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Justiz

Heilpraktiker verschuldet Tod einer Frau

Fahrlässige Tötung: Zwei Jahre und drei Monate – Heilpraktiker aus dem Kreis Kelheim ist schuld am Tod seiner Patientin.
von Benjamin Neumaier

Zwei Jahre und drei Monate – Heilpraktiker aus dem Kreis Kelheim ist am Tod seiner Patientin schuldig gesprochen. Foto: Weigert-Archiv
Zwei Jahre und drei Monate – Heilpraktiker aus dem Kreis Kelheim ist am Tod seiner Patientin schuldig gesprochen. Foto: Weigert-Archiv

Kelheim.Den Blick ins Leere gerichtet, in sich zusammengesunken, die Hände unter dem Tisch verschränkt – regelrecht apathisch nahm der verurteilte Heilpraktiker aus dem Landkreis Kelheim am Freitag seinen Urteilsspruch hin: Fahrlässige Tötung. Zwei Jahre und drei Monate Gefängnis und ein fünfjähriges Berufsverbot lautete das Urteil am Kelheimer Amtsgericht. Vorgeworfen wurde dem studierten Apotheker und Heilpraktiker, den Tod einer 46-jährigen Krebspatientin aus Österreich durch falsche Behandlung verschuldet zu haben.

Richterin Claudia Nißl-Neumann begründete das Urteil: „Sie haben eine falsche Diagnose gestellt und eine falsche Therapie verordnet und damit Ihre Sorgfaltspflicht verletzt. Sie hatten alle erforderlichen Unterlagen und das nötige Fachwissen, um den Brustkrebs zu erkennen. Für sie war objektiv vorhersehbar, was passieren wird, aber Sie haben falsche Hoffnungen geweckt. Sie haben ihr versprochen, sie zu heilen. Sie hatten vier Jahre Zeit, Ihren Fehler einzugestehen, aber das haben Sie nicht gemacht. Diese Frau ist tot, weil Sie sie behandelt haben. Sie sind eine Gefahr für die Allgemeinheit.“ Deshalb halte sie das Strafmaß – die Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten noch mehr gefordert – für angemessen.

Der verurteilte Heilpraktiker sah das wohl anders. Stattdessen schob er die Schuld in seinem Schlusswort anderen zu: „Ich war immer bemüht, zu helfen. Ich habe immer versucht, die Behandlung ordnungsgemäß durchzuführen. Ich habe alles versucht – aber der Gesundungsprozess wurde beeinträchtigt. Meine Patientin wurde von ihrem Ehemann geschlagen. Sie würde ohne die Schläge noch leben.“

Zwei Zeugen abgelehnt

Die mögliche innereheliche Misshandlung hätte, wäre es nach der Verteidigung gegangen, am Freitag Thema im Prozess sein sollen. Zwei Zeugen aus Österreich waren angereist, um diese zu bestätigen. Laut der Verteidigerin war dabei aber davon die Rede, dass „dadurch entstandene Verletzungen die Brustkrebserkrankung durch meinen Mandanten nicht erkennen ließen“. Thema wurde dies aber nicht – denn besagte Zeugen saßen zwar im Gerichtssaal, wurden aber von Richterin Nißl-Neumann abgelehnt. Es gebe „keine Verbindung zum Beweisthema“.

„Diese Frau ist tot, weil Sie sie behandelt haben. Sie sind eine Gefahr für die Allgemeinheit.“

Claudia Nißl-Neumann, Richterin

Abgelehnt wurde auch die von der Verteidigung beantragte neuerliche Ladung des Bruders der Verstorbenen. Dieser sollte als Zeuge deren Ablehnung gegen die Schulmedizin bestätigen. Über die Nebenklage ließ er ausrichten, „dass mich diese Ladung nicht interessiert. Ich will mit dem Thema abschließen.“ Eine neuerliche Ladung wies das Gericht zurück. „Wir haben ihn dreimal geladen. Er wird nicht kommen und wir haben keine Zwangsmittel, da der Zeuge im Ausland lebt.“

