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Fake-News werden zu oft akzeptiert

„Fake-News sind Teil der menschlichen Natur“, sagt Dr. Alexander Flierl. Der Theologe sieht den Wert der Wahrheit schwinden.
von Benjamin Neumaier

Beleidigungen, Beschimpfungen und Fake-News stoßen bei nahezu allen Internetnutzern in Deutschland auf Ablehnung. Das geht aus einer repräsentativen Forsa-Studie hervor. Foto: Franziska Gabbert/dpa
Beleidigungen, Beschimpfungen und Fake-News stoßen bei nahezu allen Internetnutzern in Deutschland auf Ablehnung. Das geht aus einer repräsentativen Forsa-Studie hervor. Foto: Franziska Gabbert/dpa

Abensberg.Wenn eine gezielte Falschnachricht erst in der Welt ist, wird sie in sozialen Medien oft tausendfach geteilt. Sie dann wirkungsvoll zu korrigieren, sei beinahe unmöglich, sagt Alexander Flierl. Der Theologe hat über „die Lüge“ promoviert, beschäftigt sich mit Fake-News und hält darüber einen Vortrag in Abensberg (Montag, 27. Januar, 19 Uhr, im Katholischen Pfarrheim). Im MZ-Interview klärt er auf, was Fake-News sind, wie man sie erkennt und plädiert er dafür, Fake-News zu kennzeichnen. Allerdings dürfe der Staat nicht die Rolle des Zensors übernehmen.

Fake-News verbreiten sich im Internet oft rasend schnell. Doch was sind eigentlich Fake-News, Herr Dr. Flierl?

Fake-News sind als Nachrichten getarnte Texte mit Unwahrheiten, die Seriosität glaubhafter Quellen oder Medien vorgaukeln. Es sind Falschmeldungen, die in der Absicht verfasst sind, in die Irre zu führen und zu täuschen.

Gezielte Falschmeldungen gab es schon immer, was ist Neue an den Fake-News von heute?

Der Begriff an sich ist relativ neu, taucht im Duden erst seit 2017 auf. Aber klar, den gezielten Einsatz von falschen Darstellungen zur Täuschung gab es auch schon früher, man denke nur an die Propaganda im Dritten Reich. Heute bestehen aber noch einmal ganz andere Möglichkeiten, Fake-News zu streuen - viel läuft beispielsweise über die sozialen Medien. Dadurch hat auch die Reichweite und Menge deutlich zugenommen. Zudem bekomme ich als Nutzer dort hauptsächlich Dinge präsentiert, die weitgehend meiner eigenen Meinung entsprechen. Dadurch steigt die Akzeptanz von solchen Falschmeldungen deutlich an. Andererseits bietet das Internet heute so viele Möglichkeiten wie nie, Meldungen auf den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Die Mühe machen sich aber die Wenigsten.

Der Begriff "Fake-News" für Falschnachrichten steht seit 4. August 2017 im Duden. Foto: Jens Kalaene/dpa
Der Begriff "Fake-News" für Falschnachrichten steht seit 4. August 2017 im Duden. Foto: Jens Kalaene/dpa

Warum ist das so?

Weil Fake-News leider oft gleichrangig mit Informationen hoher Güte und Qualität wahrgenommen werden. Schon der Begriff News drückt das aus. Das sagt etwas ganz anderes über die Wahrnehmung aus, als Falschmeldung. Noch deutlicher wird es, wenn man sich einen anderen oft genannten Begriff für Fake-News ansieht: Alternative Fakten. Da ist man begrifflich schon sehr nahe am Eindruck dran, dass eine solche Meldung der Wahrheit entsprechen kann.

Sie haben die Rolle der sozialen Medien im Zusammenhang mit Fake-News angesprochen. Die sind der Hauptweg der jüngeren Generationen, Nachrichten zu konsumieren. Sind junge Menschen deshalb stärker gefährdet?

Im ersten Moment sollte man das denken, es ist aber wohl nicht so. Es gibt erste Studien, wonach eher ältere Nutzer anfällig für Fake-News auf sozialen Plattformen sind.

Dr. Alexander Flierl ist Pastoralreferent an der Katholischen Hochschulgemeinde in Regenburg. An der OTH in Regensburg hat Dr. Flierl an der Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften einen Lehrauftrag für Ethik der sozialen Arbeit. Foto: Meilinger
Dr. Alexander Flierl ist Pastoralreferent an der Katholischen Hochschulgemeinde in Regenburg. An der OTH in Regensburg hat Dr. Flierl an der Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften einen Lehrauftrag für Ethik der sozialen Arbeit. Foto: Meilinger

Woran liegt das?

Ältere Menschen haben ein ganz anderes Informationsverhalten. Sie sind geprägt von Tagszeitungen oder den Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen. Das hat man gelesen, gesehen der gehört und sich darauf verlassen, dass es stimmt. Klar, dahinter steckte ja Recherche, das wusste man. Dieses angelernte Verhalten wirkt aber eben leider auch bei Fake-News. Junge Menschen hinterfragen tatsächlich oft kritischer.

