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Freitag, 21. September 2018 28° 2

Mobbing

„Hau’ den Lukas“, das darf nicht sein

Aus harmlosen Hänseleien kann schnell Mobbing werden. Die Thaldorfer Eduard-Staudt-Schule will dagegen gewappnet sein: mit einem Anti-Mobbing-Konzept.
Von Martina Hutzler, MZ

  • Ob tätliche Angriffe auf dem Pausenhof (im Bild eine gestellte Szene) oder Rufmord auf Facebook, „WhatsApp“ und Co: Mobbing unter Kindern und Jugendlichen kommt in allen Schularten vor. Foto: dpa
  • Die Thaldorfer Lehrkräfte erarbeiteten mit den Referentinnen (stehend) Birgit Volquardsen (li.) und Eva Andree, wie Schüler zu Mobbing-Tätern und -Opfern werden. Foto: hu

Kelheim.Die falschen Klamotten, eine uncoole Frisur, Streber oder Angeber sein, Streit haben mit den Anführern der Klasse – oder einfach die Langeweile der anderen: Viele Gründe, warum ein Schüler zum Mobbing-Opfer wird, fallen den Lehrern der Eduard-Staudt-Schule in Kelheim-Thaldorf in kurzer Zeit ein. Doch was tun, falls tatsächlich ein Fall von Mobbing an dem Sonderpädagogischen Förderzentrum hochkochen sollte? Dann will Schulleiterin Christine Jochheim nicht erst lange nach Abwehrmaßnahmen suchen müssen. In mehreren Veranstaltungen erarbeiten sie und das 35-köpfige Lehrerkollegium deshalb einen Schul-Leitfaden. Zum Auftakt zeigten zwei Gäste, wie leicht sich „ein bisschen Hänseln“ hochschaukeln kann.

Birgit Volquardsen und Eva Andree, zwei FOS-/BOS-Lehrerinnen, haben sich intensiv mit dem Thema Mobbing auseinandergesetzt und beraten Schulen dazu. Ihre Botschaft: Schon die ersten Ansätze von Mobbing im Keim ersticken! Sonst drohen sich die körperliche und seelische Gewalt der Täter gegen das oder die Opfer immer weiter zu steigern. Und auch der Täterkreis kann wachsen.

Auch zum „Täter“ wird man schnell

Es lassen sich ja allzu schnell „Gründe“ finden, warum man auf Schwächere nur zu gerne draufhaut, stellten die Lehrer fest, als sie sich auf Bitte von Eva Andree in die Täterrolle hineinversetzten: Spaß haben, Macht genießen, Frust ablassen, von eigenen Schwächen ablenken; die Sorge, selbst Opfer zu werden, falls man nicht mitmobbt. Oder einfach ein gedankenloses „Ja weil halt…“, ergänzte eine Lehrerin.

Gut möglich, dass ein Schüler zwar leidet, wenn ein anderer fertiggemacht wird, aber er oder sie traut sich sich nicht einzugreifen, vermutete ein Lehrer. „Und wir übersehen so was womöglich“, befürchtete er. „Nicht zu viel Selbstkritik“, riet Eva Andree: Mit Arbeit sei jeder gut eingedeckt – klar, dass es Schülern da oft leicht falle, hinter dem Rücken der Erwachsenen zu agieren. „Zeitaufwendig, aber sinnvoll“ seien Klassenkonferenzen, empfahl Birgit Volquardsen; helfen könnten auch Hinweise von einem Lehrer zum anderen via Klassenbuch. „Es fehlt ja auch an einer gemeinsamen Linie: Was duldet man, was ist Mobbing? Und was ist dann die Konsequenz?“, gab eine Lehrerin zu bedenken. Volquardsen riet: Null Toleranz bei Mobbing. „Ich mache meinen Schüler sofort klar: Das dulde ich nicht. Und erkläre ihnen auch, dass Mobbing eine Straftat sein kann.“

Wann ist Hilfe von außen nötig?

