienheim Info“, funkt Till vor mir an den Tower, der sich ein paar hundert Meter weiter beim Hangar befindet. Will heißen: „Wir sind startklar“. „Darf die 08 in die Bahn?“ Darf sie. Nun fehlt nur noch der Schlepper. Schon rollt Vereinsvorsitzender Luitpold „Lui“ Kaspar in der orangefarbenen, einmotorigen Remorqueur an, damit hievt er an diesem Tag die Segelflieger auf Flughöhe. Wenige Meter vor der D-6908, wie unsere Twin-Maschine offiziell heißt, kommt er zum Stehen. Die Flieger-Kollegen draußen ziehen das Schleppseil, das sich unter dem Seitenruder der DR400 wie das Kabel eines Staubsaugers herausziehen lässt und klinken es mit dem Metallring in der Schnauze des Segelfliegers ein.

In unserem Video können Sie bei einem Flug hautnah dabei sein:

Video: Heike S. Heindl, Beate Weigert

Andreas Bernert, genannt Wayne, zieht kräftig daran. Hält. Es geht los. Lui gibt Vollgas. So lange wir stehen, hält Wayne draußen den Segelflieger am Ende einer Tragfläche, damit er waagerecht steht. Die ersten zehn Meter läuft er mit. Dann werden wir zu schnell für ihn. 500 Meter bleiben zum Beschleunigen und Abheben auf der Graspiste. Die 08 hebt schon vorher ab. Einen Meter über dem Boden schwebt sie hinter der 180 PS-Maschine her. Mit 100 Sachen zieht die „Quebec Bravo“ in die Höhe, unser Segelflieger hintendran.

Und dann geht für mich Segelflug-Novizin alles ganz schnell. Die Remorqueur hebt in einer Linkskurve über dem Fluggelände am Hienheimer Stieberberg ab. Und ich weiß nicht, wo ich zuerst hingucken soll, bzw. ich muss mich strecken, damit ich überhaupt etwas sehe. Denn mal dreht der Segelflieger nach rechts, dann wieder nach links. Ein grün-gelb-hellbrauner Flickenteppich aus Wiesen und Feldern breitet sich unter mir aus. Am Himmel immer noch kaum ein Wölkchen. Die Sicht reicht bis zur Raffinerie in Neustadt, nach Abensberg, Weltenburg und in der Ferne bis Regensburg.

Wäre ich echter Flugschüler, so wie Kilian (15), würde ich auch vorne sitzen, so bekomme ich den Sitz hinten. Foto: Weigert
Wäre ich echter Flugschüler, so wie Kilian (15), würde ich auch vorne sitzen, so bekomme ich den Sitz hinten. Foto: Weigert

Vor lauter Staunen hätte ich beinah das Ausklinken verpasst. Den Moment, ab dem der Segelflieger auf sich allein gestellt ist. Was ich merke, ist, dass der Flieger plötzlich gefühlt im 45-Grad-Winkel schräg am Himmel steht und ich auf eine der Tragflächen nach unten blicke. Till sagt, dass es nur an die 30 Grad sind, weil er mich und meinen Magen nicht gleich überfordern will. Was ich im ersten Moment trotzdem nicht kapiere – es geht gerade nicht runter, sondern rauf. Flugeleven sagen mir später am Boden, dass es ihnen beim ersten Mal genauso erging.

Zwei Meter pro Sekunde geht es hoch. Till versucht, einen Punkt mit guter Thermik zu finden, der uns Auftrieb beschert. Das Kreisen nennen Segelflieger „kurbeln“. Wenn Till die Spirale am richtigen Punkt fliegt, zieht es ihn mit der Maschine nach oben. Bei guter Thermik mehr, bei schlechter weniger.

Mehr Impressionen vom Mitfliegen und vom Vereinsgelände gibt es in der Bildergalerie:

Der blaue, nahezu wolkenlose Himmel, den ich mir bei der Anfahrt als perfektes Flugwetter vorgestellt hatte, ist unser Handicap. Cumulus-Wolken bräuchte es. Ordentliche Wolken-Türmchen. Die sind quasi Sinnbild für gute Thermik, lerne ich. Die Piloten checken vor jedem Start Flugwettermeldungen. Die versprachen heute bereits im Vorfeld keine Wolken-Thermik. Die wäre ab Regensburg-Nürnberg gegeben gewesen.

Der Verein

  • Mitglieder:

    Der Flugsportverein Kelheim existiert seit 1950. Aktuell hat er 115 Mitglieder, davon sind 50 Aktive.

  • Umzug:

    Seit 1976 starten die Flugzeuge des FSV Kelheim vom Fluggelände in Hienheim. Zuvor hatten sie ihre Startbahn auf der Donauwiese hinterm Kelheimer Volksfestplatz.

