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Mitgemacht

Für Karate braucht es Koordination

Zwei Stunden erlebt die Autorin die Welt der Kampfkunst beim Karateverein Bad Abbach. Hier schildert sie ihre Erfahrung.
Von Gabi Hueber-Lutz

Bewegungen, so exakt wie ein Klappmesser: Die Arm- und Beintechniken des Karate sind beeindruckend für Zuschauer. Fotos: Heike S. Heindl
Bewegungen, so exakt wie ein Klappmesser: Die Arm- und Beintechniken des Karate sind beeindruckend für Zuschauer. Fotos: Heike S. Heindl

Bad Abbach.Montag, 18 Uhr, Umkleide Grundschul-Turnhalle. Normalerweise ziehe ich jetzt meine Sportschuhe an und gehe zur Gymnastik – Bauch, Beine, Po und so. An diesem Montag bleiben die Schuhe im Rucksack und ich nehme die Tür in die andere der beiden Turnhallen. Denn heute gehe ich zum Karate, und da ist man barfuß. Mehrere Männer und Frauen sind schon da. Sie tragen ihre weißen Anzüge und farbigen Gürtel. Der Jüngste in der Runde ist ein Schwarzgurt. Tobias Ameismeier ist 26 Jahre alt und blickt schon auf eine reichhaltige Karate-Erfahrung zurück. Er trainiert heute die erwachsenen Anfänger, die hier seit einiger Zeit diesem Sport huldigen. Sehr zur Freude von Helmut Körber, dem Sensei des Karatevereins. Denn Körber wird nicht müde zu betonen, wie wertvoll das Karatetraining gerade auch für ältere Menschen ist. Dann bin ich da mit meinen 62 Jahren ja gut aufgehoben. Ein bisschen skeptisch bin ich allerdings schon, weil ich heute die einzige echte Anfängerin in der Gruppe bin. Und das wird sich später auch zeigen. Doch zunächst begrüßt man sich. Die kurze, knappe Verbeugung gehört dazu. In ihr drückt sich die zugrundeliegende Philosophie dieses Sports aus. Respekt, auch vor dem Gegner, ist die Basis.

Beim Aufwärmen ist das Karatetraining noch ganz einfach. Fotos: Heike S. Heindl
Beim Aufwärmen ist das Karatetraining noch ganz einfach. Fotos: Heike S. Heindl

Philosophische Überlegungen sind mir aber grad recht fern. Meine Gedanken gehen in eine andere Richtung: Hoffentlich blamiere ich mich nicht übermäßig. Doch es beginnt ganz locker mit dem Aufwärmen. Das kann ich, da ist der Unterschied zu Bauch-Beine-Po ein Stockwerk höher nicht groß. Dann fängt das echte Karate an. Tobias erklärt kurz die japanische Begrifflichkeit, die mit der Einteilung des Körpers in oben, Mitte, unten zu tun hat. Die einzelnen Bewegungsabläufe haben das entsprechende Wort in ihren Namen. Das ist alles sehr einsichtig und logisch, merken kann ich mir nichts davon. Aber egal, Tobias macht ja alles spiegelbildlich vor. Steht er nicht vor mir, klammern sich meine Augen an meinem Nachbarn fest. Zunächst klappt das ganz gut. Wobei „gut“ natürlich relativ ist. Für einen versierten Karatekämpfer sind meine Ausführungen sicher schlampig und voller Fehler. Aber zumindest stimmt der Bewegungsablauf. Auch mit der zweiten Übung geht es mir ähnlich. Sie ist machbar. Erst bei der dritten Übung beginnen die Probleme. Da sind Arme und Beine gleichzeitig beteiligt, sie hat zwei Abschnitte und die Arme kreuzen sich auch noch.

Unser Video nimmt Sie mit in eine Trainingsstunde beim Karateverein Bad Abbach:

Karate: Eine Kampfkunst zwischen Sport und Meditat

Kopf ausschalten

Zu viel für meinen Kopf. Da herrscht jetzt Durcheinander und plötzlich sind auch rechts und links, vorne und hinten unbekannte Vokabeln. Tobias hat eine Engelsgeduld und auch meine Nebenmänner geben mir ein gutes Beispiel. Nach einigen Bahnen rauf und runter schalte ich den Kopf aus und versuche die Bewegungen meiner Mitstreiter einfach nachzuempfinden. Der Durchbruch ist das nicht, aber ein bisschen besser geht es. Normalerweise lernt man das langsamer, beruhigt mich Tobias, schenkt mir fünf Minuten Pause und macht mit der Stammmannschaft andere Übungen. Danach bin ich wieder mehr oder wenig verwirrt mit dabei und der Gedanke kommt mir, dass es schon schön wäre, wenn ich das können würde.

