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Region Kelheim
Montag, 24. September 2018 15° 2

Würdigung

Eine Geschichte, die nahe geht

Der Theaterspielkreis Saal erhält den 11. Kulturpreis des Landkreises. Die „Kartoffelkathi“ hat das Publikum tief bewegt.
Von Roland Kugler

  • Die Kartoffelkathi im Landratsamt: Katharina weiß nicht mehr weiter. Voll Schmerz, Angst, Wut und Verzweiflung schreit sie ihre Töchter an. Fotos Kugler
  • •Lore (Sandra Götz) ist erschüttert, sie hat etwas Furchtbares beobachtet. Foto: Konrad Götz

Saal. Am Saaler Ringberg, an der Straße von der B 16 nach Teugn, war während des 2. Weltkriegs ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Jahrzehntelang in Vergessenheit, ist dieses Stück Geschichte die letzten Jahre wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Es wurden Informationstafeln angebracht, und dieses Frühjahr ein Gedenkstein eingeweiht.

Das Dasein der Gefangenen war grausam. Täglich wurden halb verhungerte Männer zur Zwangsarbeit durch den Ort getrieben. Damit in der Bevölkerung kein Mitgefühl aufkam, durfte sie auf Befehl der Nazis nicht hinsehen oder gar Kontakt mit den Geschundenen aufnehmen oder ihnen helfen. Katharina Stark hat eines Tages nicht mehr weggesehen. Der Saaler Theaterspielkreis hat die Geschichte der Katharina Stark inszeniert und dafür heuer den Kulturpreis des Landkreises erhalten. „In der Kartoffelkathi erlebt man Menschen die Mut haben, die keine Jasager sind. Ich hoffe, dass es solche auch in Zukunft noch gibt“, sagte Landrat Martin Neumeyer bei der Überreichung des Preises.

Ich hoffe, dass es Menschen wie die Kartoffelkathi auch in Zukunft noch gibt.“

Martin Neumeyer, Landrat

Katharina Stark, die „Kartoffelkathi“ hat einen Topf Kartoffeln gekocht und den Hungernden hingestellt. Von da an hat sie es jeden Tag getan. Die Saalerin, die in der Werkstraße wohnte, trug selbst unbeschreiblichen Schmerz in sich. Sie hatte im Krieg schon vier Söhne verloren. „Ich bin selber Mama, ich hab so mitgelitten mit ihr“ sagte Gerti Fahrnholz nach der Preisverleihung. Sie hat die Rolle der „Kartoffelkathi“ gespielt. „Ich glaube, das ist das Schlimmste was einer Frau passieren kann. Trotzdem hat sie versucht Anderen zu helfen. Der Text hatte mich sofort gefesselt, ich habe nicht überlegen müssen die Rolle zu übernehmen.“

Am Anfang waren viele skeptisch

Christine Stark ist die Urenkelin von Katharina Stark. Sie ist seit ihrer Jugend leidenschaftliche Theaterschauspielerin und Mitglied des Saaler Theaterkreises. „Ich habe diese Geschichte schon lange in mir getragen“ sagt sie. Als es darum ging ein neues Stück auszuwählen hat sie selbst eines geschrieben, und die Erlebnisse ihrer Uroma darin verarbeitet. „Ich wollte schaun ob ich das kann, ich habe nicht an das Ergebnis gedacht.“

„Ich habe diese Geschichte schon lange in mir getragen.“

Christine Stark, Autorin
Christine Stark. Die Kartoffelkathi war ihre Urgroßoma. Foto: Kugler
Christine Stark. Die Kartoffelkathi war ihre Urgroßoma. Foto: Kugler

Am Anfang waren viele Mitglieder des Theatervereins skeptisch ob das Thema überhaupt angenommen wird, erzählen Christine Stark und Wolfgang Kugler, der Vorsitzende des Theaterkreises. Ob es nicht zu schwierig und zu ernst sei, 2. Weltkrieg, Nationalsozialismus, Zwangsarbeit. „Wir haben bei den Proben manchmal gelacht und oft geheult“, sagt die Autorin. Sie hatte auch die Regie des Stückes übernommen.

