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Baukultur

Fürs Hier und Heute – und für morgen

Innerorte sterben, Baugebiete sprießen? Architekt Wolfgang Rossbauer und Denkmalschützer Reinhold Niedermeier suchen Auswege.
Von Martina Hutzler

Ein Blick von oben auf die Kelheimer Altstadt: „Die Historie ist kein Feind, sondern Quelle der Inspiration“, findet Architekt Wolfgang Rossbauer. Foto: Dr. Satzl
Ein Blick von oben auf die Kelheimer Altstadt: „Die Historie ist kein Feind, sondern Quelle der Inspiration“, findet Architekt Wolfgang Rossbauer. Foto: Dr. Satzl

Kelheim.Handwerker oder eine Baufirma finden – gar nicht so einfach in diesen Tagen, in denen der Wohnungsbau floriert. Aber bauen wir wirklich, was wir in Zukunft brauchen? Und was passiert derweil mit dem historischen und dem neuzeitlichen Bestand in unseren Städten und Dörfern? Leider selten das Richtige, finden Reinhold Niedermeier von der Unteren Denkmalschutz-Behörde am Landratsamt und Wolfgang Rossbauer, Schweizer Architekt mit Biburger Wurzeln. Aber ihnen fallen im Redaktionsgespräch auch positive Beispiele und Ansätze ein.

Gesprächspartner

  • Reinhold Niedermeier:

    Der Verwaltungsangestellte ist seit fast 45 Jahren beim Landkreis und dort seit 18 Jahren an der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises beschäftigt. Diese ist unter anderem für Beratung von Bauherrn und für denkmalrechtliche Genehmigungsbescheide zuständig, wenn jemand an einem Baudenkmal etwas baulich verändern will; voriges Jahr war dies 72 Mal der Fall. Als seine „wohl größte Freude im Bereich des Denkmalschutzes“ im Landkreis Kelheim bezeichnet der 60-Jährige die Instandsetzung von zwei Bauern- und einem Wohnstallhaus in Oberndorf sowie die des Essinger Rathauses – alle Projekte wurden mit der Denkmalschutz-Medaille des Freistaats gewürdigt. „Auch freut mich sehr, dass die Stadt Kelheim nun das so genannte ,Rauchhaus’ am Ludwigsplatz saniert“.

  • Wolfgang Rossbauer:

    Der gebürtige Biburger lebt seit Studienzeiten in der Schweiz, wo er bis 2005 an der ETH Zürich studiert hat. Dort betreibt der Architekt und Stadtplaner ein Architekturbüro mit zehn Angestellten; es arbeitet hauptsächlich für öffentliche Auftraggeber. Außerdem hat er seit 2013 eine Professur an der Hochschule Luzern, wo er Grundlagen des Bauens und der Architektur lehrt. Als seinen Schwerpunkt in Forschung und Lehre nennt er „konstruktive und traditionell-typologische Themen“. Auch in seiner alten Heimat ist Wolfgang Rossbauer noch tätig: Er erforschte die Bautradition der Hallertau und plant hierzu auch Projekte, unter anderem derzeit den „Eckmayerhof“ in Siegenburg. Dort leitet er auch die Lenkungsgruppe zur Neugestaltung des Marienplatzes. (hu)

In den Ortskernen stehen viele Häuser leer, überall schießen Neubaugebiete aus dem Boden – und Wohnungsnot haben wir trotzdem. Was tun?

Rossbauer: Jedenfalls nicht: immer noch mehr Baugebiete ausweisen! Denn die sind immer stur auf die angeblich typische Drei- bis Vier-Personen-Familie konzipiert und haben zu bestehen aus „Einfamilienhaus plus Doppelgarage und Sackstraße“, sprich: aus Landversiegelung und Mono-Funktionalität, aus Bauen ohne Regeln, aus der dauerhaften Notwendigkeit von zwei Autos pro Haus. Aber braucht es künftig solche Einfamilienhaus-Siedlungen noch? Denken Sie an die Digitalisierung: Die wird die Unterscheidung zwischen Wohnen und Arbeiten für viele Menschen womöglich künftig erübrigen! Wir sollten Gebäude mit flexiblen Räumen planen, die fürs Hier und Heute passen – aber auch für das noch unbekannte Morgen.

