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Essay

Erinnerungen in Hashtags

Wir brauchen neue Wege, um das Wissen über die NS-Diktatur wach zu halten - gerade in einer Zeit rechter Aufschwünge.
Von Jana Wolf

Jugendliche am Holocaust-Mahnmal in Berlin: Um das Wissen über die Geschichte wach zu halten, muss Erinnerungskultur mit der Zeit gehen. Foto: Monika Skolimowska/dpa
Jugendliche am Holocaust-Mahnmal in Berlin: Um das Wissen über die Geschichte wach zu halten, muss Erinnerungskultur mit der Zeit gehen. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Regensburg.Nie waren wir näher dran an der Gegenwart als heute: Wir sind rund um die Uhr erreichbar und in Echtzeit vernetzt mit der ganzen Welt, wir empfangen Nachrichten und Posts im Sekundentakt. In einer Zeit, in der wir radikaler im Jetzt leben als je zuvor: Wo bleibt da das Erinnern? Haben wir noch Zeit und Kapazitäten, um uns mit der Vergangenheit zu beschäftigen? Gerade junge Menschen wachsen in dieser Zeit der Gegenwartsbesessenheit auf. Wissen Jugendliche über Krieg und Vernichtung in der deutschen Geschichte Bescheid?

Eine schnelle Antwort darauf ist gefunden, wenn man Studien zu Rate zieht – und die meisten fallen ernüchternd aus. Nummer eins: 40 Prozent der jungen Deutschen zwischen 18 und 34 Jahren gaben in einer Umfrage des US-Senders CNN von 2018 an, „wenig“ oder „gar nichts“ über den Holocaust zu wissen. Nummer zwei: Weniger als die Hälfte der 14- bis 16-jährigen Deutschen weiß laut einer repräsentativen Studie der Körber-Stiftung von 2017, was Auschwitz-Birkenau war.

Erhobene Zeigefinger

Problemlos ließen sich die Studien Nummer drei, vier, fünf anführen, die ebenso mangelndes Geschichtsbewusstsein belegen. Nur: Die Zahlen allein führen zu nichts. Empört über die Jugend die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und ihr Ignoranz vorzuwerfen, ist sicher keine Lösung. Sinnvoller ist, zu fragen, ob unsere Erinnerungskultur noch zeitgemäß ist.

Das Geschichtsbewusstsein unter jungen Leuten schwindet. Empört über die Jugend die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und ihr Ignoranz vorzuwerfen, ist aber sicher keine Lösung.

Wie das „offizielle“ Erinnern aussieht, kann man in einem Jahr großer Jubiläen beobachten: 70 Jahre ist das Grundgesetz dieses Jahr alt, am 23. Mai 1949 trat es in Kraft. Entstanden ist es aus den Lehren der NS-Diktatur. Dieser runde Jahrestag gibt Anlass zu mahnenden Reden im Bundestag. Auf Bühnen werden weihevolle Worte geschwungen, nicht selten mit erhobenem Zeigefinger. Es wird an Verantwortung und moralische Standfestigkeit appelliert.

Erinnern geht auch anders

Wenn ein beachtlicher Teil der Jugendlichen aber kaum über die Geschichte Bescheid weiß, dann werden diese Worte nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Was soll ein Jugendlicher damit anfangen, wenn zum Beispiel Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung sagt, aus der deutschen Schuld erwachse die Verantwortung, „nicht vergessen zu dürfen“, wenn dieser Jugendliche gar nicht weiß, was Auschwitz war? Solche Formen der Erinnerungskultur sollen offiziell demonstrieren: Seht, wir halten die Erinnerung an die Opfer wach. Ob sie bei jungen Menschen ankommen, sie zum Nachdenken anregen? Wohl kaum.

Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg: „Wir in Flossenbürg versuchen, uns mehr als ,Memory und Future Lab‘ zu definieren.“ Foto: Weigel/dpa
Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg: „Wir in Flossenbürg versuchen, uns mehr als ,Memory und Future Lab‘ zu definieren.“ Foto: Weigel/dpa

Dass Erinnern auch anders geht, stellen einige Gedächtnisorte unter Beweis. „Wir in Flossenbürg versuchen, uns mehr als ,Memory und Future Lab‘ zu definieren“, sagt Jörg Skriebeleit, der Leiter der Oberpfälzer KZ-Gedenkstätte. „Es geht weniger um Erinnerungskultur im affirmativen, statischen Sinn, als viel mehr um einen Plattform-Charakter auf der Basis der Gewaltgeschichte, die an diesem Ort stattgefunden hat.“ Was das konkret bedeutet, sollen Jugendliche, Schülerinnen und Azubis in Flossenbürg selbst erfahren – zum Beispiel, wenn sie mit Smartphones losziehen, selbst Fotos machen und diese mit historischen Bildern vergleichen.

