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Interview

Frauen sind eine gute Wahl

2020 werden Bürgermeister- und Ratsämter neu vergeben. Kelheims Gleichstellungsbeauftragte hofft auf mehr Frauenpower.
Von Martina Hutzler

Gleichstellungsbeauftragte Gabi Schmid hofft, dass der Frauenanteil bei der nächsten Kommunalwahl in Kelheim  steigt.  Foto: Neumaier
Gleichstellungsbeauftragte Gabi Schmid hofft, dass der Frauenanteil bei der nächsten Kommunalwahl in Kelheim steigt. Foto: Neumaier

Kelheim.Am 15. März 2020 finden in ganz Bayern Kommunalwahlen statt; auch in Kelheim werden die Stadt-, Gemeinderäte, der Kreistag und Bürgermeisterämter neu besetzt. Hoffentlich wieder mit mehr Frauen als bisher, wünscht sich die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Gabi Schmid. Dafür müssten freilich sowohl potenzielle Kandidatinnen als auch die Wählerinnen und Wähler ein paar längst überholte Vorurteile über Bord werfen, schildert sie im Interview.

Im ganzen Landkreis gibt es derzeit gerade mal eine Bürgermeisterin; in den Stadt- und Gemeinderatsgremien sind Frauen überall in der Unterzahl. Warum ist die Gleichstellung an der Kommunalpolitik vorbeigegangen?

Gleichstellung kann man nicht verordnen, die muss sich entwickeln und etablieren. Und das dauert in der Politik einfach länger. Eine Wahlperiode in der Kommunalpolitik dauert sechs Jahre, erst dann kann man wieder einen Schritt weitergehen in der gleichberechtigten Besetzung der Gremien.

Derzeit liegt der Frauenanteil bei den kommunalen Gremien im Landkreis bei 18,13 Prozent. In der vorherigen Wahlperiode war er bei 16,54 Prozent, und davor bei 13,54. Der Frauenanteil steigt also kontinuierlich, aber doch sehr langsam. Wie ich jetzt aus einzelnen Gemeinden höre, gehen im März 2020 doch einige Frauen auch als Bürgermeister-Kandidatinnen an den Start. Und ich weiß, dass es sich dabei nicht um „Verlegenheitskandidatinnen“ handelt, sondern es sind kompetente Frauen, die das Bürgermeisteramt sehr gut stemmen können!

Gleichstellungsbeauftragte Gabi Schmid hofft, dass der Frauenanteil bei der nächsten Kommunalwahl in Kelheim  steigt.  Foto: Neumaier
Gleichstellungsbeauftragte Gabi Schmid hofft, dass der Frauenanteil bei der nächsten Kommunalwahl in Kelheim steigt. Foto: Neumaier

Warum engagieren sich bislang noch so wenige Frauen in der Kommunalpolitik?

Kommunalpolitik hat für viele Frauen ein Imageproblem: zu bürokratisch, zu männlich und vor allem zu zeitaufwändig. Frauen haben alleine wegen der Rollenverteilung in der Familie zu wenig Kapazitäten für noch mehr Ehrenämter, als sie eh schon übernehmen. In der Zeit, in der Frauen die überwiegende Familienarbeit leisten und außerdem meist auch noch beruflich engagiert sind, können die Männer ihre politischen Ambitionen verwirklichen. Viele Frauen streben deshalb eine Kandidatur für den Gemeinderat erst dann an, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Außerdem fehlt vielen Frauen das „Machtstreben“ und die „Ellenbogenmentalität“, die vielen Männern eigen ist. Frauen möchten sich gerne engagieren, aber eben nicht in vorderster Reihe.

Sollten sich Ihrer Meinung nach die Parteien eine Frauen-Quote für die Listen-Aufstellung verordnen?

Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung, denn wenn frau weiß, dass die Kandidatenlisten paritätisch erstellt werden, finden sicher auch mehr Frauen den Mut, sich um einen Platz zu bewerben und für sich eine Perspektive zu sehen. Die Erfahrung zeigt ja auch, dass Parteien mit einer jetzt schon festen Quotenregelung einen höheren Frauenanteil in den Parlamenten erreicht haben.

Was sonst müssten Parteien tun, um für mehr Ausgewogenheit zu sorgen?

Man muss für mehr Nachwuchs werben und das schon beizeiten – nicht erst, wenn Wahlen anstehen. Mentorenarbeit und ein Begleitprogramm für Politik-Einsteiger(innen) und mehr Aktionen für junge Leute könnten da gute Methoden sein. Meistens läuft den Funktionären in den Parteien während der Legislaturperiode jedoch die Zeit davon, Denn gute Gemeindepolitik erfordert natürlich Zeit. Und wer hat davon schon genug…

„In den kommunalen Parlamenten werden wichtige Entscheidungen direkt vor der eigenen Haustür getroffen“

Ehrenamtliches politisches Engagement ist ja auch eine Zeitfrage. Wie viel Zeit muss man für die Gemeinderatsarbeit einplanen?

Natürlich kostet ein Engagement im Gemeinderat Zeit. Dabei spielt die Größe der Gemeinde eine Rolle; außerdem, welche Funktion man in der Fraktion einnimmt und in welche Ausschüsse man entsendet wird. Ich bin Fraktionssprecherin, da ist natürlich ein höherer Zeitaufwand erforderlich. Wenn man sich auch noch in Arbeitskreisen und Gemeindeveranstaltungen einbringt, kostet das natürlich noch mehr Zeit. Aber trotzdem sollte der Zeitaufwand kein Hindernis für ein Engagement in einem kommunalen Parlament sein. Denn dort werden wichtige Entscheidungen direkt vor der eigenen Haustür getroffen und man hat die Möglichkeit seine Heimat mitgestalten.