Niedermeier: Da gebe ich Ihnen völlig recht – nur ist das bei uns im ländlichen Raum noch nicht recht angekommen: Die „Einfamilienhaus-Kultur“ ist bei uns schon noch sehr hoch angesetzt…

Die Kommunen betonen stets, genau das sei gewünscht?!

Rossbauer: Das Argument, „die Bürger wollen das so“, stimmt allenfalls so lange, wie die Leute gut bezahlte Arbeitsplätze haben bei Audi, BMW und Co. Aber auch jetzt gibt es viele Leute, die sich ein Einfamilienhaus gar nicht leisten können.

Wolfgang Rossbauer (li.) und Reinhold Niedermeier im Gespräch Foto: Heike S. Heindl
Wolfgang Rossbauer (li.) und Reinhold Niedermeier im Gespräch Foto: Heike S. Heindl

Niedermeier: Dabei gäbe es genug ältere Bausubstanz, die gegen die aktuelle Wohnungsnot helfen könnte. Aber in Deutschland gilt das als wertloses „Glump“, da sind die Leute kaum mehr bereit, Häuser zum Beispiel aus den 70ern zu sanieren. Die typische Gemeinde heute besteht aus einem dahin vegetierenden Ortskern, aus immer leerer werdenden Siedlungsbereichen der Nachkriegszeit und der 60er und 70er Jahre – und aus immer neuen Siedlungen.

„Für mich ist dieses immer neue Ausweisen von Baugebieten auch ein Ausdruck dafür, dass die verantwortlichen Politiker unbedingt Konflikte vermeiden wollen.“

Wolfgang Rossbauer

Rossbauer: Für mich ist dieses immer neue Ausweisen von Baugebieten auch ein Ausdruck dafür, dass die verantwortlichen Politiker unbedingt Konflikte vermeiden wollen. Deshalb wird alles schön auseinanderdividiert: hier das ruhige Wohngebiet, das ohne Autos unerreichbar ist; dort, ebenfalls weit draußen, die Gemeindehalle, die Schule – damit sich ja niemand vom Lärm belästigt fühlt. Der Gegenpol würde einen anstrengenden Dialog verlangen – wäre aber wünschenswerter, finde ich: Sozialität ermöglichen, also Raum dafür schaffen, dass sich unterschiedliche Akteure zufällig begegnen können. Wir brauchen einen öffentlichen Raum, der nicht Autos aneinander vorbei- sondern Menschen zusammenführt.

Niedermeier: Immer neue Wohngebiete – das wird irgendwann sowieso nicht mehr funktionieren, weil keine Kommune das auf Dauer schultern kann. Jeder Siedlungsbereich braucht Infrastruktur, die man schaffen und auch dann erhalten muss, wenn viele Gebäude leer stehen: Das kostet richtig Geld! Stellt sich die Frage, wer die Zeche dafür zahlt…

„In den Siedlungsgebieten haben wir die Baukultur schon verloren: Ich sehe da keinerlei Traditionsbewusstsein mehr!“

Reinhold Niedermeier

Vielen ist das Baugebiet am Ortsrand deshalb lieber, weil sie dort freier sind beim Bauen.

Niedermeier: Stimmt, die Gemeinden machen relativ wenig Vorschriften. Deshalb haben wir in den Siedlungsgebieten die Baukultur auch schon verloren: Ich sehe da keinerlei Traditionsbewusstsein mehr! Bauen war zwar schon immer eine Sache von Mode. Aber aktuell ist diese Mode richtig beliebig und fleischlos geworden. Die Wohngebiete werden überall von denselben Herstellern von Baumaterial bedient – die wären deutschlandweit austauschbar.

Aber früher gab es doch auch noch keine Denkmalpflege, keine Festlegung eines regionalen Baustils, keine Vorschriften zur Bauweise?

Niedermeier: Früher ist das Bauen von der Not der Leute geregelt worden – nicht von Gesetzen.

Dann ist das heutige Kunterbunt in den Wohngebieten eben einfach ein Spiegel unserer demokratischen und relativ wohlhabenden Gesellschaft?!

