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Bereit

Ihr Mausklick setzt Retter in Bewegung

Davon, wie die Mitarbeiter der Integrierten Leitstelle in Landshut entscheiden, hängen im Landkreis Kelheim Menschenleben ab.
Von Heiner Stöcker

Beim Hotelbrand im Januar in Bad Gögging rückte ein Großaufgebot mit mehr als 100 Einsatzkräften aus.
Beim Hotelbrand im Januar in Bad Gögging rückte ein Großaufgebot mit mehr als 100 Einsatzkräften aus. Fotos: ILS Landshut/RZR Kelheim

Kelheim.„Wenn so eine Katastrophe passiert, sind wir vorbereitet.“ Peter Winzinger ist Vollprofi. Seit Jahrzehnten arbeitet er im Rettungsdienst. Heute leitet er die Integrierte Leitstelle in Landshut. Die Zug-Katastrophe vom Montag im oberbayerischen Bad Aibling mit ihren zehn Toten hat er „live verfolgt – den ganzen Tag über“. Und sein Fazit aus der Ferne: „Die Kollegen in der Leitstelle in Rosenheim haben gestern richtig gute Arbeit geleistet, was ich so über die Medien mitbekommen habe.“

Die „nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr“ erledigt in Bayern ein Netz aus Integrierten Leitstellen. Diese Nervenzentren koordinieren und lenken die Einsätze der Feuerwehr, des Katastrophenschutzes, des Rettungsdienstes, des Technischen Hilfswerkes und der weiteren Einsatzdienste der Hilfsorganisationen. Die für den Landkreis Kelheim zuständige Leitstelle sitzt in Landshut und Peter Winzinger ist ihr Kopf.

Der Leiter der ILS Landshut, Peter Winzinger, erklärt die Leitstelle

Video/Schnitt: Heiner Stöcker

Ein großer Bereich

Die Stadt Landshut, die Landkreise Kelheim, Landshut und Dingolfing-Landau: Zusammen mit seinen Mitarbeitern ist er verantwortlich für eine Fläche von 3360 Quadratkilometern auf denen 416 000 Menschen leben. Allein infrastrukturell ist das eine Herausforderung: Zehn Städte, 74 Märkte und Gemeinden, Eisenbahnlinien, Bundesautobahnen, Bundes- und Staatsstraßen, Wasserstraßen, „dazu noch gewerbliche und chemische Betriebe, Flugbetriebe, Kraftwerke, Raffinerien und vieles mehr. Das alles müssen wir im Blick haben, wenn hier ein Notruf eingeht“, sagt er.

Schon bei der Gründung der ILS hatten die Planer mögliche Katastrophen im Kopf. „Das ist alles in unserer EDV hinterlegt.“ Dabei ist es egal, ob es um einen individuellen Notfall – also eine Person – oder um einen Massenanfall von Verletzten geht: „Da existieren Alarmpläne. Wir versuchen jedes denkbare Szenario schon vorher theoretisch zu erfassen.“

Und je nachdem, welche der fast 600 hinterlegten Schlagwörter der Disponent der ILS in seinen Computer eingibt, spuckt die Datenbank den passenden Alarmplan und einen Vorschlag für die Kräfte, die zum Einsatzort beordert werden sollen, aus. „Also vom einzelnen Rettungswagen oder Löschfahrzeug bis hin zur Armada von Rettungsfahrzeugen ist alles drin.“ Mit einem Mausklick alarmiert der ILS-Mitarbeiter die Kräfte dann simultan. „Schlaganfall“, „Herzinfarkt“, „Zusammenstoß“ oder alleine rund 130 Schlagwörter die mit Brand zu tun haben. „Brand Mülltonne“, „Brand Biogasanlage“, „Brand Einfamilienhaus“ – Winzinger glaubt an das System und vertraut darauf. „Die Feuerwehren haben in diesem Bereich beispielsweise im Vorfeld schon für jedes denkbare Szenario überlegt, was sie für Einsatzkräfte benötigen. Unser Disponent muss im Gespräch mit einem Anrufer, der die 112 gewählt hat, entscheiden ‚was liegt jetzt da draußen vor?‘“

Der Disponent hat mehrere Monitore im Blick.
Der Disponent hat mehrere Monitore im Blick.

Genau da liegt ein Schwachpunkt. Ohne sich selber „ein Bild“ zu machen – also ohne den Unfall, den Rauch oder den Verletzten selber zu sehen – muss der Disponent vor seinen Flachbildschirmen die Situation einschätzen und eine Entscheidung fällen. Und genau dafür ist er geschult: Die Disponenten sind mindestens fertig ausgebildete Rettungsassistenten, haben 18 Wochen Feuerwehr-Lehrgang mit dem Abschluss „Gruppenführer“ sowie Praktika erfolgreich absolviert, bevor sie sieben Wochen an der Staatlichen Feuerwehrschule Geretsried einen Disponentenlehrgang besuchen. Erst danach folgt die zweijährige, leitstellenspezifische „Heimatausbildung“. „Das heißt, die sind in der Ausbildung erst mal rund 20 Wochen mit 800 Stunden ganz wo anders, bevor sie hier anfangen“, sagt Winzinger.

Die fünf „W“ entscheiden

Entscheidend ist das Meldebild. Oft liegt es ganz banal an den fünf W-Fragen und dem Anrufer, wie gut die Alarmierung klappt.

Der Notruf: Die fünf „W“

  • Wo ist das Ereignis?

    Geben Sie den Ort des Ereignisses so genau wie möglich an (zum Beispiel Gemeindename oder Stadtteil, Straßenname, Hausnummer, Stockwerk, Besonderheiten, Fahrtrichtung, Kilometerangaben)!

  • Wer ruft an?

    Nennen Sie Ihren Namen, Ihren Standort und Ihre Telefonnummer für Rückfragen

  • Was ist geschehen?

    Beschreiben Sie knapp das Ereignis und das, was Sie konkret sehen – beispielsweise Verkehrsunfall, Absturz, Brand, Explosion, Einsturz, eingeklemmte Person

  • Wie viele Betroffene?

    Schätzen Sie die Zahl der betroffenen Personen, ihre Lage und die Verletzungen. Geben Sie bei Kindern auch das – gegebenenfalls geschätzte – Alter an

  • Warten auf Rückfragen!

    Legen Sie nicht gleich auf. Die Mitarbeiter der Integrierten Leitstelle benötigen vielleicht noch weitere Infos

  • Weitere wichtige Nummern:

    Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst – (0 18 05) 19 12 12.

  • Weitere wichtige Nummern:

    Polizei-Einsatzzentrale Straubing 110

Anfang Januar zum Beispiel hatte eine brennende Tischdecke mitten in der Nacht einen Großeinsatz in einem Hotel in Bad Gögging ausgelöst. Der Anrufer hatte Rauch gesehen und die 112 gewählt. Daraufhin eilten mehr als 100 Hilfskräfte von Feuerwehr und Rotem Kreuz zur Brandstelle – die dann mit einem Eimer Wasser gelöscht wurde. Ein gerademal zweistelliger Sachschaden.

„Aber das waren halt die vorgeschlagenen Kräfte für das Stichwort ‚Brand Hotel‘“, sagt Peter Winzinger. Das sei natürlich eine nicht alltägliche Schadenslage, die sich auch leicht zu einer viel größeren hätte entwickeln können. „Lieber zu viel als zu wenig.“

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