Der Bad Abbacher Karate Verein hat über 40 Schwarzgurt-Träger. Sensei Helmut Körber ist Träger des 7. Dans. Fotos: Heike S. Heindl
Der Bad Abbacher Karate Verein hat über 40 Schwarzgurt-Träger. Sensei Helmut Körber ist Träger des 7. Dans. Fotos: Heike S. Heindl

Zweite Stunde: Jetzt wird`s hochkarätig. Helmut Körber, der Chef des Karatevereins und Träger des siebten Dans, trainiert die Fortgeschrittenen. Es wimmelt von Schwarzgurten. Armin Kolb, der Sportphysiotherapeut des Deutschen Karate Verbandes ist seit vielen Jahren Mitglied des Vereins und hält das Aufwärmtraining. Das klappt wieder gut, konditionell habe ich kein Problem. Bauch-Beine-Po und Hometrainer sei Dank. Ich verzichte lediglich auf eine Übung, bei der ich meinen Partner auf den Rücken nehmen und durchstrecken soll. Er wiegt 20 Kilo mehr als ich und das traue ich mir nicht zu. Er ist auch nicht böse, dass ich bei dieser Übung passe.

Klicken Sie sich hier durch eine Bildergalerie von der Trainingsstunde:

Eine MZ-Autorin beim Karatetraining

Dann übernimmt Helmut Körber, lässt immer wieder ein wenig von der Philosophie des Karate in die Anweisungen einfließen, spricht vom Einfluss dieses Sports auf die ganze Lebensführung. Das Training beginnt. Hände und Füße meiner Mitstreiter klappen wie Messer vor und zurück. Körber geht durch die Reihen, lobt zwischendurch: „schön Tobias“, „wunderbar Susanne“ oder korrigiert Hand- und Fußhaltungen. Die Kommandos kommen so exakt wie die Ausführung bei meinen weiß gekleideten Kollegen.

Interview

Karate ist ein Sport fürs Leben

Wolfgang Weigert ist der Vizepräsident des Weltverbandes. Für ihn geht 2020 bei Olympia ein Traum in Erfüllung.

Mitgemacht – so heißt die Serie der Kelheimer Lokalredaktion der Mittelbayerischen Zeitung, bei der Redakteure Sportarten testen und Vereine aus der Region vorstellen. Hier geht es zu den anderen Serienteilen.


Das Problem mit der Koordination

„Wir nehmen das andere links!“

Helmut Körber, Vereinsvorsitzender

Auch bei mir bleibt Körber stehen, verändert die Haltung meiner Hand und sagt dann mit väterlicher Stimme „ist ok“. Es dauert nicht lange und mich erwischt wieder die links-rechts Geschichte. Am Ende der Übung stehe ich ganz anders da als die anderen. Ich wechsle die Arme und Beine schnell hin und her, orientiere mich wieder an meinem Gegenüber. Bis der mich lächelnd darauf aufmerksam macht, dass ich spiegelverkehrt denken muss. Auch Helmut Körber bekommt mein Dilemma mit und tut einen Spruch, den auch die anderen Karateka offensichtlich kennen: „Wir nehmen das andere links!“

Bei den Schaukämpfen gibt es kaum ein Verletzungsrisiko. Fotos: Heike S. Heindl
Bei den Schaukämpfen gibt es kaum ein Verletzungsrisiko. Fotos: Heike S. Heindl

Ich bin recht froh, als er eine Pause ankündigt. Zumindest für mich. Denn nun führen die versierten Karatekämpfer einzeln und in Gruppen Schaukämpfe vor. Oberstes Gebot dabei ist es, den Trainingspartner nicht wirklich zu berühren, die Bewegung immer kurz vor dem Körper des anderen abzustoppen. Nein, sagen sie auf meine Frage hin, das Verletzungsrisiko ist quasi nicht gegeben „Ich darf es gar nicht verschreien“, wirft Körber ein, „aber unsere Unfallhäufigkeit liegt bei null Prozent.“ Die Disziplin ist mit Händen zu greifen, dabei sieht es so aus, als könnte jeder der Karatekämpfer einen anderen mühelos von den Beinen fegen.

