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Bildung

Ethik: Wo die Türen Knöpfe haben

Im Workshop „Werte und Normen als Leitlinien unserer Gesellschaft“ gewannen die Ethikschüler der Q 11 wertvolle Erkenntnisse.

Ausgehend von der Leitkulturdebatte hat der Workshop eruiert, was heute zu Deutschland gehört und was eben nicht. Foto: Sven Hoppe/dpa
Ausgehend von der Leitkulturdebatte hat der Workshop eruiert, was heute zu Deutschland gehört und was eben nicht. Foto: Sven Hoppe/dpa

Kelheim.Die Ethikschüler der Q 11 des Donau-Gymnasiums Kelheim bekamen Besuch vom Leiter des Stadtmuseums Abensberg, Dr. Tobias Hammerl. Der Kulturwissenschaftler hielt einen Workshop zum brisanten Thema „Werte und Normen als Leitlinien unserer Gesellschaft“, organisiert von den Ethiklehrerinnen Michaela Mallmann und Sonja Steidl.

In nahezu privater Atmosphäre fand das Treffen an einem „runden Tisch“ statt, um den sich die Teilnehmer versammelt hatten. Der Kulturwissenschaftler wählte bewusst einen provokanten Einstieg. Er setzte sich zu den Schülern, legte die Beine auf den Tisch direkt neben das Essen und rülpste mehrmals. Tatsächlich wurde dieses Verhalten als enorm verstörend und irritierend empfunden.

Normen erkennen

Schon war das Thema des Workshops quasi auf dem Tisch: Normen werden vor allem bei ihrer Übertretung sichtbar. Zudem offenbaren sie sich, wenn Generationen aufeinandertreffen. So sind zerrissene Jeans unter Jugendlichen keine Rede mehr wert, bei so manchen Erwachsenen aber verpönt. Normen werden auch sichtbar, wenn unterschiedliche Kulturen oder soziale Gruppen aufeinandertreffen. Normen sind natürlich gerade für die junge Generation Mittel zum Zweck. Mit ihrer bewussten und kalkulierten Übertretung im Selbstfindungsprozess distanziert sich diese von Althergebrachtem und kündigt den Wandel an. So habe die Generation der 68er einen Wandel eingeleitet.

Die Partei Bündnis 90/Die Grünen warb mit dieser Installation in der Münchner Innenstadt um einen eigenen Entwurf für ein Integrationsgesetz. Foto: Peter Kneffel/dpa
Die Partei Bündnis 90/Die Grünen warb mit dieser Installation in der Münchner Innenstadt um einen eigenen Entwurf für ein Integrationsgesetz. Foto: Peter Kneffel/dpa

Normen haben für die Gesellschaft unterschiedliche Funktionen. Sie ermöglichen den Mitgliedern einer Gemeinschaft ein geordnetes Zusammenleben, indem sie Verhalten steuern, regulieren und ordnen. Zudem bieten sie eine Projektionsfläche für unterschiedliche Anliegen. Gemeinsame Normen und ihre Einhaltung verdeutlichen die Zusammengehörigkeit unterschiedlicher Menschen zu einer Gruppe. Eine Norm, das haben die Ethikschüler gelernt, ist eine konkrete Handlungsanweisung. Die gesellschaftlichen Werte bilden die Grundlage für die Normen. Werte sind tief in den Menschen verankerte Vorstellungen darüber, was in einer Gemeinschaft als erstrebenswert und richtig gilt. Als allgemeine und kollektive Zielorientierungen befinden sie sich auf einer höheren Ebene als die Normen und greifen damit gleichzeitig tiefer.

Wie weit ist Emanzipation?

Gemeinsam ging man der Frage nach, ob denn Frauen gleichberechtigt sind und inwieweit die Emanzipation faktisch fortgeschritten ist. Schnell war man sich einig, dass sich die Gesellschaft derzeitig in einem Wandlungsprozess befindet. Von dem Begriff des Patriarchats wollten sich die Workshopteilnehmer nicht distanzieren, da in Politik und Wirtschaft bis heute die Männer das Geschehen dominieren. Doch sind derzeitig Veränderungen erkennbar. Die Rechte der Frauen seien zunehmend gesetzlich verankert und würden auch vermehrt in Anspruch genommen. Zudem habe sich das Bild der Frau in den letzten Jahren drastisch geändert: So ist z. B. eine ruhige Frau heute nicht mehr automatisch eine gute Frau.