Ein überwältigender Erfolg

Das schrecklichste Kapitel deutscher Geschichte, vor unserer Haustüre – es wurde ein überwältigender Erfolg. Weil alles zusammen passt: der Text, in authentischer bairischer Sprache, und vor allem die Darsteller. Es ist beeindruckend, wie sie das Publikum mit einigen kurzen Szenen von Anfang an ergreifen und in das Stück hineinziehen. Die Schauspieler stehen im Saal des Landratsamtes, still und konzentriert. Ohne Verkleidung, ohne Requisiten, ohne Bühne. Ob Nebendarsteller oder Hauptrolle, ob nachdenklich und leise oder laut und heftig, sie verkörpern ihre Rollen so überzeugend und berührend dass manche im Publikum den Atem anhalten.

•An Kathis (Gerti Fahrnholz) Wirtschaft werden jeden Tag Gefangene vorbeigeführt.Foto: Konrad Götz
•An Kathis (Gerti Fahrnholz) Wirtschaft werden jeden Tag Gefangene vorbeigeführt.Foto: Konrad Götz

Der befehlsausführende KZ-Aufseher, die wegsehenden Dorfbewohner die Vorurteile haben, Unsicherheit, Angst, oder nicht wissen wollen was geschieht. Die Tochter die ihre Mutter Katharina unterstützt: „Es geht um mehr als um Kartoffeln, es geht um die Einstellung.“ Die Zweifel und Zerrissenheit von Katharina, die sich durch ihr Handeln immer weiter in Gefahr begibt, und nicht nur ihr Leben sondern auch das ihrer Töchter gefährdet. Aber gleichzeitig weiß, dass sie das Richtige tut. Die nicht mehr wegsehen, gehorchen und sich unterdrücken lassen will.

Die Botschaft ist ihnen wichtig

„Der Saaler Theaterkreis hat einen Platz in der Champions-League der bayerischen Amateurtheater“, sagte Klemens Molzahn, Bezirksvorsitzender vom Verband Bayerischer Amateurtheater, und lobte die Professionalität der Darsteller. Die nicht sachlich und kalt professionell spielen, sondern mit Leidenschaft und Gefühl. Nicht einzeln, sondern als Team. Denen man anmerkt, wie wichtig ihnen ihre Botschaft ist. Denn es sind dieselben Themen die uns auch heute noch betreffen: Überwachung, Unterdrückung, Krieg, die aktuelle Flüchtlingskrise. „Vielleicht hat das Stück deshalb so viele angesprochen und bewegt“, meint Christine Stark.

Lesen Sie hier ein Interview mit Autorin Christine Stark.

„Es fällt schwer, nach der Aufführung Worte zu finden. Ich verneige mich vor dieser Inszenierung“, sagt Dieter Scholz, der Vorsitzende der Kreissparkasse, die den mit 5000 Euro dotierten Kulturpreis stiftet. „Saal hat ein kleines Theater, aber großartige Schauspieler und eine großartige Wirkung“ sagt Landrat Martin Neumeyer, selbst leidenschaftlicher Theaterspieler, in seiner Laudatio.

Lesen Sie auch: Im April wurde die Juryentscheidung für den Kulturpreis 2018 des Landkreises Kelheim bekanntgegeben.

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Ernstes Schauspiel, große Freude.

  • Verein:

    Der Theaterspielkreis Saal besteht seit 1990. Er hat etwa 100 Mitglieder, Vorsitzender ist Wolfgang Kugler, natürlich auch Darsteller.

  • Verstärkung:

    Interessierte an Schauspiel, Regie oder Technik sind jederzeit willkommen: Hier geht es zum Theaterspielkreis Saal

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