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Modellprojekt

Feuerwehr eilt, wenn das Herz steht

Sechs Wehren im Kreis Kelheim haben Teams, die bei Bedarf einen „Defi“ bringen. Sie unterstützen den Rettungsdienst.
Von Martina Hutzler

Die Herzdruckmassage – hier an einer Puppe demonstriert – ist die erste Hilfe bei Herz-Kreislauf-Stillstand. Ist zudem ein Defibrillator nötig, eilt im Kreis Kelheim  die Feuerwehr damit herbei.
Die Herzdruckmassage – hier an einer Puppe demonstriert – ist die erste Hilfe bei Herz-Kreislauf-Stillstand. Ist zudem ein Defibrillator nötig, eilt im Kreis Kelheim die Feuerwehr damit herbei. Foto: dpa

Kelheim.Wenn das Herz still steht, kommt es auf jede Minute an: Je schneller Hilfe kommt, desto größer die Überlebenschance, desto weniger schlimm die Folgeschäden. Deshalb haben Rettungsdienst und Kreis-Feuerwehrführung ein Pilotprojekt gestartet, das sich so gut bewährt hat, dass mittlerweile sechs Wehren dabei sind: Geschulte Aktive rücken bei entsprechender Anforderung mit einem „Defibrillator“ aus und kümmern sich gemeinsam mit dem Ersthelfer um einen Patienten, bis Rettungsdienst oder Notarzt eintreffen. Es ist eine Weiterentwicklung zur bereits praktizierten „Telefon-Reanimation“.

Zuerst die „Telefon-Reanimation“

Denn medizinisch ist eines erwiesen, erklärt BRK-Rettungsdienstleiter Stephan Zieglmeier: „Das Wichtigste beim Herz-Kreislauf-Stillstand ist die Herzdruckmassage“. Also das Bemühen eines Ersthelfers, durch wiederholtes festes Drücken auf den Brustkorb des Betroffenen dessen Herz wieder zum „Anspringen“ zu bewegen.

Die Herzdruckmassage – hier an einer Puppe demonstriert – ist die erste Hilfe bei Herz-Kreislauf-Stillstand. Ist zudem ein Defibrillator nötig, eilt im Kreis Kelheim  die Feuerwehr damit herbei.
Die Herzdruckmassage – hier an einer Puppe demonstriert – ist die erste Hilfe bei Herz-Kreislauf-Stillstand. Ist zudem ein Defibrillator nötig, eilt im Kreis Kelheim die Feuerwehr damit herbei. Foto: dpa

Weil aber viele Menschen im Ernstfall nicht wissen, wie das geht, hat Dr. Stephan Nickl, der damalige Ärztliche Leiter Rettungsdienst, mit der Integrierten Leitstelle Landshut (ILS) – bei der auch aus Kelheim die „112“-Notrufe auflaufen – vor drei Jahren die „Telefon-Reanimation“ eingeführt: Hat der ILS-Disponent am Telefon abgeklärt, dass der Notruf tatsächlich einen Herzstillstand betrifft, bietet er dem Anrufer an, ihn telefonisch bei der Herzdruckmassage am Betroffenen anzuleiten. Schritt für Schritt erklärt er dem Ersthelfer, was zu tun ist, während sich ein zweiter Disponent um die Alarmierung von Notarzt und Rettungsdienst kümmert. Und seit 2014 unter Umständen eben auch um die Alarmierung der Feuerwehr.

Denn bei bestimmten Herzrhythmus-Störungen kann der für Laien entwickelte „automatisierte externe Defibrillator“ (AED oder kurz „Defi“), das Herz wieder in den richtigen Takt zurückbringen. Auch hier gilt: Je schneller, desto besser – weshalb ja mittlerweile in vielen Behörden, Sportstätten und sonstigen Einrichtungen solche Defis allgemein zugänglich sind.

Öffentlich zugängliche, automatisierte Defibrillatoren können von Laien sicher angewandt werden.
Öffentlich zugängliche, automatisierte Defibrillatoren können von Laien sicher angewandt werden. Foto: dpa

Beim Kelheimer Projekt nun rücken Erste-Hilfe-geschulte Feuerwehrler mit ihrem FFW-Defi beim Patienten an: Sie übernehmen dort die Herzdruck-Massage und setzen bei Bedarf den Defi ein. Diese Geräte diagnostizieren zuvor selbst, ob die Stromstöße, die sie abgeben, bei einem Notfallpatienten das richtige Mittel sind.

Sobald Notarzt oder Rettungsdienst zur Stelle sind, übernehmen diese die Regie. Bei Bedarf helfen die Feuerwehrler weiter mit; etwa wenn der Patient durchs Treppenhaus zu tragen ist.

Feuerwehr als Defi-Überbringer

  • Teilnehmerg Zum Start des Pilotprojekts im Jahr 2014 beteiligten sich die Feuerwehren Bad Abbach, Teugn, Wildenberg und Kirchdorf. Mittlerweile kamen Aiglsbach und Volkenschwand hinzu; Hienheim folgt als nächstes.