Neue Plattformen

Das Team in Flossenbürg passt seine Angebote an die Besucher an: Mit jungen Krankenpflegern sprechen sie über medizin-ethische Fragen, mit Polizeischülerinnen über den Unterschied zwischen Rechtsstaat und Diktatur. So sollen Bezüge zum Leben junger Menschen hergestellt werden. „Wenn Menschen merken, dass sie ernst genommen werden, macht das was mit ihnen“, sagt Skriebeleit. Sie sollen erleben: Das Gestern hängt mit dem Heute zusammen.

Dass sich neue Formen der Erinnerungskultur nicht ohne Geld entwickeln lassen, weiß man auch im politischen Berlin. Die Regierungsparteien haben im Koalitionsvertrag verankert, dass mehr ins Erinnern investiert werden soll - auch, um mehr junge Besucher in die Gedenkstätten zu locken. Daraus ist das Programm „Jugend erinnert“ entstanden, für das im Haushalt 2019 sieben Millionen Euro bereitstehen. Gedenkstätten wie Flossenbürg sind dazu aufgerufen, Fördergelder aus diesem Topf zu beantragen.

Geld gegen das Vergessen

Das Programm „Jugend erinnert“ wird am Holocaust-Denkmal in Berlin vorgestellt, mit dabei sind Außenminister Heiko Maas (Mitte rechts, SPD), Familienministerin Franziska Giffey (Mitte links, SPD) und eine Gruppe Jugendlichen aus verschiedenen Bundesländern. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Das Programm „Jugend erinnert“ wird am Holocaust-Denkmal in Berlin vorgestellt, mit dabei sind Außenminister Heiko Maas (Mitte rechts, SPD), Familienministerin Franziska Giffey (Mitte links, SPD) und eine Gruppe Jugendlichen aus verschiedenen Bundesländern. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Es ist Geld, das vor dem Vergessen bewahren will – gerade in einer Zeit, in der immer mehr Zeitzeugen sterben und authentische Erfahrungen verloren zu gehen drohen. Der Blick in die Vergangenheit kann zeigen, wohin es führen kann, wenn Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt werden. Marianne Schieder spitzt es zu: „Damals waren es Juden, heute sind es Flüchtlinge.“ Die Bundestagsabgeordnete ist in der SPD-Fraktion für „Jugend erinnert“ zuständig. Ihr geht es darum, dass junge Menschen erkennen, dass bestimmte Mechanismen sich wiederholen, damals wie heute.

Mit der AfD stabilisiert sich gerade eine Partei im politischen Spektrum, die den Nationalsozialismus offen verharmlost.

Solche Appelle sind immer moralisch. Und zugleich sind sie unverzichtbar. Denn in Deutschland stabilisiert sich mit der AfD gerade eine Partei im politischen Spektrum, die den Nationalsozialismus offen verharmlost. Parteichef Alexander Gauland nannte Hitler und die Nazis einen „Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“ Thüringens AfD-Chef Björn Höcke schimpfte das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ und forderte eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Bei einem AfD-Treffen im fränkischen Greding Anfang Mai schlug er ähnliche Töne an, als er eine „geistige Wende“ in Deutschland forderte.

Klare Gegenposition

Solche Äußerungen erfordern eine klare und entschiedene Gegenposition. Im Netz sind es Hashtags wie #NieWieder oder #KeinVergessen, unter denen sich Stimmen gegen die Verharmlosung der Geschichte versammeln.

Das Erinnern war schon immer eine heikle Sache. Ende der 1990er Jahre kritisierte der Soziologe Michael Bodemann das „Gedächtnistheater“ der Deutschen. Er warf ihnen vor, dass ihr Erinnern nur ihren eigenen Zwecken diene und die Juden in diesem Theater als „Vorzeigejuden“ mitspielen müssten, nur um die Deutschen von Schuld zu entlasten.

Heute sorgt ein Instagram-Video zum israelischen Holocaust-Gedenktag für Wirbel: Die „Eva-Stories“ erzählen die Geschichte der ungarischen Jüdin Eva Heyman, die in Auschwitz ermordet wurde. Die Macher spielen mit der Ästhetik sozialer Medien, sie nutzen Emojis und Effekte. Kritiker monieren, dass man mit Holocaust-Erinnerung keine „Likes“ abgreifen darf, dass das Video zu oberflächlich und dem Thema nicht angemessen sei.

Solche Zwischenrufe und neuen Ansätze stoßen kontroverse Debatten an – und genau das kann man ihnen zugutehalten. Sie führen dazu, dass das Erinnern neu ausgehandelt wird. Schlimmer als über die Erinnerungskultur zu streiten wäre ihr Stillstand. Denn genauso, wie sich das Heute verändert, muss sich auch der Umgang mit dem Gestern wandeln.

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