  • Fliegerfest:

    Das Fliegerfest ist für die Vereinsmitglieder, aber auch für die Menschen aus der Region, die sich für den Flugsport begeistern, ein besonderer Event. Nach fünfjähriger Pause findet das Fest heuer wieder statt, am Wochenende 21./22. Juli. Während der Samstag den Modellfliegern gehört, übernehmen am Sonntag die „manntragenden“ Flieger. Sprich es gibt eine Kunstflugshow und Oldtimer der Lüfte sind zu bestaunen. Auch eine Segelflugvorführung ist geplant.

  • Mitfliegen:

    Wer in einem Segler, Motorsegler oder Motorflugzeug mitfliegen will, kann samstags, sonntags oder feiertags am Fluggelände anrufen und nähere Modalitäten besprechen. Flugplatz-Tel. (0 94 45) 74 00.

  • Kontakt:

    Vorsitzender Luitpold Kaspar beantwortet Fragen zum Verein: E-Mail: vorstand@fsv-kelheim.de;

Das etwas Wichtiges fehlt, hindert Till nicht daran, mir eine erste kleine Eigen-Flugerfahrung zu bescheren. „So jetzt darfst du mal probieren, wie sich das Steuern anfühlt“, sagt der 39-Jährige, den schon als Kind Papa Uli „angefixt“ hatte. Er steuert vorne, meine Hand liegt hinten erstmal nur am Knüppel und fühlt mit. Für die Fußpedale sind meine Beine zu kurz. Als echter Flugschüler würde ich damit die Seitenruder steuern. Bei meinen 1,56 Meter hätte ich als Pilotin wohl auch ein Sitzkissen abbekommen und ein paar Bleigewichte vorne in den Boden geschraubt. Denn Minimum sind 70 bis 75 Kilo, je nach Maschine. Damit der Schwerpunkt des Fliegers vorne liegt.

Alles dreht sich vor mir

Auf den Anzeigen vor mir drehen sich Zeiger und Pfeile. Ganz schön verwirrend. Nach einigem Suchen entdecke ich den Tacho, äh Fahrtenmesser. Wir haben 90 Sachen drauf und fliegen in etwa 800 Meter Höhe. Till liebt das Spiel mit den Elementen in der Luft, sagt er. Der Reiz sei, allein, nur mit Aufwinden so weit wie möglich zu kommen und „dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit“. 500 Kilometer am Stück ist er schon geflogen. 2018 will er die 700-km-Marke knacken. Motorfliegen sei dagegen wie mit dem Motorrad auf der Autobahn. Ganz nett, aber „sonst ziemlich langweilig“.

Ich bin dran. Links und Rechts kriege ich hin. Aber was war noch mal Ziehen, was Drücken? Die Frage beantworte ich mir selbst. Ich drücke den Steuerknüppel von mir weg, nur ein paar Millimeter und – bums – zeigt die Schnauze des Segelfliegers nach unten, als würde ich eine Achterbahn selbst lenken. Ja, aufs Gefühl kommt es an, sonst hüpft der Magen. Die Lektion lernt man schnell, schätze ich. Zum Glück hat der Fluglehrer mehr Eingriffsmöglichkeiten als ein Fahrlehrer im Auto. Till übernimmt wieder.

Fluglehrer Till Fiel fliegt seit er 16 Jahre alt ist. Der 39-Jährige hilft mir beim Anlegen des Rettungsfallschirms. Der ist schwerer als gedacht. Foto: Weigert
Fluglehrer Till Fiel fliegt seit er 16 Jahre alt ist. Der 39-Jährige hilft mir beim Anlegen des Rettungsfallschirms. Der ist schwerer als gedacht. Foto: Weigert

Zu schnell für meinen Geschmack sind wir am Boden. Andererseits kann ich nun etwas trinken. Weil ich vor dem Flug Angst hatte, dass ich am Himmel Pipi müsste, verordnete ich mir Abstinenz. Ziemliches Mädchen-Problem, zugegeben. Till antwortet, dass es im Luftsport-Fachhandel die nötige Ausstattung für mich gäbe. Windel, Katheter, darauf setzen Piloten bei langen Flügen auch.

Lesen Sie auch das Interview mit FSV-Vorsitzendem Luitpold Kaspar: „Brennnesseln nach erstem Alleinflug“

Das Fluggelände des Vereins am Hienheimer Stieberberg. Foto: Heindl
Das Fluggelände des Vereins am Hienheimer Stieberberg. Foto: Heindl

Termin zum Vormerken: Am 21. und 22. Juli feiert der FSV Kelheim in Hienheim Fliegerfest.

Mehr Infos zum Verein gibt es hier.

Alle Teile des MZ-Spezials finden Sie hier.

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