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Region Kelheim
Samstag, 18. August 2018 31° 3

Minigolf

Für jede Bahn der passende Ball

Minigolf, ein Sport für Könner. Benjamin Neumaier misst sich mit Profis – und sie erzählen über den Sinkflug ihres Sports.
von Benjamin Neumaier

Jede Bahn in Kelheim hat ihre Eigenheiten. Mit den Tipps der Profis, ist aber jede sehr gut zu meistern. Foto: Heike S. Heindl
Jede Bahn in Kelheim hat ihre Eigenheiten. Mit den Tipps der Profis, ist aber jede sehr gut zu meistern. Foto: Heike S. Heindl

Kelheim.Aus Sekunden werden scheinbar Stunden. Quälend langsam prallt der Ball von der Bande ab, beschreibt einen leichten Bogen um die aufrecht stehende Granitsteinplatte, rollt am Loch vorbei, scheint auf dem grauen, von kleinen Steinen durchsetzten Betonuntergrund beinahe stehen zu bleiben – und plumpst dann mit einem leisen „Pling“ doch noch ins Loch. Ich kann es nicht fassen. Ich habe im ersten Anlauf den Trickschuss gepackt. Aus durchschnittlichen drei werden plötzlich doch gute zwei Schläge auf Bahn 2. Ich reiße die Hände in die Luft. Die Bundesligaspieler nicken anerkennend. Ich bin euphorisiert, könnte die Welt umarmen. Es ist mein Moment des Tages, ich schwebe auf Wolke sieben – doch nur ein paar Minuten später werde ich wieder unsanft landen.

Video: Heike S. Heindl

„Minigolf hat jeder schon einmal gespielt“, sagt Franz Haubner, Vorsitzender des 1. Minigolfclubs Kelheim e. V. (1. NMC) „80 Prozent der Publikumsspieler, die zu uns kommen, erzählen, dass sie im Urlaub schon mal gespielt hätten. Das ist der Klassiker.“ Publikumsspieler. So nennt der erfahrene Minigolfer den, der einmal im Jahr auf die Minigolfbahn geht und den Schläger schwingt. Allerdings hört Franz Haubner den Klassiker des Publikumsspielers in den vergangenen Jahren immer seltener. „Die Leute interessieren sich immer weniger für Minigolf, sagt er. Woran das liege, könne er nur schätzen: „Minigolf ist nicht körperbetont, es geht nicht direkt Mann gegen Mann, die Action fehlt. Unser Sport ist wenig publikumsträchtig – das strahlt dann scheinbar auch auf das Freizeitverhalten ab“. Doch nicht nur die Besucherzahlen der Anlage hinter dem Kelheimer Keldorado sind rückläufig, besonders der Verein leidet. In den goldenen 80er Jahren blühte die Anlage, die Leute standen Schlange, um zu spielen, der Verein brummte. 150 Mitglieder hatte der 1. NMC seinerzeit, nun sind es noch etwas mehr als die Hälfte davon. Statt einst fünf Jugend- oder Juniorenteams gibt es keines mehr, genau ein Spieler ist von den erfolgreichen Nachwuchskräften übrig geblieben. Sämtliche Aktionen, Nachwuchs zu gewinnen – sei es am Tag des Sports in Kelheim, an Projekttagen an Schulen, Flyeraktionen oder Freikarten – liefen ins Leere. 24 Jahre spielte man Bundes- und Zweite Liga - nach der Saison 2017 wurde die Mannschaft wegen Spielermangels abgemeldet. Doch jammern wollen sie eigentlich nicht beim 1. NMC, „sondern hoffen, dass wieder andere, bessere Zeiten kommen“.

Vier Schläge bis es „pling“ macht

Auf die hoffe auch ich. Zwar habe ich an Bahn 8 das Hindernis auf den ersten Schlag überwunden, doch das Loch liegt in einem Kegel. Zweimal hüpft mir der Ball raus, bis es – mit Tipps von Bernhard Lindner – endlich „pling“ macht. Geschafft. Vier Schläge. Erde, Du hast mich wieder.

Höhenflüge hatte Bernhard Lindner nie, „denn Selbstüberschätzung ist beim Minigolf – wie auch bei anderen Sportarten – der Anfang vom Ende“, sagt er. Zwei Weitere Kardinalsfehler gebe es: Einerseits mit Kraft statt Technik zu spielen und zu schnell zu viel zu wollen. „Es bringt nichts, sich gleich zu Anfang mit der besten Ausrüstung oder mit zig unterschiedlichen Bällen einzudecken. Ein Schläger, fünf Bälle – wenn man das im Griff hat, dann kann man weitersehen“, sagt der langjährige Bundes- und Zweitligaspieler.

Ein Leistungs-Minigolfer hat Hunderte unterschiedliche Bälle – den passenden für jede Bahn. Foto: Heike S. Heindl
Ein Leistungs-Minigolfer hat Hunderte unterschiedliche Bälle – den passenden für jede Bahn. Foto: Heike S. Heindl

