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Soziales

Inklusion mit Leben füllen

Zur Inklusions-Ausstellung lud die Bad Abbacher Bücherei Schüler und Vertreter des Blinden- und Sehbehindertenbunds ein.
Von Gabi Hueber-Lutz

Die Kinder der Klasse 4D haben Collagen für Menschen mit Sehbehinderung gestaltet.  Foto: Hueber-Lutz
Die Kinder der Klasse 4D haben Collagen für Menschen mit Sehbehinderung gestaltet. Foto: Hueber-Lutz

Bad Abbach.Was ist eigentlich Inklusion? Die Kinder der Klasse 4D tasten sich ran an den Begriff. „Es hat mit Behinderung zu tun“, sagt ein Mädchen. Schnell zählen die Kinder bei ihrem Besuch in der Bücherei verschiedene Behinderungen auf. Damit haben sie sich auch schon im Unterricht befasst, und dazu haben sie mit Lehrerin Claudia Seibel Collagen angefertigt. Aber Inklusion ist ein weites Feld, wie Büchereileiterin Tina Grünewald absteckt. Wenn eine Frau ein Kopftuch trägt, wenn jemand dunkelhäutig ist, generell, wenn jemand auffällt, „ist das kein Grund, ihn nicht in unsere Mitte zu lassen“.

Sich vertraut machen

Sehr schnell fällt den Kindern ein, wie man es bewerkstelligen könnte, jemanden, der anders ist, in den eigenen Kreis zu holen: ihn unterstützen, ihn behandeln wie andere auch, keine Witze machen, nicht anstarren. Die beste aller Möglichkeiten Inklusion zu leben, bekommen die Kinder an diesem Tag dann in der Bücherei geboten: Sie können sich vertraut machen mit dem Leben von Menschen mit Behinderungen.

Zu ihnen sind Dr. Elmar Kißlinger aus Bad Abbach und Georg Wagner aus Ihrlerstein gekommen. Beide Männer sind blind. Beide erzählen ihre Geschichte, haben Informationen dabei und beantworten die vielen Fragen der Kinder. Die Stimmung ist unverkrampft, das Interesse der Kinder groß und man lacht auch viel miteinander. „Wenn ihr mich seht, denkt ihr, der sieht ja ganz normal aus“, sagt Dr. Kißlinger vom Bayerischen Blinden- und Sehbehinderten Bund.

Mit speziellen Brillen konnten die Kinder selbst erfahren, wie es ist sehbehindert zu sein.  Foto: Hueber-Lutz
Mit speziellen Brillen konnten die Kinder selbst erfahren, wie es ist sehbehindert zu sein. Foto: Hueber-Lutz

Tatsächlich könne er aber nur wahrnehmen, dass in dem Kreis einige Leute sitzen, mehr nicht. Als er 40 Jahre alt war, habe er eine sehr seltene Krankheit gehabt, erzählt er den Kindern und stellt etliche der Hilfsmittel vor, die ihm das Leben nun erleichtern: die sprechende Uhr, und den vorlesenden Computer zum Beispiel. Als er nicht mehr lesen konnte, hat er Blindenschrift gelernt. Weil er erst mit 40 Jahren damit begonnen habe, sei er ungefähr auf dem Niveau eines Abc-Schützen.

Anders Georg Wagner. Er verlor bereits in jungen Jahren das Augenlicht, und besuchte als Erstklässler schon die Blindenschule in München. Nur dreimal im Jahr durfte er nach Hause. Ein Raunen geht durch die Reihe der Kinder. Doch bei Georg Wagner ist der Optimismus offensichtlich zuhause. Er war zwar nicht oft zuhause, habe aber 140 Geschwister in der Schule gehabt, wirft er in die Runde.

Georg Wagner im Gespräch mit den Schülern.  Foto: Gabi Hueber-Lutz
Georg Wagner im Gespräch mit den Schülern. Foto: Gabi Hueber-Lutz

Und durch seine Behinderung eine Chance bekommen, die er sonst wohl nicht gehabt hätte: Er durfte als einziges Kind seiner Familie die Realschule besuchen. Freilich, Berufe gibt es für blinde Menschen nicht ganz so viele, räumt er ein. Er selber hat am Kelheimer Krankenhaus Arztbriefe geschrieben. Sämtliche lateinischen Fachausdrücke kannte er auswendig, denn nachschauen konnte er ja nicht. Daneben pflegt er noch etliche Hobbys: Er singt gerne, liebt klassische Musik und spielt sogar Theater. Und wie träumt er, möchte eines der Kinder noch von Georg Wagner wissen. „Manche Träume träume ich als Blinder und bei manchen kann ich sehen.“

Wissen schafft Verständnis

  • Collagen:

    Die Klasse 4D hat im Kunstunterricht Inklusion zu ihrem Thema gemacht und überlegt, wie eine Collage gestaltet sein muss, dass auch Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen etwas davon haben. Herausgekommen sind fantasievolle Bilder aus fühlbaren Materialien.