Rossbauer: In gewisser Weise ist Bauen immer ein Spiegel der Gesellschaft. Früher hat aber auch die Natur den Baustil geprägt; man hat gebaut mit dem Material, das vor Ort verfügbar war. Und man hat das Haus, den Hof nicht nur für sich, sondern auch für künftige Generationen gebaut. Heute heißt es: „Mir muss das Toskana-Haus gefallen – wenn es meinen Kindern nicht mehr gefällt, sollen sie’s wegreißen“. Das ist in gewisser Weise eine Wegwerf-Baukultur.

Niedermeier: Ein gewisses Maß an Fehlentwicklung und Bausünden gibt es in jeder Gemeinde. Aber wir sind momentan auch in den Ortskernen an einer Grenze, ab der es denkmalfachlich nicht mehr zu vertreten ist. Ich wüsste momentan keinen Ortskern mit Ensembleschutz im Landkreis, der nicht bereits auf der Kippe zur Aberkennung steht. Dem ließe sich nur noch gegensteuern, indem man Bestandsgebäude wieder herrichtet, selbst wenn sie nicht als Einzeldenkmal ausgewiesen sind.

Ein Blick von oben auf die Kelheimer Altstadt: „Die Historie ist kein Feind, sondern Quelle der Inspiration“, findet Architekt Wolfgang Rossbauer. Foto: Dr. Satzl
Ein Blick von oben auf die Kelheimer Altstadt: „Die Historie ist kein Feind, sondern Quelle der Inspiration“, findet Architekt Wolfgang Rossbauer. Foto: Dr. Satzl

Ist das Bauen gerade in Altstädten zu stark reglementiert?

Niedermeier: Nein, auch Denkmalpflege hat kein museales Denken: Wir müssen den Eigentümern Nutzungsqualität zugestehen und versuchen, das mit dem Denkmalschutz unter einen Hut zu bringen. Aber natürlich gibt es Grenzen. Es ginge nicht, dass in der Kelheimer Donaustraße auf einmal alle Häuser einen Balkon bekommen sollen – stellen Sie sich das optisch mal vor!

Rossbauer: Bei städtebaulich relevanten Projekten sind gute Architekten gefragt: die einerseits auf die Wünsche des Bauherrn hören, andererseits auch die Umgebung des Objekts auf sich wirken lassen und sich fragen, welche Formensprache passt hier, und welche nicht?! Die Historie ist dabei kein Feind, sondern Quelle der Inspiration.

Niedermeier: Da bin ich voll auf Ihrer Linie – aber es gibt schon Kollegen von Ihnen, die schauen sich gerade das nicht an, sondern planen, als wären sie auf der ,grünen Wiese’. Wobei sie natürlich auch davon abhängig sind, wie ein Bauherrn oder Investor mit einem Thema, einem Standort umgeht. Nehmen Sie den Umbau des ehemaligen Ehrnthaller-Anwesens zum „Wittelsbacher Hof“ [jetzt „Dormero“, die Red.]: äußerst gelungen! Die denkmalpflegerischen Belange wurden dabei ohne größere Probleme umgesetzt – und ich glaube, dass dieses Projekt auch Kelheim städtebaulich viel gebracht hat.

Warum gibt es nicht mehr solcher Beispiele?

Niedermeier: Gerade für Investoren zählt die Wirtschaftlichkeit: Quadratmeter-Zahl, Rendite, Wohnqualität. Aber halt nicht, dass die gute Bude dann nicht mehr in eine mittelalterliche Stadt passt… Oft heißt es: „Wir reißen den Bestand weg, aber wir stellen Dir wieder so einen Bau hin“. Städtebaulich kann man damit vielleicht noch leben, auch wenn das allenfalls oberflächlich dem Original ähnelt. Aber aus Sicht des Denkmalschutzes geht damit alte Bausubstanz unwiederbringlich verloren. Gerade auch abseits der großen Magistralen.

Inwiefern?

Niedermeier: Nehmen Sie die Altstädte im Landkreis: In den Seitenstraßen, den früheren „Handwerker-Gassen“, gehen uns reihenweise kleine Häuser flöten, weil private Investoren fehlen, die sich solche Häuser herrichten würden. Statt dessen stehen sie irgendwann leer – bis ein Investor gleich mehrere kauft und daraus ein Mehrfamilienhaus macht.