Die Fake-News-Debatte hat auch die Medien beeinflusst. Teils ist von einer Glaubwürdigkeitskrise die Rede.

Ich glaube nicht, dass Qualitätsmedien heute schlechter arbeiten als früher. Bevor dort Nachrichten oder Meldungen rausgehen, werden sie überprüft, gegenrecherchiert, Stimmen der Gegenseite eingeholt. In der Öffentlichkeit entsteht aber oft ein anderes Bild - auch weil die, ich nenne sie mal klassischen Medien - durch Fake-News gezielt ins Zwielicht gezogen werden. Fake-News ist hier ein Kampfbegriff. Für den Nutzer wird es dadurch immer schwieriger, einzuschätzen, auf welche Quelle er sich verlassen kann.

Führt das eher dazu, dass Nutzer bei jeder Meldung den Wahrheitsgehalt hinterfragen oder eher zu genereller Skepsis?

Wohl eher zu grundsätzlicher Skepsis. Das ist auch einfacher. Denn das Überprüfen kostet Zeit - und die hat man in unserer schnelllebigen und mit News überfrachteten Welt oft nicht. Oder nimmt sie sich nicht. Da ist es bequemer, die Nachricht als gegeben zu nehmen - weil sie zudem, durch den Algorithmus sozialer Medien gesteuert - sowieso nahe an der eigenen Meinung ist. Das macht es schwierig, Fake-News als solche zu erkennen.

Medien

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Wie kann man Fake-News erkennen?

Grundsätzlich sollte man sich überlegen, woher die Information stammt, bzw. wer sie verbreitet. Die Frage nach der Seriosität der Quelle ist der erste Schritt. Zudem sollte man seinen Verstand benutzen und sich überlegen, ob die Information überhaupt stimmen kann und im Anschluss daran nach weiteren Quellen suchen und die verbreitete Nachricht auf Widersprüche abklopfen. Aber wie gesagt, dafür müsste man sich Zeit nehmen.

Was kann man gegen Fake-News unternehmen?

Jeder Einzelne sollte sein Medienverhalten überprüfen. Vor allem ist wichtig, zwischen Meinung und Tatsache zu unterscheiden. Das wird bei Fake-News sehr oft vermischt. Helfen kann auch, Falschmeldungen per Kommentar etc. zu enttarnen. Aber dazu gehört für den Einzelnen viel Mut - denn damit kann man ganz schnell einen Shitstorm gegen sich selbst auslösen.

Internet

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Es gibt Überlegungen, erwiesene Fake-News als solche zu kennzeichnen - sowohl von Regierungsseite, als auch von Plattformen wie Facebook. Was halten Sie davon?

Was staatliche Maßnahmen angeht, finde ich es schwierig. Vor allem, weil eben Meinung und Tatsachen oft vermischt werden. Da wäre der Staat schnell in der Rolle des Zensors. Vonseiten der Social-Media-Betreiber wäre es wünschenswert. Die sollte man stärker in die Pflicht nehmen. Ich sehe das als deren Aufgabe für die kommenden Jahre.

Apropos: Wie sehen Sie das Thema Fake-News in naher Zukunft?

Es wird sich nicht von selbst erledigen. Das ist auch in der menschlichen Natur begründet. Laut Studien lügt jeder Mensch angeblich bis zu 200 Mal am Tag. Wir müssen uns wieder klarer werden, was Wahrheit eigentlich bedeutet, was Wahrheit wert ist. Die große Gefahr ist, dass die Methode, Fake-News zu verbreiten, immer mehr anerkannt wird. Die Tendenz dazu ist schon erkennbar. Jeder Einzelne ist in der Pflicht, das nicht hinzunehmen.

„Alles nur gefaket?“

  • Vortrag:

    Am Montag, 27. Januar, 19 Uhr, steht im Katholischen Pfarrheim in Abensberg ein Vortrag und ein Gespräch über den Umgang mit „Fake News“ auf dem Programm. Referent ist Dr. Alexander Flierl von der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) in Regensburg, der über die „Lüge im Alltag“ promovierte. Zu der Veranstaltung laden die KEB und die Pfarreiengemeinschaft Abensberg-Pullach-Sandharlanden ein.

  • Inhalt:

    Die Wahrheit spielt heute scheinbar nur noch eine untergeordnete Rolle: Man kann sie interpretieren, zurechtbiegen, alternativ auslegen oder gar faken - scheinbar hängt sie nur vom persönlichen Standpunkt ab, beschreibt Dr. Flierl das Thema. Er geht den Fragen nach: „Welche Bedeutung kommt unter diesen Vorzeichen der Wahrheit noch zu?“ oder „Warum sind Lügen dennoch weiterhin moralisch verpönt?“

  • Referent:

    Flierl ist gebürtiger Amberger, hat in Regensburg und Berkeley (USA) studiert und arbeitet nach Einsätzen in Regensburger Pfarreien seit 2008 als Pastoralreferent an der KHG in Regenburg. An der OTH in Regensburg hat Dr. Flierl an der Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften einen Lehrauftrag für Ethik der sozialen Arbeit.

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