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Natur

Frust und Freude über Bienen

Wildbienen erobern in Massen eine Mauer in Painten und begeistern Naturfreunde. Aber sonst verstummt das Brummen allerorten.
Von Martina Hutzler

Viele Wildbienen-Arten, wie diese „Blaue Ehrenpreis-Sandbiene“ sind auf bestimmte Futterpflanzen spezialisiert. Foto: Scheuchl
Viele Wildbienen-Arten, wie diese „Blaue Ehrenpreis-Sandbiene“ sind auf bestimmte Futterpflanzen spezialisiert. Foto: Scheuchl

Painten.Als Veranstaltungsort sind die Paintner „Rathaus-Arkaden“ zwar gebaut worden. Aber an so ein Konzert haben die Planer damals wohl nicht gedacht, als sie die alte Bruchstein-Mauer des früheren Lögl-Anwesens wieder instand setzen ließen: Hunderte, wenn nicht gar an die Tausend Wildbienen haben summend die zahllosen Ritzen und Fugen, gefüllt mit lockerem sandigen Putz, als idealen Brutplatz ausgemacht. Und bevölkern seit April als kinderreiche Untermieter die etwa zehn Meter lange und drei Meter hohe Mauer hinter dem Paintner Rathaus.

Hinter dem Paintner Rathaus brummt es!

Paintens „lebende Mauer“

Für Fachleute wie den Wildbienen-Spezialisten Erwin Scheuchl eine bayernweite Sensation – aber eben eine rühmliche Ausnahme, erklärt der Wildbienen-Experte, der auch den Kreis Kelheim ab und an erkundet: „Insgesamt ist die Situation katastrophal“, fasst der Ergoldinger frustriert den Artenschwund zusammen.

Brüten und brüten lassen

In Painten ist es die „Frühlings-Pelzbiene“, die das Rathaus-“Baugebiet“ noch bis etwa Juni als Kinderstube nutzt. Das berichtet Robert Hierlmeier vom Landschaftspflegeverband Kelheim VöF, der sich die Kolonie angeschaut hat. Im Gefolge der Pelzbiene dürfte sich auch deren „Kuckucks“-Art eingeschlichen haben, vermutet er. Wie bei Vögeln, gibt es auch Insekten Arten, die das mühsame Brutgeschäft outsourcen und ihre Eier unaufmerksamen Vertretern einer anderen Art unterjubeln. Die Trauerbiene etwa sucht bei Pelzbienen nach Adoptiveltern.

Überall in den Ritzen und Fugen der Bruchstein-Mauer wohnen die Pelzbienen. Foto: Hutzler
Überall in den Ritzen und Fugen der Bruchstein-Mauer wohnen die Pelzbienen. Foto: Hutzler

Beide gemeinsam und alle anderen Arten von Bienen (und sonstigen Insekten) sind auf zweierlei angewiesen: dass sie Brutplätze wie in den „Arkaden“ finden, und in erreichbarer Nähe was Gesundes zu futtern. Doch an beidem mangelt es inzwischen so sehr, dass sich das selbst auf Biotope dramatisch auswirkt. „Ich hab neulich anderthalb Stunden eine ein Hektar große Blühfläche abgesucht – eine einzige Hummel!“ Gespenstisch sei das gewesen, sagt Erwin Scheuchl. Ähnliches beklagen Forscher und Naturfreunde mittlerweile bayernweit; die ÖDP hat deshalb unlängst sogar ein Volksbegehren „Rettet die Bienen! angekündigt.

Erwin Scheuchl Foto: Caterina Rancho
Erwin Scheuchl Foto: Caterina Rancho

Ähnliches kann Robert Hierlmeier aus den Binnendünen bei Siegenburg und Offenstetten bestätigen: In diesem wohlgehegten Naturschutzgebiet setzt sich der Schwund gerade bei Bienenarten fort, zeige eine neue Erhebung der Uni Regensburg im Vergleich mit einer aus den 1990er-Jahren. Durch das stellenweise Entfernen des Oberbodens („Plaggen“) in den Dünengebieten – früher eine landwirtschaftliche Nutzung, heute Biotoppflege – können dort zwar wieder bodenbewohnende Bienen nisten, berichtet der Biologe. Aber das Schutzgebiet selbst ist zu klein, um viel Blütennahrung zu bieten – und rings herum finden Insekten zu wenig, vermutet Hierlmeier als Ursache für die insgesamt trotzdem negative Arten-Bilanz.