Das Gestalten liegt der Ihrlersteinerin auch noch in ganz anderer Hinsicht:

Hobby

Harte Arbeit nach Büroschluss

Tiere, Menschen, Säulen – Gabi Schmids Favoriten bei der Steinkunst. Neben Beruf und Ehrenamt bereichert sie ihren Alltag.

Was können Sie als Gleichstellungsbeauftragte tun, um mehr Frauen zu einem politischen Amt zu motivieren?

Vor einigen Jahren gabs das Projekt „Damenwahl“, bei dem ich für Frauen Schulungen angeboten habe, um sie bei einer Kandidatur zu unterstützen. Heute würde ich das so nicht mehr machen: Solche Aktionen erwecken den Eindruck, als müssten Frauen erst mehr Kompetenz erreichen, bevor sie ein politisches Amt bekleiden können. Aber Frauen haben diese Kompetenz schon lange! Ich denke, man muss den Frauen noch mehr aufzeigen, wie nah Gemeindepolitik ihr eigenes Leben beeinflusst, und wie wichtig es ist, dass auch Frauen ihre Fähigkeiten und Erfahrungen dort einbringen. Gemeindepolitik ist eine sehr niederschwellige Möglichkeit, das eigene Lebensumfeld mitzugestalten. Und Frauen sind einfach Expertinnen, auf deren Kompetenzen nicht verzichtet werden kann!

Lust machen auf Politik: Das ist Ziel beim Projekt „Frida“, das die Hochschule Landshut zusammen mit Gabi Schmid derzeit auch im Kreis Kelheim durchführt:

Gleichstellung

„Frida“ soll Frauen in die Politik holen

Frauen sind rar in Kelheims Kommunalparlamenten. Noch. Das Forschungsprojekt Frida will das ändern – ganz praktisch.

Sie sind selbst Gemeinderätin in Ihrlerstein, wo es zwölf zu vier für die Männer steht. Haben Sie sich schon mal so richtig über die männliche Dominanz im Gemeinderat geärgert?

Nein, noch nie! Gemeinderäte, egal welchen Geschlechts, sind motivierte Menschen, die aktiv etwas für ihren Wohnort und die Bewohner tun möchten. Dafür hat jede Gemeinderätin und jeder Gemeinderat meine Hochachtung – zumal dieses Amt nicht immer einfach ist!

Was machen Frauen in der Kommunalpolitik anders als Männer?

Man sagt den Frauen ja nach, dass sie kompromissfreudiger sind, dass sie lösungsorientierter vorgehen, kommunikativer und offener für Ideen sind. Aber ich glaube, das ist ein Vorurteil – auch Männer können so sein. Alle Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker bringen sich so ein, wie es ihrer Mentalität entspricht, und engagieren sich je nach Zeitkapazitäten und Interesse. Langjährige Gemeinderäte sagen aber, dass die Gesprächskultur eine andere geworden ist, seit Frauen im Gremium sind – man geht freundlicher miteinander um.

„Es fehlen weibliche Vorbilder in der kommunalen Politik“

Der niedrige Frauenanteil in den Kommunalparlamenten liegt ja nicht nur an mangelnder Kandidatinnen-Auswahl. Oft werden die Frauen einfach nicht gewählt. Warum?


Zum einen liegt es daran, dass Frauen im öffentlichen Leben immer noch nicht so offensiv auftreten – zum Beispiel als Vereinsvorsitzende – und deshalb auch nicht so bekannt sind. Außerdem gibt es noch das Vorurteil, dass Frauen zu wenig Kompetenz und das Durchsetzungsvermögen hätten und ihnen ein politisches Amt deshalb nicht zutrauen sei – Männer scheinen aufgrund ihres Geschlechts per se wählbar zu sein. Politik ist traditionell gerade in ländlichen Gebieten immer noch männlich dominiert. Deshalb fehlen weibliche Vorbilder in der kommunalen Politik. Und viele wählen ,risiko-arm’: Sie setzen auf Bewährtes und experimentieren kaum mit ihrer Wahlstimme.

Ich habe mir angewöhnt, bei jeder Wahl nur Frauen zu wählen – in der Hoffnung, dass die politischen Gremien mit Frauen und Männern gleichermaßen besetzt sind.

Sind Männer die besseren Kommunalpolitiker?

Eigentlich sollte die Geschlechterfrage in der Politik keine Rolle spielen. Aber es wäre gerechter, wenn mehr Frauen Politik mitgestalten würden. Männer in politischen Ämtern sind nicht besser oder schlechter als Frauen – sie machen Politik auf ihre Weise, und Frauen auch. Gerade deshalb muss eine paritätische Besetzung der Gremien das Ziel aller Parteien sein.

zur Person

  • Kommunalpolitik:

    Die Ihrlersteinerin ist in ihrem Heimatort seit 2008 als Gemeinderätin ehrenamtlich tätig: Für die Fraktion der Freien Wähler gehört die 61-Jährige nunmehr in der zweiten Wahlperiode dem Kommunalparlament an und ist auch Sprecherin ihrer Fraktion. Bei der nächsten Kommunalwahl kandidiert Gabi Schmid erneut. Die Wahl findet bayernweit am 15. März 2020 statt.

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