  • Brille:

    Beeinträchtigungen im Sehvermögen kann man auch für gesunde Menschen erlebbar machen. Brillen mit verschiedenen Einsätzen zeigen zum Beispiel, wie verschwommen jemand sieht. Auch ein eingeschränktes Gesichtsfeld ist mit Spezialbrillen vermittelbar.

  • Aufklärung:

    Dr. Elmar Kißlinger ist viel in Sachen Aufklärung unterwegs. Der Arzt, der durch eine Krankheit sein Sehvermögen verlor, ist im Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund engagiert. Seine Überzeugung. „Wenn man etwas lernen muss, dann tut man es auch.“

  • Gespräch:

    Georg Wagner erzählte wie wichtig es ist, viel miteinander zu sprechen. Auch über ganz alltägliche Dinge. Zum Beispiel darüber, ob Treppen nach oben oder unten führen. Er sei jetzt 69 Jahre alt und habe nur zwei kleinere Unfälle aufgrund seiner Behinderung gehabt. (lhl)

Eine wichtige Rolle in seinem Leben spielt die Ordnung. Zuhause muss aufgeräumt sein, jedes Ding an seinem Platz stehe, damit er es findet und damit er nicht stolpert. In diesem Fall können die Kinder die Notwendigkeit des Aufräumens sehr gut nachvollziehen. Dann liest Wagner vor. Er hat ein Buch dabei und in großer Geschwindigkeit tasten seine Finger über die Braille-Schrift. Auch die Kinder und die Erwachsenen in der Runde bekommen Karten mit Sätzen in Blindenschrift, die sie entziffern sollen. Sie können kaum die einzelnen Buchstaben richtig ertasten, geschweige denn lesen. Die Leistung von Wagner erscheint ihnen unvorstellbar.

Viele Hilfsmittel

Die Kinder fragen, ob er Farben kennt. Grundfarben schon noch, sagt Wagner, aber mit Modefarben ist es vorbei. „Khaki ist für mich ein Wort, keine Farbe.“ Dr. Kißlinger lässt wieder ein Hilfsmittel in die Unterhaltung einfließen: Es gibt Farberkennungsgeräte, mit denen ein blinder Mensch ermitteln kann, ob seine Kleidungsstücke farblich zusammenpassen. Wagner spielt leidenschaftlich gern Mensch ärgere dich nicht. Dafür gibt es spezielle Steckbretter, informiert Dr. Kißlinger. Und manchmal muss man sich anders behelfen.

Eine der entstandenen Collagen  Foto: Gabi Hueber-Lutz
Eine der entstandenen Collagen Foto: Gabi Hueber-Lutz

Wagner mag Tierfilme. Als er sich gar nicht vorstellen konnte, wie ein Känguru aussieht, hat seine Frau Anita in der Spielwarenabteilung ein Stoff-Känguru gekauft. Apropos Einkaufen: Im Supermarkt sei das für ihn schon schwierig, erzählt Wagner. Auch da gibt es ein Gerät, das einem sagt, was in einer Packung enthalten ist. Wagner mag das aber nicht so gern. Dr. Kißlinger gibt den Kindern deshalb einen ganz einfachen Tipp: Wenn sie sehen, dass jemand nicht zurecht kommt, einfach fragen, ob sie helfen können. „Das freut uns wirklich!“

Dr. Elmar Kißlinger ist viel in Sachen Aufklärung unterwegs.  Foto: Gabi Hueber-Lutz
Dr. Elmar Kißlinger ist viel in Sachen Aufklärung unterwegs. Foto: Gabi Hueber-Lutz

Und noch ein Schlüsselsatz fällt im Gespräch. Als er noch sehen konnte, habe er mit zwei Fingern Schreibmaschine geschrieben. Dann hat er auf das Zehn-Finger-System umgelernt, damit er nicht mehr darauf angewiesen war, die Tastatur sehen zu können, berichtet Dr. Kißlinger und fügt an: „Wenn man etwas lernen muss, dann tut man es auch.“

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