Viele Wildbienen-Arten, wie diese „Blaue Ehrenpreis-Sandbiene“ sind auf bestimmte Futterpflanzen spezialisiert. Foto: Scheuchl
Viele Wildbienen-Arten, wie diese „Blaue Ehrenpreis-Sandbiene“ sind auf bestimmte Futterpflanzen spezialisiert. Foto: Scheuchl

Vielerorts kommt hinzu, dass die wenige Nahrung, die Bienen in der Agrarlandschaft finden, tödlich ist. Niederbayern-weit stellte Erwin Scheuchl etwa 2009 einen „totalen Knick“ im Wildbienen-Bestand fest, „seither geht es ganz steil bergab“. Zeitgleich begann der Boom einer bestimmten Kategorie an Schädlingsbekämpfungsmitteln: „Neonicotinoide“. Für Scheuchl ein starkes Indiz für die fatale Wirkung der „Neonics“. Erwiesen ist, dass sie Bienen unfruchtbar machen, lähmen und sogar töten können. Daher hat jetzt die EU drei gängige Wirkstoffe aus dieser Gruppe für Freiland-Einsätze verboten.

Aber Erwin Scheuchl kennt genug andere Gefahren für die heimischen Brummer. „In Gewächshäuser werden, zum Beispiel zur Tomatenbestäubung, Hummelvölker gehalten, die von sonstwoher stammen“ – und womöglich gefährliche Trojaner freisetzen, wenn sie mal ausbüxen: In den USA sei bereits ein Import-Virus bekannt, das dann auch heimische Hummeln befiel. „Bei uns gibt es solche Untersuchungen noch gar nicht.“

Klimaerwärmung birgt Gefahren

Auch die Klima-Erwärmung kann Wildbienen und anderen Insekten – obwohl wärmeliebend – schaden, warnt Scheuchl: In den immer milderen Wintern ist der Boden nass statt gefroren. Das fördert Parasiten, die im Boden überwinternde Insekten befallen. Und in den immer häufigeren Trockenphasen im Sommer drosseln Pflanzen ihre Nektar-Produktion: nichts zu holen für Biene, Hummel & Co: „Das sieht man daran, dass sie ganz schnell von Blüte zu Blüte wechseln.“

„Ein ganz schlimmes Problem ist auch die Überdüngung“, so Scheuchl weiter. Allein, was der Verkehr als Stickoxide in die Luft bläst und Regen und Wind dann auch bis in abgelegene Biotope treibt, reicht aus, um Blüten-Vielfalt in fette Grasflächen zu verwandeln, wo höchstens noch Löwenzahn und Brennnessel gedeihen.

Angesichts all dessen kehrt der Ergoldinger Bienenkundler immer öfter gefrustet von seinen Streifzügen zurück. Zum Glück, ergänzt er, gebe es dann doch ab und an noch Lichtblicke. Zum Beispiel das prächtige Paintner Mauerbienenvolk.

Von Menschen und Bienen

  • Experte:

    Erwin Scheuchl ist seit Kindheit Insekten-Fan. Der Grafikdesigner hat die Wildbienen-Forschung erst zum Hobby, jetzt zum Beruf gemacht: als Autor, Gutachter, Bestimmungsexperte. Spezialisiert hat er sich auf die Gruppe der Sandbienen. Von der gibt es, im Raum Regensburg - Bad Abbach, eine vom Aussterben bedrohte Art: die Regensburger Sandbiene. Sie braucht den Regensburger Geißklee als Futter.

  • Kultur-Bienen:

    „Bayernweit einmalig“ ist laut Erwin Scheuchl das Massenauftreten der Frühlings-Pelzbiene in Paintens Rathaus-Arkaden. Es bescherte jüngst ein ungewöhnliches Konzert: Den Gesang der „Kalkspatzen“-Jugendchöre unterlegte das Brummen der heimkehrenden Bienen. Dank Plakaten, die „Kalkspatzen“-Chef Wutz aufhängen ließ, waren die Zuhörer unbesorgt – die Bienen dem Anschein nach auch. (hu)

Mittels Plakaten wurden Besucher der Rathaus-Arkaden aufgeklärt, dass die brummenden Gäste harmlos sind. Foto: Hutzler
Mittels Plakaten wurden Besucher der Rathaus-Arkaden aufgeklärt, dass die brummenden Gäste harmlos sind. Foto: Hutzler

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