Zur Ruhe zu kommen gehört beim Karatetraining genauso dazu wie das richtige Aufwärmen. Fotos: Heike S. Heindl
Zur Ruhe zu kommen gehört beim Karatetraining genauso dazu wie das richtige Aufwärmen. Fotos: Heike S. Heindl

Aber Karate, das hat für Sensei Körber nicht den Zweck andere zu besiegen. Karate zielt für ihn ganz klar auf die eigene Persönlichkeit und deren Entwicklung. Motivationshilfe wirklich die ganze Kraft in die Bewegungen zu legen, gibt es aber schon: „Stellt euch vor 90 Kilo schwer, unsympathisch ...“ Als Erster bei den Schaukämpfen ist Alexander mit seinem Partner dran. Er ist seit 25 Jahren in dem Verein und hat eine geistige Behinderung. Trotzdem hat er es bis zum zweiten Dan geschafft. Karate ist ein wichtiger Bestandteil in seinem Leben, er versäumt kein Training und er ist ganz selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft der Karatekas.

Lesen Sie hier einen weiteren Teil der Serie „Mitgemacht“: Ohne Theorie geht beim Segelfliegen nichts. Fluglehrer Till Fiel vom FSV Kelheim ließ Beate Weigert trotzdem kurz ans Steuer.

Die Kraft des Karate

„Wir sind eine Familie, wo sich jeder wohlfühlen kann.“

Helmut Körber, Vereinsvorsitzender

Auch das passt zur Philosophie des Bad Abbacher Vereinsgründers. Karate ist ein Sport für jeden. Jung und Alt, mit Handicap und ohne. Um das zu zeigen, nimmt er an Studien mit der Universität Regensburg teil. Die Kraft des Karate zu belegen, ist ihm wichtig. Die einzelnen Gruppen kündigen nun an, was sie machen, alles mit den spezifischen Ausdrücken, führen ihre Übungen in Zeitlupe vor und erst dann geht es im normalen Tempo zur Sache. Teilweise könnten sie einen Preis für Synchronität dafür gewinnen, so exakt sieht das alles aus. Es ist einfach nur beeindruckend. Und am Ende das kraftvolle Kiai. Die Turnhalle bebt. Zum Abschluss darf ich auch nochmal mitmachen. Links und rechts ist nicht mehr so wichtig. Auch ich stoße am Ende diesen Schrei aus. Es fühlt sich an, als wäre ich einen Zentimeter größer geworden.

Lesen Sie im nächsten Serienteil:

Motorrad-Geländesport ist der Schwerpunkt des Motorsport-Clubs Saal. Die Kombination aus Kraft, Geschicklichkeit und Technik kennzeichnet diese faszinierende Sportart. Auf dem Trainingsgelände der Biker nahe der B 16 hat sich MZ-Reporter Dietmar Krenz mit einem 60 PS starken Zweirad auf die staubtrockene Piste gewagt.

Mehr Geschichten aus dem Landkreis Kelheim lesen Sie hier.

Der Verein in Kürze

  • Hochkarätig:

    Karate Verein Bad Abbach Bushin-Kan wurde 1990 von Helmut Körber gegründet. Er ist seither auch sein Vorsitzender. Bushin-Kan bedeutet „seinen Weg gehen und vorankommen“. Derzeit hat der Verein 135 Mitglieder, davon sind über 40 Schwarzgurt-Träger, darunter sieben Frauen. Vom ersten bis zum sechsten Dan sind alle Stufen vertreten. Körber selbst hat den siebten Dan.

  • Zielgruppen:

    In dem Verein trainieren Kinder und Erwachsene, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung. Bei einer Studie der Universität Regensburg wurde wissenschaftlich bewiesen, dass Karate in hohem Maße die körperliche Leistungsfähigkeit steigert und sich positiv auf das emotionale Wohlbefinden auswirkt. Bei einer weiteren Universitäts-Studie wurde aufgezeigt, dass Karate bei Parkinsonpatienten die kognitiven Leistungen und das Wohlbefinden signifikant steigerte. An beiden Studien haben Trainer des Bad Abbacher Vereins mitgewirkt.

  • Neuer Kurs:

    Am Montag, 1. Oktober beginnt um 18 Uhr ein neuer Kurs für Best Ager und Interessierte. Er findet im Gymnastikraum der Grundschule Bad Abbach statt. Einfach vorbeikommen, oder vorab anmelden unter www.info-karate-badabbach.de. (lhl)

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