Die Ballauswahl ist eine Wissenschaft für sich. Einer der tischtennisballgroßen Gummibälle ist hart wie eine Billardkugel und glänzt rot in der Sonne. Einanderer schimmert mattgrün, ist weich wie ein Flummi und lässt sich mit den Fingern zusammendrücken. „Der bandet stark ab. Der frisst sich regelrecht fest“, sagt Experte Uwe Grimme, wie Lindner ehemaliger Bundesligaspieler. Seit 37 Jahren bereits betreibt Lindner sein Hobby als Leistungssport. Auf der Kelheimer Anlage kennt er zu jeder Bahn den passenden Ball. Je nach Beschaffenheit der Banden und Hindernisse – und nach Art der Witterung – greift er zu einem anderen Ball. Denn die Temperatur beeinflusse die Festigkeit des Materials und somit auch die Laufeigenschaften, sagt er. „Je wärmer, desto lauffreudiger sei der Ball“, heißt eine Grundregel. Bei Wettkämpfen temperieren die Spieler ihre Bälle. „Es gab früher die Außentasche und die Innentasche des Sportanzugs um den Ball zu erwärmen“, sagt Franz Haubner und fügt mit einem Schmunzeln hinzu. „Musste er noch wärmer sein, kam er in eine Socke. Und ans Gemächt. Heute macht man das mit einem Heizkoffer.“ Mit etwa 50 bis 70 Bällen fährt der Profi zu einem Turnier, wählt im Vorfeld nach Bahnbeschaffenheit – es gibt spezielle Bahnpläne jeder Anlage – und nach Erfahrung aus. „Ein guter Spieler kommt mit rund 400 bis 500 Bällen aus“, sagt Lindner. Er selbst besitzt mehr als 1600.

Bernhard Lindner (l.) erklärt Benjamin Neumaier die Grundlagen. Foto: Heike S. Heindl
Bernhard Lindner (l.) erklärt Benjamin Neumaier die Grundlagen. Foto: Heike S. Heindl

Um die Ballauswahl muss ich mir keine Sorgen machen, die treffen Grimme und Lindner für mich – zusätzlich erhalte ich Tipps, wie ich spielen soll. „Der direkte Weg ist nicht immer der beste“, sagt Lindner und zeigt mir auch gleich, wo der Hammer hängt. Auf Bahn 1 – der ohne Hindernis – brauche ich zwei Schläge. Mein erster, ein gerader Schlag auf das Loch zu – läuft vorbei. Im Nachsetzen loche ich ein. Lindner zentriert den Ball – er spielt knapp an der Bande vorbei. Der Ball pendelt sich mit mehreren Bandenberührungen Richtung Loch ein. Dann fällt er. Lindner grinst.

Kein Glück, sondern Training

Was für Laien nach Glück aussieht, ist kalkuliert und das Ergebnis langen Trainings. Gute Spieler brauchen dabei durchschnittlich 26 bis 28 Schläge für die 18 Bahnen einer Runde. Asse – das heißt, dass der Ball beim ersten Schlag fällt – sind die Regel, Fehlschläge die Ausnahme. Das ist ein Mittel von etwa 1,4 Schlägen pro Bahn. „Ein Bundesligaspieler gibt dem Ball bei 18 Bahnen 16 Chancen, also gute Möglichkeiten, dass er beim ersten Schlag fällt. Ein Hobbyspieler fünf und ein Publikumsspieler mit Glück eine auf einer 18er-Runde“, sagt Lindner.

Beim Weitschlag holt sich der MZ-Reporter ein Ass – er locht beim ersten Schlag ein. Allerdings durfte er vorher ein paar Probeschläge machen. Foto: Heike S. Heindl
Beim Weitschlag holt sich der MZ-Reporter ein Ass – er locht beim ersten Schlag ein. Allerdings durfte er vorher ein paar Probeschläge machen. Foto: Heike S. Heindl

Ein Publikumsspieler. Wie ich. Nach neun Bahnen habe ich 20 Schläge auf dem Zettel stehen, darunter zwei Asse. Ein Mittel von 2,2. Wohlgemerkt mit Unterstützung der Profis. Ich bin ganz zufrieden mit mir. Lindner auch: „Man sieht, dass Du Ballgefühl hast. Echt gut gemacht“, gibt er mir mit auf den Weg. Zum Abschluss will er mir noch ein Ass schenken. Es geht zum Weitschlag. Ich bete mir den Bewegungsablauf vor, ziehe durch – und: Ass. Allerdings durfte ich vorher drei Probeschläge machen.

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Der Besuch beim 1. NMC in Bildern:

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Der Verein in Kürze

  • Bahnengolf:

    Bahnengolf stellt eine kleinere Variante des Golfsports dar. Sie wird nicht auf großen Rasenplätzen, sondern auf befestigten Bahnen gespielt und entspricht im Prinzip dem letzten Schlag auf dem Golfgreen, mit dem der Ball ins Zielloch eingeputtet wird. Es gibt Minigolf, Miniaturgolf, Filzgolf oder Adventuregolf.

  • 1. NMC Kelheim:

    Der Kelheimer Minigolfclub spielt Minigolf auf Betonbahnen, die zwölf Meter lang und exakt 1,25 Meter breit sein müssen. Es gibt 24 genormte Bahnen bzw. Hindernisse, die man sich für seine 18-Loch-Anlage aussuchen kann. Der Verein hat auch eine Miniaturgolfanlage. Dabei bestehen die Bahnen aus Faserzement und sind sechs Meter lang. Der NMC hat zudem eine variabel aufbaubare Indoor-Filzgolfanlage mit zwei Bahnen und 20 Wechselhindernissen.

  • Erfolge:

    Der 1. NMC Kelheim wurde 1962 gegründet und zählt zu den erfolgreichsten Minigolfvereinen in Bayern. Eine Gold- und vier Silbermedaillen bei Europameisterschaften, fünf Gold-, fünf Silber- und sieben Bronzeränge bei deutschen Meisterschaften sowie 216 Podestplätze bei süddeutschen oder bayerischen Meisterschaften in Einzel oder Mannschaft stehen bereits in der Vereinschronik.

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