Rossbauer: Das wäre Aufgabe von uns Architekten: aufzuzeigen, dass Altes den speziellen Charme hat und Wohnen spannend macht – ob in einem denkmalgeschützten Gebäude, oder in Lofts in einer ehemaligen Industriehalle. Man müsste es schaffen, aus einem alten Gebäude, auf einem alten Thema eine neue Geschichte zu schreiben: im Geiste dessen, was das Gebäude und das Ensemble hergeben, aber mit den Neuerungen, die zum Beispiel der technische Fortschritt verlangt.

Niedermeier: Es geht ja auch nicht allein um die Denkmalpflege – wir sind ja nicht der Nabel der Welt. Städtebauliche Aspekte spielen eine mindestens genauso große Rolle. Mir als Denkmalpfleger ist es am liebsten, wenn Städte selbst eine konkrete Vorstellung entwickeln, wie sie aussehen wollen – wenn dabei die Baukultur ein Ziel wäre, wäre das natürlich besonders schön....

Was heißt das konkret?

Niedermeier: Das heißt, zu sagen: Diese oder jene Bauweise tut uns gut – hinsichtlich der Wohnqualität zum Beispiel, oder der touristischen Ziele. Aber in den Rathäusern hört man nur ganz selten mal die Aussage: „Dieses Bauvorhaben fügt sich städtebaulich nicht ein“.

Hier sehen Sie Kurz-Statements unserer Redaktionsgäste

Wolfgang Rossbauer und Reinhold Niedermeier zu Gast bei der „Mittelbayerischen“ Video: Heike S. Heindl

Rossbauer: Dabei ist so eine städtebaulich orientierte Ortsentwicklung durchaus möglich, wenn man will! Nehmen Sie zum Beispiel Langquaid: Die trauen sich was und entwickeln ihre Ortsmitte weiter; da ist auch der Bürgermeister mit ganz viel Energie dahinter. Es ist ja nicht so, dass Neubaugebiete nicht auch ihre Berechtigung hätten. Aber die Welt besteht eben nicht nur aus Baugebieten! Es wäre schön, wenn in Städten wie in Dörfern eine Baukultur gepflegt würde, die sich auch auf Bautypen einstellt, die sich dort über Jahrhunderte entwickelt haben.

Lässt sich das mit heutigen Nutzungsansprüchen vereinbaren?

Rossbauer: Ja das geht! Wir bauen in Siegenburg den „Eckmayer-Hof“: ein Neubau, aber orientiert an den typischen Hallertauer Dreiseit-Höfen. Die bestanden früher aus dem Haupthaus, einem Austragshaus und einem Stall. Das übertragen wir kompakt und ortsmittig auf Gebäude mit mehreren Wohneinheiten und Einlieger-Einheiten – die man als Praxis oder Büro umnutzen kann, für den Teenager oder die Oma, oder zum zeitweisen Vermieten.

Aber dann imitiert doch auch ein Neubau etwas Altes – Bauernhof, Stall –, was heute gar nicht mehr benötigt wird!


Rossbauer: Nein, nein, kein Kitsch: Der Neubau soll nicht ausschauen wie ein Stall, und wir passen Dinge wie Dämmung, Schallschutz und Grundriss-Logik an aktuelle Bedürfnisse an. Aber wir wollen damit zeigen, dass man nicht zwingend Toskanahaus-Stil importieren muss – der Hallertauer Bautyp genügt heutigen Ansprüchen ebenso!

Aber es ist doch legitim, wenn einem Bauherrn halt ein Toskana-Haus besser gefällt.

Rossbauer: Ich finde es eigentlich anmaßend, wenn jeder Einzelne versucht, seine persönliche Stimmungslage umzusetzen. Nutzer und Nutzungen kommen und gehen – es ist das Gebäude, die Stadt oder das Dorf als Ganzes, das bleibt. Zwar nicht unverändert – aber bisher war das eine langsame Entwicklung, eine Art Evolution: Was sich bewährt, pflanzt sich fort, und daraus entstehen Regelwerke. Die sollte man sanft fortentwickeln, anstatt auf maximale Brüche zu setzen.

Alle Berichte unserer Themenwoche „Bauen, Mieten, Wohnen“ finden Sie hier!

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