  • Ablauf

    In Bad Abbach zum Beispiel bilden 15 Aktive, möglichst nicht zu weit entfernt vom Gerätehaus wohnend, das T-CPR Team der Feuerwehr, schildert der Kommandant der Stützpunkt-Wehr, Max Kefer. Werden sie alarmiert, eilen sie zum Einsatzfahrzeug und rücken aus – höchstens zu zweit und in Zivil, ergänzt Kefer. Drei bis fünf Minuten Ausrückezeit schaffe man.

  • Reaktioneng Am Einsatzort, egal ob in der Wohnung oder anderswo, sind Ersthelfer oder Umstehende schon erst mal irritiert, wenn statt des Rettungsdiensts die Feuerwehr vor der Tür steht. „Lange Erklärungen können wir uns nicht leisten – es muss ja schnell gehen. Wir sagen nur, ,wir sind die Vorhut; der Rettungsdienst kommt“, schildert Kefer.

  • Bewertung

    Kefer ist überzeugt von dem Modell: „Eine gute Sache“, gerade in Bad Abbach, wohin die Rettungskräfte einen längeren Anfahrtsweg haben: „Das wird bei uns mit Sicherheit eine Dauereinrichtung werden“, schätzt daher der Feuerwehrkommandant. (hu)

Die Idee, die Feuerwehr parallel zur Telefon-Reanimation einzusetzen, hatte Dr. Stephan Nickl, mittlerweile Ärztlicher Bezirksbeauftragter Rettungsdienst für Niederbayern. Nickl sowie Kreisbrandrat (KBR) Nikolaus Höfler und BRK-Rettungsdienstleiter Stephan Zieglmeier waren sich schnell einig, es zu versuchen. Die Feuerwehren aus Bad Abbach, Teugn, Wildenberg und Kirchdorf wurden ausgewählt und waren, ebenso wie die Gemeinden, bereit mitzumachen.

Der Auswahl lagen und liegen vor allem räumliche Überlegungen zugrunde. Der Rettungsdienst muss bayernweit eine Hilfsfrist einhalten können: nämlich in höchstens zwölf Minuten Fahrzeit jeden Ort erreichen. Das, so Zieglmeier, sei zwar zu schaffen. Aber nach Abbach zum Beispiel sei der Rettungswagen – egal ob aus Kelheim, Regensburg oder Alteglofsheim – schon mindestens zehn Minuten unterwegs. Hier und in anderen Orten, wo der nächste Rettungsdienst-Standort eher weit weg ist, können die örtlichen Feuerwehrler mitsamt Defi vielleicht die entscheidenden Minuten schneller beim Patienten sein, so die Überlegung.

Die Aktiven werden über einen eigenen Funkkreis per Funkmelde-Empfänger alarmiert oder, wo es dieses System nicht gibt, per Sirene. Daraufhin eilen sie zum FFW-Haus, wo der Wagen samt Defi steht, und weiter zum Patienten.

Damit so ein System im Ernstfall zuverlässig einsetzbar ist, müssen pro Ort mindestens zehn Aktive mitmachen, schildert Nikolaus Höfler. Sie erhalten vom BRK-Kreisverband eine Erstschulung mit sechs bis acht Unterrichtseinheiten, in der es vor allem um die Reanimation und den Einsatz des Defi geht, aber auch um das richtige Verhalten gegenüber Patient und Ersthelfer. Einmal im Jahr wird dieses Wissen aufgefrischt und gecheckt.

Dies gehört zu den Vereinbarungen zur Qualitätssicherung, die mit der ILS respektive ihrem Betreiber-Zweckverband geschlossen wurden, erklärt KBR Höfler. Darin sind weitere Details geregelt; etwa, dass höchstens drei Aktive zum Einsatz ausrücken – es will ja keiner bei einem medizinischen Notfall einen ganzen Löschzug an der Tür stehen haben.

Nächste Ausweitung steht an

Dass die Einsatzbedingungen und der Aufwand für die Wehren klar begrenzt sind, war für Höfler ein weiterer Grund, beim Projekt mitzumachen. Und es, nach erfolgreichem ersten Testjahr, sogar noch auszuweiten. In Absprache mit dem Rettungsdienst kamen bereits die Wehren Aiglsbach und Volkenschwand hinzu. Bald startet Hienheim, und noch eine achte Wehr ist ins Auge gefasst. Im Landkreis Landshut ist schon das Interesse geweckt, auch so ein System einzuführen, weiß Kelheims KBR Höfler.

Bislang gab es rund ein Dutzend FFW-Defi-Einsätze, schätzt Rettungsdienstleiter Zieglmeier. Eine „Erfolgsstatistik“ führt er zwar nicht. „Aber wenn nur ein Menschenleben gerettet wird, ist es das wert“ – zumal angesichts der „problemlosen Zusammenarbeit“. Aber auch dieses neue Glied in der Rettungskette hängt vom allerersten Glied ab: Dass jeder Mensch im Notfall Ersthelfer sein kann!

Mehr über die Arbeit der Hilfs- und Rettungsorganisationen im Kreis Kelheim lesen Sie in unserer Serie „Die Retter“!

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