Ausgehend von der Leitkulturdebatte wurde eruiert, was heute zu Deutschland gehört und was eben nicht. Der Schweinebraten am Sonntag als kulturelle Norm hat inzwischen in weiten Teilen der Bevölkerung ausgedient. Schnell wurde allen klar, dass die Frage, was denn „deutsch“ sei, nur für den Moment, für den Ist-Zustand beantwortet werden kann. Normen und Werte wandeln sich ständig.

Das sagen Schüler

  • Irem Yagzi (18):

    Respekt und Toleranz sind unverzichtbare Grundwerte in allen Bereichen unseres Lebens. Jeder möchte akzeptiert, verstanden und für voll genommen werden, als der Mensch, der er ist. Auch ein gewisses Maß an Selbstlosigkeit und Wertschätzung finde ich im Umgang miteinander für wichtig.

  • Luca Pinter (16):

    Werte sind für mich grundlegend für eine Gesellschaft und für wirtschaftlichen Erfolg. Haltungen, in denen sich die Werte widerspiegeln wie Anstand, Disziplin, Ordentlichkeit und Fleiß sind auch Gründe dafür, dass „made in Germany“ weltweit hohes Ansehen genießt.

  • Nick Dil (17):

    Freundschaft, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit sowie Humor sind für mich die vier wichtigsten Werte, damit eine Gesellschaft in Harmonie leben kann. Durch die Zuverlässigkeit kann man sich auf die anderen verlassen und die Freundschaft vereint die vorangegangenen Werte alle in sich.

  • Simon Mayer (17):

    Die wichtigsten Werte sind für mich Ehrlichkeit, Vertrauen, Offenheit und Mitgefühl. Zudem sollte jeder sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten dürfen: egal welcher Religion, Nationalität oder sexuellen Orientierung er angehört.

Nach der intellektuellen Anstrengung schlemmte man in der wohlverdienten Pause, um anschließend in den praktischen Teil der Veranstaltung überzugehen. In einem fiktiven Szenario hat Dr. Hammerl die Insel Albatros vorgestellt, auf der die Frauen herrschen. Diese matriarchale Gesellschaft sei bisher glücklich und zufrieden. Gemeinsam stellten die Teilnehmer diese Situation in einem Rollenspiel nach.

Die Gegner des Wandels

Während eine Gruppe den Wandel fordert, beharrt eine andere auf dem Alten. Auch in den Reihen der „Profiteure“ befinden sich immer Gegner des Wandels. Ein letzter Teil ist bereit, auf die Forderungen einzugehen, erwartet aber auch Gegenleistungen. Der „Aufstand“ des Mannes hatte also eine fundamentale Wertedebatte losgetreten. Die ursprünglichen Normen werden überdacht und der Wandel der darunter liegenden Werte thematisiert.

Nur im Diskurs werden gesellschaftliche Normen und Werte verhandelt. Dieser wird in unterschiedlichen Gruppen, durch Taten, in politischen Debatten und über Medien, auch über die sozialen, geführt. Diskursmächtig seien aber auch Objekte, so Dr. Hammerl. Ein Aspekt, der sowohl bei den teilnehmenden Schülern als auch bei den Lehrkräften einen „Aha-Effekt“ auslöste.

Werte und Normen

Die Architektur, die Gestaltung von Räumen und Parkplätzen ist diskursmächtig. Hierarchische Strukturen sind überall erkennbar. So seien beispielsweise an den Türen zum Lehrerzimmer am Donau-Gymnasium keine Türklinken angebracht, die jeder öffnen könne, sondern Türknöpfe. Niemanden fällt das auf und keiner hinterfragt dies, wobei hier doch offensichtlich die Lehrer-Schüler-Hierarchie sichtbar wird. Der Diskurs findet auf verschiedenen Ebenen statt. Er verhandelt unsere Wertigkeiten und Normen!

Die im Unterricht gewonnenen Erkenntnisse, so war man sich in der Feedbackrunde einig, haben durch die Konkretisierung im Workshop an Tiefenschärfe und Plastizität gewonnen. Gemeinsam hat man am „runden Tisch“ erkannt, dass der gesellschaftliche Diskurs ein zentraler Bestandteil unserer freiheitlich gesellschaftlichen Grundordnung ist.

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