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Samstag, 26. Mai 2018 28° 2

Sucht

In Problemen fast ertrunken

Die perfekte Familienmanagerin wollte Lisa A. aus Kelheim sein. Sie scheiterte, verfiel ins Trinken – und entkam wieder.
Von Martina Hutzler

Vom Genuss in die Abhängigkeit: Alkohol wurde für Lisa A. zum zwanghaften Weg, um das „Kopfkino“ für ein paar Stunden abzuschalten. Symbolbild: Gregor Fischer/dpa

Kelheim. „Was – Du?!?“ Eine typische Reaktion, wenn Lisa A. (Name geändert) ein Glas Wein ablehnt mit der Begründung „Ich bin trockene Alkoholikerin“. Die zierliche Frau räumt mit etlichen Klischees über „die“ Alkoholkrankheit auf, die ja so viele Facetten hat. Eine ist wohl bei fast alle Betroffenen gleich: Der Alkohol ist nicht das ursächliche Problem – sondern Probleme führen in die Sucht. Bei Lisa A. war es das Unvermögen, zu Anderen Nein und zu sich selbst Ja sagen zu können, das sie vor zwölf Jahren zum gefährlichen Problem“löser“ Alkohol führte. Erst neun Jahre später begann sie, sich ihrer eigenen Not zu stellen.

Vom Genuss in die Abhängigkeit: Alkohol wurde für Lisa A. zum zwanghaften Weg, um das „Kopfkino“ für ein paar Stunden abzuschalten. Symbolbild: Gregor Fischer/dpa

Denn zuvor hat sie sich vor allem als Managerin für alle anderen definiert. Und scheiterte daran. Ihr Vater schwer krank, der Sohn schwer pubertär, der Beruf anstrengend – „ich hab’ versucht, alles zu regeln, die Harmonie in der Familie zu bewahren. Aber das geht so ja gar nicht, weiß ich heute.“ Ohne dieses Wissen hat sie sich damals in Selbstvorwürfe reingesteigert. „Wenn dann abends das Kopfkino gar nicht mehr aufhört, hilft halt ein Glas Wein beim Einschlafen. Und es bleibt nicht bei einem Glas.“ Sie, die bis dahin einen guten Tropfen zum Essen oder mal eine feucht-fröhliche Party genossen hat, braucht nun den Alkohol, um ihre Sorgen zu vergessen.

Absturz – Pause – Absturz

Das Pensum stieg, die „Abstürze“ häuften sich: Vollrausch, Erbrechen und Monster-Kater hinterher. „Da war ich psychisch am Ende meiner Kräfte.“ „Pegel-Trinker“, also körperlich abhängig, sei sie hingegen nie gewesen, sagt Lisa A. Es gab immer wieder zwei, drei „unauffällige“ Monate. Die ließen ihre Familie immer wieder fälschlich hoffen, es werde schon wieder mit der Mama. „Vor etwa drei Jahren ist meiner Familie wohl klar geworden, dass ich alkoholkrank bin“. Die Reaktion ihrer Tochter beeindruckt Lisa A. bis heute.

Die damals 16-Jährige holte sich ohne Wissen der Mutter Rat bei der Suchtberatung der Caritas Kelheim. Und verfrachtete dann ihre Eltern mit den Worten „wir drei haben jetzt einen Termin bei der Caritas“ ins Auto. „Wie ein Häufchen Elend bin ich dort gesessen. Aber es war der beste Schritt, den ich tun konnte“, sagt Lisa A. im Rückblick. Jedoch nur ein erster.

Die Tochter war es, die Lisa A. dazu brachte, Hilfe bei der Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme zu suchen. Foto: Hutzler

Bei der Caritas erlernte sie mit Ohr-Akupunktur und Hypnose die Tiefenentspannung – eine Technik, die sie bis heute nutzt, „um runterzukommen“, wenn es ringsum wieder rund geht. Keine Grenzen ziehen, nicht nein sagen können – die Gründe ihrer Sucht wurden ihr damals langsam klar. „Gefehlt hat noch die bewusste Entscheidung, ,ich trinke nie mehr was’“. Auch da half die Tochter nach.

