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Dienstag, 25. September 2018 15° 1

Globalisierung

Eine Torte mit 52 Geschmacksrichtungen

Die Botschafterin von Burkina Faso skizzierte in Abensberg Afrikas Geschichte und Chancen für die Zukunft und warb um Verständnis für die Menschen.
Von Manfred Forster, MZ

Hanns-Peter Kirchmann und Marie-Odile Bonkoungou/Balima erklärten den Zuhörern Afrika. Foto: Forster

Abensberg. Gut 50 Jahre ist es her, dass viele afrikanische Länder die Kolonisation hinter sich gelassen haben. Zeit für eine erste Bestandsaufnahme. Diese zog am Freitagabend die Botschafterin Burkina Fasos in Deutschland, Marie-Odile Bonkoungou/Balima in Abensberg.

Die Kernaussage der Diplomatin bei einem Vortrag der Kirchmann-Stiftung und der KEB im Ägidiussaal des Pfarrheims lautete: „Wir müssen die Probleme in Afrika selbst lösen. Die Probleme werden nicht von Europa gelöst“. Verschiedene Beispiele – vor allem militärische Interventionen oder häufig falsch geleitete Entwicklungshilfe – zeigten dies. Mittlerweile gebe es in Westafrika eine G 5-Gruppe zur Terrorismusbekämpfung und Blaise Compaoré, der burkinische Staatspräsident, nehme seit jeher eine wichtige Vermittlerrolle in Krisensituationen in der Region ein.

Weithin unbekannter Kontinent

Es war eine Doppelstunde Geographie, Geschichte und Gesellschaftskunde, die Marie-Odile Bonkoungou/Balima und Hanns-Peter Kirchmann am Freitag nach einem Interview mit der MZ (siehe Wirtschaftsteil der Montagausgabe) ihren Zuhörern gaben. Sichtlich stolz zeigte sich Kirchmann ob des Besuchs der Botschafterin. Er wisse von keinem Ort vergleichbar Abensberg, der einen derartig hochrangigen Gast beherbergte. Und das zum wiederholten Mal. Bereits vor einem Jahr war Bonkoungou/Balima, die als Diplomatin die Vertreterin des burkinischen Staatspräsidenten in Deutschland und dadurch einem Minister übergeordnet sei, zu Besuch bei einer Benefizveranstaltung für die Kirchmann-Stiftung.

Ausgehend von dem Gesundheitszentrum der Kirchmann-Stiftung im Heimatland der Botschafterin, versuchten beide, ein Afrika darzustellen, das hierzulande weitgehend nicht bekannt ist. Afrika ist kein Land – es ist ein Kontinent. Es ist ein Afrika der fünf Regionen, die unterschiedlicher sind als Europa, ein Afrika mit mehr als einer Milliarde Menschen, die um die 2000 Sprachen sprechen.

Besonders deutlich wurde diese Vielfalt Afrikas, als die Botschafterin die Größe der jeweiligen Länder in einer Tortengrafik an die Leinwand projizierte. Da gibt es 54 Tortenstücke in allen Größen und „Geschmacksrichtungen“ – gut ein Viertel davon hat allerdings nur „Bröselgröße“. Und es ist ein Kontinent, dessen Landkarte auf der Kongo-Konferenz 1884/85 in Berlin gezogen wurde – mit dem Lineal durch Stammesgrenzen, was sich im Verlauf der Geschichte immer wieder als Ursache für Gewalt auswirkte.

Ob denn die Kolonialzeit Afrika überhaupt etwas gebracht habe, wollte Albert Steber wissen. „Schulen und Straßen“, antwortete die Botschafterin, „aber am meisten hat sie Europa gebracht.“ – „Man muss sich in die Mentalität der Menschen denken“, formuliert Bonkoungou/Balima deshalb ihre zentrale Forderungen für die Zukunft Afrikas. Das gilt besonders für die Entwicklungshilfe. Es soll nicht undankbar klingen, wenn Bonkoungou/Balima sagt: „In 50 Jahren Entwicklungshilfe sind 1500 Milliarden US-Dollar nach Afrika geflossen. Aber es ist nicht Entscheidendes passiert“. Doch Entwicklungshilfe müsse mit den Empfängerländern besprochen und auf lokale Gegebenheiten abgestimmt sein. Dennoch sieht sie – und da ist sie sich mit dem deutschen Entwicklungshilfeminister Gerd Müller einig – Afrika als „Kontinent der Chancen“.

