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Erinnerung

Geschichte der echten „Kartoffelkathi“

Die Saalerin Katharina Stark stellte im Krieg Lagerinsassen Kartoffeln bereit – die Urenkelin greift das als Autorin auf.
Von Elfi Bachmeier-Fausten

Ein Hochzeitsfoto von Kathrina und Franz Stark. Das Paar heiratet am 11. 11. 1911. Foto: privat
Ein Hochzeitsfoto von Kathrina und Franz Stark. Das Paar heiratet am 11. 11. 1911. Foto: privat

Kelheim.Frau Stark, wie kamen Sie auf die Idee
für das Theaterstück „Kartoffelkathi“,
das sich um Ihre Urgroßmutter dreht?

Die Geschichte gibt es schon ganz lange in meiner Familie. Die ist mir schon erzählt worden, da war ich noch ein kleines Kind. Im Herbst 2015 ist es wieder aktuell geworden, weil viele Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland und auch nach Kelheim kamen. Da habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht, weil ich auch in der Flüchtlingshilfe in Kelheim engagiert bin. Da ging es dann ganz viel um das Thema Helfen, da habe ich mich dann an dieses Geschichte von meiner Urgroßmutter erinnert. Erst war’s ein Blogbeitrag und dann hat mich das Thema weiter beschäftigt. Im Herbst 2016 war im Theaterspielkreis Saal die Frage, was spielen wir im Herbst 2017. Und da war’s dann klar, dass ich ein Stück schreiben möchte und die Hilfe meiner Urgroßmutter im Zweiten Weltkrieg für Lagerinsassen mit einbaue.

Wie hat Ihre Urgroßmutter geholfen?

Christine Stark, die Urenkelin von Katharina Stark, hat als Autorin die Geschichte ihrer Urgroßmutter aufgegriffen. Foto: Bachmeier-Fausten
Christine Stark, die Urenkelin von Katharina Stark, hat als Autorin die Geschichte ihrer Urgroßmutter aufgegriffen. Foto: Bachmeier-Fausten


Es war in den letzten beiden Kriegsjahren ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Die Inhaftierten mussten in Saal arbeiten und sind immer am Haus meiner Urgroßmutter vorbei Richtung Kalkwerk. Dann stellte sie eines Tages für die Lagerinsassen Kartoffeln bereit. Es durfte sich jeder welche nehmen. Austeilen wäre zu gefährlich gewesen.

Wo wohnte Ihre Urgroßmutter?

In der Werkstraße 8. Das Haus gibt es noch und hat sich äußerlich zumindest wenig verändert. Dort war damals auch die Schreinerei meines Urgroßvaters.

Sie haben angesprochen, dass das


Austeilen zu gefährlich gewesen wäre.
Gibt es darüber Aufzeichnungen von
Ihrer Urgroßmutter?

Nein, es gibt nur einen überlieferten Satz: „Der erste, der mich aufhalten will, den stich i ab.“ Ob das ganz genau die Originalworte waren, weiß ich nicht, aber ich habe ihn ins Theaterstück eingebaut.

Kennt in Ihrer Familie noch jemand die Urgroßmutter?

Auf dem alten Saaler Friedhof ist das Grab von Katharina Stark. Foto: Bachmeier-Fausten
Auf dem alten Saaler Friedhof ist das Grab von Katharina Stark. Foto: Bachmeier-Fausten


Von den jetzt Lebenden niemand. Sie ist 1947 im Alter von 58 Jahren gestorben-. Mein Vater und eine meiner Tanten sagen, sie ist wohl an gebrochenem Herzen gestorben. Die Urgroßmutter hatte insgesamt acht Kinder, ein Sohn starb im Alter von zwölf Jahren und vier Söhne sind im Krieg gefallen oder vermisst. Das hat sie nicht verkraftet.

Hat Ihr Urgroßvater Ihre Urgroßmutter bei der Hilfe von Lagerinsassen auch unterstützt?

Da wurde nie etwas erzählt darüber. Ich mach’ mir da schon Gedanken, weil zumindest einer der Söhne in der SS war. Ich weiß nicht, ob es deshalb in der Familie Auseinandersetzungen gab oder ob da ein Schutz für die Urgroßmutter von meinem Urgroßvater da war.

Gibt es noch Zeitzeugen?

Ich habe a bissl nachgeforscht, aber fürs Theaterstück war’s nicht relevant. Es ist ja kein historisch geprägtes Theaterstück. Das sollte es auch nicht werden. Ich habe die Geschichte nur als Anlass genommen und ein Theaterstück rundherumgebaut, in dem andere Personen vorkommen und die Handlung eine andere ist. Ich habe einen Kommandanten eingebaut und Nachrichten, die in den Kartoffeln hin- und hergeschickt wurden. Das war definitiv nicht so.

Sie würden sich aber freuen, wenn sich Personen bei Ihnen melden würden, die Ihre Urgroßmutter kannten?

Regisseurin Christine Stark berichtet von ihrem Theaterstück „Kartoffelkathi“, bei dem ihre Urgroßmutter eine wesentliche Rolle spiel. Video: Bachmeier-Fausten


Ja, schon

Was haben Sie aus Erzählungen in Ihrer Familie für ein Bild von Ihrer Urgroßmutter?

Ich glaube, dass sie durchsetzungsfähig war und eher nicht jemand, der wo mitmacht, sondern etwas initiiert.

Ist Ihre Urgroßmutter als Kartoffelkathi bekannt gewesen in Saal, so wie der Titel Ihres Theaterstückes lautet?

