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Prävention

Einmal kräftig zuschlagen, bitte!

Viele Frauen im Kreis Kelheim fühlen sich an öffentlichen Orten unsicher. Autorin Emily Buchner probte mit einigen Kampfgeist
Von Emily Buchner

Zusammen mit Karatekas der Budo-Akademie konnten die Frauen das Gelernte umsetzen. Fotos: Buchner
Zusammen mit Karatekas der Budo-Akademie konnten die Frauen das Gelernte umsetzen. Fotos: Buchner

Kelheim.Schlagt einfach zu. Mobilisiert eure ganze Kraft. Das sagen die Karateka immer wieder. Knapp dreißig Frauen – inklusive mir – stehen „ihren“ Trainern gegenüber. Wir sollen das gerade Gelernte anwenden. Bedeutet: Die Männer simulieren einen Angriff – wir Frauen schlagen mit voller Wucht auf die Polster und setzen eine Reihe von Griffen und Techniken ein, um das Gegenüber so gut wie möglich außer Gefecht zu setzen.

Jamal Measara, Cheftrainer und Inhaber der Budo-Akademie in Kelheim, leitet den Selbstverteidigungskurs für Frauen. Über die 90-minütige Veranstaltung hinweg, betont er immer wieder, wie wichtig es gerade heutzutage sei, uns Frauen Selbstverteidigung und -vertrauen beizubringen.

Gefühlte Gefahr

Tatsächlich fühlen sich 58 Prozent der Frauen in Deutschland nicht mehr sicher. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid aus dem vergangenen Jahr gab die Mehrheit der Frauen an, dass öffentliche Orte ihrer Meinung nach unsicherer geworden sind. Knapp jede zweite Frau äußerte, bestimmte Bereiche ihres Heimatorts zu meiden und jede sechste, dass sie aus Präventionsgründen Pfefferspray bei sich trage. Auch die teilnehmenden Frauen beim Selbstverteidigungskurs sagen unisono, dass sie sich unsicher fühlen und das Gefühl haben, es könne immer etwas passieren.

Statistiken belegen, dass diese Ängste nicht vollkommen unbegründet sind. 40 Prozent der Frauen in Deutschland haben seit ihrem 16. Lebensjahr bereits körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlitten – wie eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2004 besagt. 530 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden 2017 in Niederbayern von der Polizei vermerkt. Die Dunkelziffer dürfte jeweils noch höher liegen. Deswegen gilt es als großes Ziel von Selbstverteidigungskursen, wie dem der Budo-Akademie, den Frauen beizubringen wie sie sich verteidigen und somit sicherer fühlen können.

Mehr Fotos vom Training sehen Sie in unserer Bildergalerie:

Selbstverteidigungskurs in Kelheim

Ich soll den richtigen Moment abpassen. Dann zuschlagen. Am besten so kraftvoll wie möglich. Mein Trainingspartner geht die einzelnen Schritte mit mir durch. Es geht darum, den Überraschungseffekt zu nutzen, sagt er. Danach soll ich mich komplett aus dem Griff lösen, mir Platz verschaffen und kräftig zutreten. Und obwohl ich mich bisher noch gar nicht mit Kampfsport beschäftigt habe, funktioniert das ganz gut. Mein Trainer ist zufrieden.

Treten, Schlagen, Powern

Natürlich weiß man nie, was in einer konkreten Situation möglich wäre oder nicht. Aber die Trainer geben alles, ihren Teilnehmerinnen in der kurzen Zeit so viel Routine wie möglich mitzugeben, damit sie in einer Angriffssituation automatisch auf die Techniken zurückgreifen könnten. Immer wieder werden die Tritte und Schläge wiederholt, immer wieder geben die Trainer Tipps, um die Effekte zu verbessern – und am Ende sind sie glücklich mit dem Ergebnis. „Ihr habt alle echt eine Menge Kraft“, loben sie.

Dass Frauen generell einen Nachteil hätten, weil sie meist kleiner und weniger kräftig sind als Männer, lässt Measara nicht gelten. „Frauen sind stark. In Gefahrensituationen können sie viel mehr Kraft hervorrufen, als gedacht.“ Das ist evolutionär bedingt: Das System „Fight or Flight“, also „kämpfe oder fliehe“ ist in uns Menschen fest verankert. Befinden wir uns in einer unsicheren Lage, wird das Hormon Adrenalin ausgeschüttet. Daraufhin finden unterschiedliche körperliche Reaktionen statt: Beispielsweise erhöht sich die Herzfrequenz und der Blutdruck und die Schmerzempfindlichkeit wird verringert. Dadurch wird der Körper insgesamt in einen höchst wachsamen Zustand versetzt und ist bereit zu kämpfen. Deshalb bezeichnet Measara das Adrenalin als „Kampfgeist“. Getrieben durch diesen Kampfgeist können die eingeübten Techniken hoffentlich optimal angewandt werden: Ziel ist immer, dass ich den Gegner außer Gefecht setze, so dass ich mir als Opfer Raum und Zeit verschaffen kann, um die Flucht zu ergreifen.

Am Anfang ist es schwer, in einer Situation, in der einem eigentlich niemand schaden will, aggressive Kräfte zu mobilisieren – das habe ich selbst erfahren. Aber trainiert man das in einer harmlosen Umgebung – so die Hoffnung – fällt es in der Gefahr leichter, darauf zurückzugreifen, ohne groß darüber nachdenken zu müssen. „Damit ihr euch selbst verteidigen könnt, müsst ihr erst Selbstvertrauen bekommen“, betont Jamal Measara. Auch Schreien kann da helfen. „Das löst oftmals eine Blockade.“ Denn wichtig ist in einer Bedrohungssituation, vor allem nichts unversucht zu lassen. In früheren Ratgebern war oftmals die Rede davon, sich nicht wirklich zu wehren, um nicht zu provozieren. Völliger Unsinn, findet Measara. „In Gefahrensituationen müsst ihr alles geben, um den Angreifer möglichst auf Abstand zu halten, ihm zu schaden und fliehen zu können“, gibt er den Frauen mit auf den Weg. „Wer übt, kann sich verteidigen. Da bin ich mir ganz sicher.“

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