Die Weichen stellen

Doch dafür müssen erst die Weichen gestellt werden. „Der Reichtum Afrikas sind die Bodenschätze“, so Bonkoungou/Balima. Doch es fehle die Veredelungsindustrie. Das heißt: afrikanische Länder müssen Produkte aus eigener Bodenschätzen teuer zurückkaufen. Das kann Hanns-Peter Kirchmann nur bestätigen. Jüngst wollte er für ein neues Kunstprojekt der Stiftung T-Shirts aus burkinischer Baumwolle vor Ort ordern. Doch das scheiterte mangels Hersteller.

Afrika ist ein junger Kontinent. In Burkina Faso ist etwa jeder dritte Mensch jünger als 35 Jahre, das Durchschnittsalter in ganz Afrika beträgt gerade einmal 19 Jahre. Auch das ist eine „Chance für Afrika“, sagt die Botschafterin. Und mittlerweile gibt es laut Bonkoungou/Balima auch verschiedene Initiativen , die „ein anderes Bild von Afrika“ vermitteln: „Es gibt immer mehr Frauen in der Politik.“

Aber wie geht es ihr, wenn sie die Situation auf Lampedusa sieht, der italienischen Insel, Hoffnungsschimmer für viele Afrikaner auf ein besseres Leben in Europa, die aber viele nicht erreichen? Immer wieder gibt es zahlreiche Tote, weil hoffnungslos überladene Boote untergehen. „Das macht mich traurig“, sagte Marie-Odile Bonkoungou/Balima der MZ.

Lampedusa „macht traurig“

Da sieht die Botschafterin, die erst vor wenigen Tagen von einer Konferenz der Botschafter aus Burkina Faso nach Deutschland zurückgekehrt ist, aber selbstkritisch die afrikanischen Länder in der Pflicht. Auf der Konferenz seien auch Leitlinien der Politik für Migration besprochen worden. Man müsse, sagt die Botschafterin, die Menschen in Afrika über die Situation in Europa aufklären, dass für sie, wie es Hanns-Peter Kirchmann formuliert, Europa bzw. Lampedusa nicht „eine Wendeltreppe nach oben, sondern nach unten“ bedeute.

Vieles hat sich zum Guten gewandt, doch zu tun gibt es noch genügend. Das geht aus dem Bericht hervor, den Felicitas Kirchmann den Zuhörern im Ägidius-Saal gab. „Wir sind ganz stolz auf unsere Geburtshilfestation und die Chirurgie“, sagte sie. Zwar sei die Station „nicht so perfekt ausgestattet wie bei uns“, aber Hauptsache sei, „die nötige Hilfe ist da.“ Auch neues Personal sei vor Ort und die Zusage von Ärzten aus Deutschland, die immer wieder einmal das Personal vor Ort schulen will. Auf Bildern waren das gefüllte Wartezimmer zu sehen, Frauen und Kinder, die zur Behandlung in das MdlM-Krankenhaus kommen. Derzeit baut die italienische Caritas eine Radiologie in Sabou auf.

Die nächste Herausforderung für die Stiftung wird der Anschluss des Gesundheitszentrums – derzeit wird es von Generatoren versorgt – an das öffentliche Stromnetz sein. Die staatliche Stromgesellschaft Sonabel will allerdings 20 000 Euro unter anderem für Transformatoren haben. Hanns-Peter Kirchmann will sich aber zur Wehr setzen, schließlich arbeiten die Franziskaner kostenlos zum Wohl der Menschen und nehmen damit ja auch dem Staat Arbeit ab, meint er.

Das Büro Eckl und Partner aus Regensburg hat ein Konzept erstellt, das die Platzierung künftiger Gebäude vor allem unter den Gesichtspunkt eines rationellen Therapieablaufs berücksichtigt. 2015 müssen als erstes überdachte Wege gebaut werden, derzeit gibt es Probleme, Patienten schonend und trocken von einem Trakt in den anderen zu befördern, vor allem in der Regenzeit. Die Größe des Geländes erfordert ein Wegesystem, das laut Kirchmann „mindestens 80 000 Euro“ verschlingt; eine Größenordnung, die die Stiftung alleine nicht tragen kann. Förderanträge laufen, doch konkrete Zusagen gibt es bislang nicht. Ganz besonders dankbar sei man dem Engagement der Botschafterin. „Das Personal hätten wir ohne sie nicht bekommen“, betonte Hanns-Peter Kirchmann bei dem Vortrag am Freitag im Ägidiussaal.

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