Schwieriger ist es schon, auf der Opferseite einzugreifen: „Das Opfer stärken; ermuntern, Freunde zu suchen und zum Beispiel raten: Geh doch mal mit dem oder dem auf den Pausenhof“, regte Eva Andree an. Ansonsten „gehört zur Hilfe für die Opfer ganz klar auch die Elternarbeit.“ Aber womöglich gefällt sich der eine oder andere sogar in der Opferrolle, weil sie ihm wenigstens auf diese Weise zu Aufmerksamkeit verhilft? Gut möglich, meinten die Referentinnen auf diesen Einwand; dann allerdings sei vielleicht ein Punkt erreicht, wo der Schüler psychologische Hilfe benötigt. Lehrer gelangten an eine Grenze, wenn sie selbst nicht mehr cool, sondern emotional betroffen auf den Zwist in der Klasse reagierten: „Holen Sie sich dann einen Experten von außen; der sieht den Fall unemotional und kann auch folgenlos den ,Buhmann’ spielen – Sie selbst müssen hinterher mit der Klasse weiterarbeiten!“ Unterstützung und Ansprechpartner finden Lehrer, aber auch Schüler und Eltern bei der Staatlichen Schulberatung.

An manchen Schulen gibt es eine Art „Schneller Eingreiftruppe“: ein schuleigenes Team von Lehrern und / oder Sozialpädagogen mit Zusatzausbildung, das bei einem Mobbingfall in die Klasse geholt werden kann. Generell sollte eine Schule einen „Baukasten“ von Maßnahmen gegen Mobbing parat haben, rieten die Referentinnen. Das fängt an bei Prävention, indem Schüler für das Thema sensibilisiert werden und indem zum Beispiel mit Erlebnispädagogik der Klassenverband gestärkt wird. Es geht weiter mit dem Versuch, ein Mobbing-Problem konstruktiv mit allen Beteiligten zu lösen. Birgit Volquardsen empfahl das Modell „No Blame Approach“, das ohne Schuldzuweisungen und Strafen arbeitet. Nötig sein könne aber in schweren Fällen ein hartes Durchgreifen: unter Einbeziehung der Schulleitung und Androhung von schulischen oder sogar strafrechtlichen Folgen.

Wie all diese Tipps und Erkenntnisse in ein Konzept für die Eduard-Staudt-Schule einfließen, wollen Lehrer und Schulleitung in weiteren Veranstaltungen und Diskussionen erarbeiten und dann auch den Eltern vorstellen, kündigte Schulleiterin Christine Jochheim an. „Ich will die Lehrer für das Thema sensibilisieren und die Schüler stärken“, so begründet sie ihre Initiative, die sie gleich nach ihrem Start am Thaldorfer SFZ ergriffen hat.

Keine Schulart ist gefeit

Hier wie an jeder anderen Schule, egal welchen Typs, gibt es Fälle von Mobbing, zumindest im Ansatz, ist sie überzeugt. „Hänseln und provozieren hat es schon immer gegeben. Aber der Umgang mit den ,neuen Medien’ verstärkt das Problem: Via Internet erreicht man schnell und einfach weite Kreise. Ich glaube auch, dass Kinder heute schneller übergriffig werden; das Wissen, wann man aufhören muss, schwindet. Da sind viele Medien schlechte Vorbilder.“ Außerdem, so Jochheim, „gibt es immer Kinder, die besonders leicht in die Opferrolle geraten. Und bevor sich etwas aufschaukelt, sollten wir schnell Grenzen aufzeigen.“ Dazu aber brauche eine Schule „eine einheitliche und professionalisierte Vorgehensweise“ – auch als Signal an die Eltern: „Wir müssen auf ihre Sorgen hören und ihnen zeigen, dass wir an der Schule sehr wohl etwas tun gegen Mobbing.“

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