„Weil ich trotzdem immer wieder Rückfälle hatte, ist sie in eine Selbsthilfegruppe für Alkoholabhängige gegangen“ und hat der Mutter den Weg dorthin bereitet. Sich anderen Betroffenen zu öffnen, fiel Lisa A. unendlich schwer – war es doch das Eingeständnis, alkoholkrank zu sein. Aber auch diesen Weg hätte sie schon längst gehen sollen, weiß sie heute. Monatelang ging es mit Hilfe der Gruppe gut. „Aber vor einem Jahr kam wieder der Punkt, wo mir alles zu viel wurde“ – Rückfall!

Eine Katastrophe für viele Betroffene und ihre Familien, weiß Lisa A. heute, nach vielen Gesprächen mit Leidensgenossen. Sie selbst rechnet ihrer Familie bis heute himmelhoch an, dass sie die Mutter trotz des erneuten Rückfalls nicht fallen ließ. Aber Lisa A. war klar: „Ein Puzzleteil fehlt noch.“

Ambulante Therapie half

Wieder suchte sie Rat bei der Caritas – und fand sich eine Woche später in einer ambulanten Therapiegruppe in Kelheim wieder. Wöchentlich geht es um Anleitungen zu Stressbewältigung und Rückfall-Vorbeugung, um medizinische Aufklärung. Und um die Umsetzung des Gehörten im Alltag.

Für Lisa A. hieß das, die Familie ins Gespräch mit der Therapeutin einzubinden, um ohne gegenseitige Schuldzuweisungen den Weg in die Sucht zu analysieren. Denn beim Weg aus ihr heraus „muss das Umfeld mitziehen“, weiß Lisa A. heute.

Seit rund einem Jahr ist Lisa A. jetzt „trocken“. Aber sie weiß, dass sie ein Leben lang auf sich aufpassen muss, um nicht wieder ihre Probleme in Alkohol zu ertränken. Foto: Patrick Pleul/dpa

Außerdem hat sie mittlerweile „Umwege“ erlernt, um den vermeintlichen Problemlöser Alkohol auszubooten. „Ich meditiere zum Beispiel jeden Tag, um den Kopf freizukriegen“. Und wenn nötig, nimmt sie sich zwischendurch eine Auszeit – „ohne schlechtes Gewissen, das war anfangs ganz schwierig!“ Aber auch das Gegenteil braucht sie, wie sie nun weiß: Bewegen, sich auspowern. Dafür hat sie das Tanzen entdeckt.

Und noch etwas hat sie für sich beschlossen: keine Geheimniskrämerei mehr im Freundes-, Bekanntenkreis. „Gemerkt haben sie eh, dass was nicht stimmt.“ Wenn sie jetzt erklärt, warum sie auf Alkohol verzichtet, ernte sie stets Verständnis, erzählt sie. Das hat sie so ermutigt, dass sie sich mittlerweile selbst ehrenamtlich in der Suchtprävention engagiert. Sogar die Ausbildung zu Suchtberaterin peilt sie nun an. Am eigenen Leib erfahren zu haben, was Sucht heißt, das kann doch für eine Beraterin nur von Vorteil sein, ist Lisa A. überzeugt.

Ansprechpartner

  • Die Suchtberatungsstelle

    der Caritas Kelheim, Pfarrhofgasse, hat montags (14.30-16.30) und freitags (10.30-11.30 Uhr) eine offene Sprechstunde, zu der man ohne Termin kommen kann.

  • Neu ist

    ein „ Café-Treff“, den Lisa A. (Name geändert) gegründet hat. Auch zu diesem Treff, dienstags von 16 bis 18 Uhr bei der Caritas, können Angehörige und Betroffene ohne Anmeldung kommen.

  • Wer dazu

    oder zu anderen Themen rund um die Sucht hat, kann via Caritas Kontakt zu Lisa A. knüpfen. Telefon: 0 94 41/ 5007-22, www.caritas-kelheim.de => „Beraten & Helfen“ => „Sucht“

Seit sie die ambulante Therapie begonnen hat, „bin ich trocken“. Aber sie weiß nur zu gut, dass sie sich für immer vorm Alkohol wird hüten müssen. „Wichtig ist, dass ich mir das nicht von jemandem sagen lassen muss. Sondern dass ich selbst sage: ,Ich will nicht trinken – es tut mir nicht gut!‘“

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