Nein, das ist meine Erfindung. In der Theatergruppe wird schon immer gewitzelt, ob’s eine Fortsetzung gäbe, die dann einen Namen mit einem anderen Gemüse hätte. Ich glaube, es gibt doch keine Fortsetzung.

Wie lange haben Sie an dem Stück
der Katoffelkathi geschrieben?

Gerti Fahrholz spielt im Theaterstück die Kartoffelkathi Foto: Kugler
Gerti Fahrholz spielt im Theaterstück die Kartoffelkathi Foto: Kugler


Fünf Monate. Es ist mir überraschend schnell von der Hand gegangen.

Warum?

Ich glaube, weil ich’s auf Bayerisch geschrieben hab’. Und man kann in Bayerisch mit einem Laut oder einem Wort ganz viel ausdrücken.

Es ist aber sicher eine traurige Handlung oder?

Ja, ist es schon. Ich hab’ versucht, es nicht allzu düster zu machen und a bisschen Wortwitz oder ein bisschen Komik einzubauen. Aber wenn es zu sehr in Richtung Komödie ging, dann würde es dem, was ich ausdrücken will, nicht gerecht.

Christine Stark hat viele Talente

  • Familie

    Christine Stark, die Urenkelin von Katharina Stark, ist in Saal aufgewachsen. Ihre Eltern sind Schreinermeister Hans Stark und seine Ehefrau Elke. Die Keramikerin wohnt in Kelheim und hat mit ihrem Mann eine Tochter (10) und einen Sohn (13).

  • Beruf

    Seit vier Jahren hat sie ihren Laden Wolperdinge in der Ludwigstraße in Kelheim. Für das Geschäft töpfere sie alles selbst. Die Töpferwerkstatt grenzt an den Laden an.

  • Theater

    Seit 2004 ist Christine Stark Mitglied beim Theaterspielkreis Saal. Zunächst habe sie als Laiendarstellerin mitgewirkt. „Da möcht’ ma immer mitreden.“ Um die eigenen Ideen besser umsetzen zu können, sei sie Regieassistentin geworden beim Stück „Nachbars Lumpi“. Das Jahr darauf habe sie dann 2008 beim Stück „Hotel zu den zwei Welten“ alleine Regie geführt. „Wir sind momentan drei Regisseure. Von Saison zu Saison übernehme ein anderer die Regieaufgabe. Wenn sie diese nicht innehabe, dann spiele sie oft selbst mit.

  • Internet

    Die Kelheimerin ist seit vier Jahren auch Bloggerin. Sie habe versucht, für ihren Laden eine Homepage zu gestalten. Eine Freundin habe ihr geraten, einen Blog einzurichten.

  • Steckenpferde

    Als ihre Hobbys nennt die 39-Jährige das Schreiben – „Sachen für meinen Blog, Theaterstücke und einen Roman“. Ein Buch, eine Liebesgeschichte, hat sie Ende August als E-Book veröffentlicht.

  • Stück

    Der Theaterspielkreis Saal führt in diesem Herbst das von Christine Stark verfasste Stück „Kartoffelkathi“ auf. Die Kelheimerin führt dabei auch selbst Regie.

  • Premiere: Die erste Vorstellung ist am Freitag, 10. November, 20 Uhr, im Theatersaal, Hafenstraße 43 in Saal.

  • Aufführungstermine

    17., 18., 19., 25., 26. November, 1. und 2. Dezember; freitags und samstags Beginn um 20 Uhr und sonntags um 18 Uhr

  • Eintritt

    zwölf Euro, ermäßigt sechs Euro

  • Kartenvorverkauf

    Raiffeisenbank Saal, Telefon (0 94 41) 68 67 21.

  • Umleitung

    Wegen der am Donnerstag begonnenen Sanierung der Brücke über die B 16 hat der Theaterspielkreis auf seiner Homepage http://www.theaterspielkreis-saal.de/ eine Anfahrtsbeschreibung zu seinem Vereinsheim. (eb)

Und was wollen Sie genau ausdrücken?

Es ist ein Theaterstück geworden über das, was mit einem passiert, wenn man sich entscheidet, hinzusehen. Ich glaube, dass einen das verändert, und meine Hauptrolle, meine Kartoffelkathi, die findet sich auf einmal in Situationen wieder, die sie vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Welche?

Sie kriegt Unterstützung, aber auch Gegenwind, es bleiben Gäste aus. Sie muss sich fragen, ob sie bereit ist, sich noch gefährlicheren Dingen zu stellen als nur Kartoffeln auszuteilen.

Die Handlung spielt in einem Gasthaus, Ihre Urgroßmutter war aber nicht Gastwirtin.

Nein, das war sie nicht. Sie war Scheinermeistersgattin. Das Drama habe ich in ein Wirtshaus verlegt, damit man möglichst viele Charaktere kommen und gehen lassen kann, ohne, dass das komisch wirkt.

Ist die Stimmung bei den Darstellern durch die traurige Handlung gedrückt?

Es ging vielen bei den Proben so, dass man an einigen Stellen mit den Tränen kämpft, aber wir haben unglaublich viele, sehr lustige Momente bei den Proben. Ich glaube auch, wenn man so ein Stück macht, das so mit Emotionen vollgepackt ist, man einen Ausgleich braucht. Meine Spieler gehen im Stück aber voll mit und versetzen sich ganz in ihre Rollen, dass man als Zuschauer richtige mitgerissen ist.

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