Das Beweisthema wurde allerdings nochmals breit aufgerollt: 2008 hatte die mittlerweile Verstorbene und damals 41-jährige Frau die Diagnose Brustkrebs erhalten. Die Mediziner einer Klinik rieten zur sofortigen Entfernung einer Brust. Doch die Österreicherin wollte sich Anfang Januar 2009 bei dem Heilpraktiker eine zweite Meinung einholen. Per Auspendeln kam dieser zu dem Schluss, dass es sich um keinen Krebs und keinen Tumor handle. Stattdessen behandelte er über Jahre hinweg eine Milchdrüsenentzündung sowie Gelenk- und Rückenbeschwerden. Im April 2013 hatte sich der Krebs soweit im Körper ausgebreitet, dass die Frau an den Folgen starb.

Hätte sich die Verstorbene die Brust entfernen lassen, wäre sie „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geheilt worden. Man muss davon ausgehen, dass sie heute noch lebte, so traurig das ist“, sagte der Prof. Eiermann, der das medizinische Obergutachten für den Prozess erstellt hatte, in der Verhandlung in der Woche zuvor.

Reporter als Zeuge geladen

Dieses Gutachten anzufechten, indem man Eiermann Befangenheit unterstellte, war Taktik der Verteidigung. Deshalb war auch ein Reporter einer Illustrierten geladen. Der hatte bereits 2014 eine umfassende Reportage über 20 Heilpraktiker und Ärzte zum Thema Brustkrebs veröffentlicht. Mit einem extra dafür erstellten mammographischen und einem histologisch-pathologischen Krebsbefund war er – zusammen mit einer Journalistenkollegin (der vermeintlichen Patientin) – bei betreffenden Personen vorstellig geworden. Kernfrage damals: Ist eine Operation nötig oder nicht? In die Recherche war an einer Stelle auch Eiermann eingebunden. Er berechnete Wahrscheinlichkeiten der Überlebenschancen der Patientin bei einer Operation, einer Operation in Verbindung mit Chemotherapie sowie einer Operation, Chemo- und Hormontherapie. „Eine absolute wissenschaftliche Frage, keine Einbindung in die Recherche“, wie Nißl-Neumann feststellte.

Die Befangenheit wollte die Verteidigung damit konstruieren, dass besagter Reporter im März 2017 auch in der Praxis des Verurteilten vorstellig wurde – wieder mit einer Kollegin als vermeintlicher Patientin mit ebenjenem Befund aus 2014. Da sich Eiermann und der Reporter kennen würden, sei „Misstrauen gegen die Unparteilichkeit des Gutachters gegeben“, sagte die Verteidigerin und forderte ein neuerliches, neutrales Gutachten. Dies wurde seitens des Gerichts abgelehnt, man sehe keinen Ablehnungsgrund. Vielmehr stellte sich durch die Aussage des Reporters heraus, dass der Heilpraktiker, trotz des Todes einer Patientin, weiter in selbem Rahmen praktiziere, ähnliche Ratschläge gebe. Denn trotz der akuten Brustkrebs-Diagnose, die der Reporter im März mitbrachte, verwies der Heilpraktiker nicht an eine Klinik, sondern pendelte aus und erklärte, „die Erkrankung ist rein medikamentös zu behandeln“, schilderte der Reporter.

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Auch das wurde dem Verurteilten zur Last gelegt. „Sie machen einfach so weiter“, sagte die Richterin und warf dem Heilpraktiker vor: „Ihre Verteidigerin zeigt mehr Empathie als Sie. Sie zeigen keine Reue.“ Dagegen wehrte sich der Verurteilte, erklärte, dass er den Tod der Patientin zutiefst bedauere, blieb aber bei seiner Einschätzung, dass er richtig behandelt habe. Deswegen dürfe man ihm seine Praxis auch nicht schließen. „Sie ist meine Existenzgrundlage.“

Vorerst wird der Mann auch weiter praktizieren. Sein Berufsverbot greift erst beim endgültigen Abschluss des Prozesses. Und gegen das Urteil des Kelheimer Amtsgerichts gibt es die Rechtsmittel der Berufung und Revision.

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