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Gedenkweg

Frieden schließen mit dem Ort des Todes

Für Jakob Haiblum (91) geht ein Herzenswunsch in Erfüllung: Ein Gedenkweg erinnert jetzt an das Grauen im KZ-Außenlager Saal.
Von Martina Hutzler

Lange hat sich Jakob Haiblum (re.) eingesetzt, dass die Erinnerung an das  Grauen im KZ-Außenlager Saal wach bleibt. Die Einweihung des Gedenkwegs war für ihn und Bürgermeister Nerb bewegend.
Lange hat sich Jakob Haiblum (re.) eingesetzt, dass die Erinnerung an das Grauen im KZ-Außenlager Saal wach bleibt. Die Einweihung des Gedenkwegs war für ihn und Bürgermeister Nerb bewegend. Foto: Hutzler

Saal.Braucht es 70 Jahre nach Ende der NS-Schreckensherrschaft noch neue Gedenkstätten für Hitlers Opfer? Eine Antwort auf diese Frage findet Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, wenn er dieser Tage neue Schreckensnachrichten liest: Ja, es braucht die Erinnerung an den Terror von einst, „denn davor habe ich Angst: dass wieder Menschen an die Macht kommen, die Andere vernichten wollen. Extremismus ist Gift für die Welt, ob links, rechts oder religiös motiviert!“

Wer wüsste das besser als Jakob Haiblum, Ehrengast einer Feierstunde am Dienstag am Saaler Ringberg: Der 91-Jährige hat den Terror des Nazi-Regimes am eigenen Leib erfahren, weil er Jude war. Wie er sind mehr als 700 Häftlinge ab November 1944 vom Konzentrationslager Flossenbürg nach Saal verfrachtet worden. Hungernd, frierend und zu Tode erschöpft mussten sie an Hitlers vermeintlicher „Geheimwaffe“ Me262 schuften, mit der der Diktator bis zuletzt an seinem Wahn vom „Endsieg“ festhielt. Diesen Häftlingen des einstigen „Außenlagers Saal“ ist ein „Gedenkweg“ mit sechs Informationstafeln gewidmet, der jetzt feierlich eingeweiht wurde.

„Hierher hab’ ich Leichen schleppen müssen“, sagt Jakob Haiblum, und es lässt sich heute nur ahnen, welche Bilder er in dem Moment vor Augen hat. Hier, am Waldrand zu Füßen des Ringbergs, hatte die SS aus Beton und Bahnschienen eine Verbrennungsstätte zusammengestückelt – für täglich mehr Tote aus dem Lager, das ein paar Dutzend Meter weiter hastig aus dem Boden gestampft worden war. Eine friedliche Idylle ist es heute. Genau das war einer der Gründe für den Gedenkweg.

Denn es darf doch nicht sein, dass über dieses dunkle Kapitel in der Saaler Geschichte buchstäblich Gras wachst – dachten sich vor Jahren einige Saaler. Und so errichtete die Katholische Junge Gemeinde (KJG) im Jahr 2000 erste Info-Tafeln; ein Jahr später erforschte Birgit Eisenmann für ihre Zulassungsarbeit die Geschichte des Außenlagers. Dabei lernte sie auch Jakob Haiblum kennen und hat seither mehrere Besuche des Israeli in Deutschland organisiert.

Der damaligen KJG-Leiterin Michaela Mader-Hampp und der jetzigen Lehrerin Eisenmann dankte deshalb Saals Bürgermeister Christian Nerb ebenso wie denen, die jetzt dafür gesorgt haben, dass die mittlerweile morsch gewordenen Infotafeln durch solide neue ersetzt wurden, die auch das seither hinzugewonnene Wissen um das Lager wiedergeben.

Die Weg-Bereiter

  • Initiative

    Die Erinnerung an das Grauen wach halten – das war im Jahr 2000 die Motivation von Michaela Mader-Hampp. Mit der Katholischen Jungen Gemeinde organisierte sie deshalb eine „72-Stunden-Aktion“, bei der an fünf Stationen Infotafeln zum KZ-Außenlager aufgestellt wurden.

  • Forschung

    Für ihre Zulassungsarbeit hat sich die gebürtige Saalerin Birgit Eisenmann ins Archiv- und Aktenstudium hineinvertieft. Einer ihrer Ansprechpartner dabei war Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Die beiden knüpften und pflegen bis heute den Kontakt zur Familie Haiblum.

  • Ausführung

    Um die verwitterten Infotafeln durch neue, stabile und vor allem aktuelle Tafeln zu ersetzen, tat sich die Gemeinde Saal mit der Stiftung Bayerische Gedenkstätten / KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zusammen. Das Tafel-System stammt vom Nürnberger Architekten Christian Koch. (hu)

Dafür dankte Nerb dem Arbeitskreis Heimatgeschichte um Sylvia Kühnl-Ashta, dem Ringberg-Erforscher Peter Schmoll, dem Lehrer Wolfgang Melchior, der mit seinen Gymnasiasten eine Projektarbeit zum Außenlager durchführte, sowie der Stiftung Bayerische Gedenkstätten / KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Sie hat mit der Gemeinde zusammen letztlich den Weg errichtet, für den unter anderem der Forstbetrieb Kelheim Flächen herrichtete.

Auf einer verleiht jetzt neben der Tafel, die an die Leichenverbrennung erinnert, ein vom Kalkwerk gestifteter weißer Steinblock dem Ort ruhige Würde.

Diese Würde des Orts hob Stiftungsdirektor Karl Freller hervor, wie auch die würdevolle Feier, umrahmt von der Bläsergruppe Poschenrieder und der Didgeridoo-Gruppe von Rolf Bach. „Das spricht Bände“, dankte Freller dem Bürgermeister und den rund 50 Anwesenden: Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und auch interessierte Saaler.

Rund 50 Gäste nahmen an der Feier am Saaler Ringberg teil.
Rund 50 Gäste nahmen an der Feier am Saaler Ringberg teil. Foto: Hutzler

Wie Nerb zollte Freller aber zuvorderst Jakob Haiblum größten Respekt dafür, „dass Sie überhaupt wieder hierher zurückkehren, an den Ort größter Qualen, und uns die Hand reichen.“

Lange hat sich Jakob Haiblum (re.) eingesetzt, dass die Erinnerung an das  Grauen im KZ-Außenlager Saal wach bleibt. Die Einweihung des Gedenkwegs war für ihn und Bürgermeister Nerb bewegend.
Lange hat sich Jakob Haiblum (re.) eingesetzt, dass die Erinnerung an das Grauen im KZ-Außenlager Saal wach bleibt. Die Einweihung des Gedenkwegs war für ihn und Bürgermeister Nerb bewegend. Foto: Hutzler

Nach dem Krieg seien die Außenlager lange kaum beachtet worden. Während des Kriegs indes „hat man schon mehr mitbekommen, als das in der Nachkriegsgeschichte dargestellt wurde“. Aber er wolle nicht urteilen, so Freller – „man weiß nie, wie man sich selbst verhalten hätte…“

Heute jedenfalls kann jeder wissen: Sechs Tafeln informieren über das Außenlager (am Saaler Bahnhof), über das „Geheimprojekt Ring-Me“ (Stollenzugänge an der Teugner Straße), das Lager-Elend und die Leichenverbrennung (drei Tafeln entlang des Forstwegs am Ringberg) sowie die KZ-Grab- und Gedenkstätte (am Waldfriedhof Saal). Wichtig sei die Beschriftung auch in Englisch, sagte Ulrich Fritz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung: Aus vielen Ländern besuchen Angehörige ehemaliger Häftlinge solche Gedenkstätten.

Ulrich Fritz stellte die Konzeption des Gedenkwegs vor.
Ulrich Fritz stellte die Konzeption des Gedenkwegs vor. Foto: Hutzler

Dazu gehört auch Chaim Haiblum. Er hat seinen Vater, den einstigen „Häftling A-19144“, wieder auf der Reise von Israel nach Saal begleitet, hob Dr. Jörg Skriebeleit hervor, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Als er vor Jahren erste Kontakte zu den Haiblums in Israel knüpfte, „wollte Chaim nie nach Deutschland kommen. Jetzt ist er fast jedes Jahr da – man sieht, was wir verändern können“, so Skriebeleit: „Das möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben.“

Die Didgeridoo-Gruppe von Rolf Bach setzte den Schlusspunkt hinter die Veranstaltung.
Die Didgeridoo-Gruppe von Rolf Bach setzte den Schlusspunkt hinter die Veranstaltung. Foto: Hutzler

Ein Gespräch mit Jakob Haiblum lesen Sie morgen hier auf unserer Website!

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