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Vereinsleben

Ist nach 145 Jahren Schluss?

Die Vorsitzenden und der Kassier sind weg. Der Kriegerverein Hienheim ist nicht mehr handlungsfähig. Es geht ums Überleben.
Von Jochen Dannenberg

191 Mitglieder hat der Krieger-, Reservisten- und Kameradenverein Hienheim/Arresting. Dennoch liefen dem Verein zuletzt die beiden Vorsitzenden und der Kassier davon.  Foto: Neumair
191 Mitglieder hat der Krieger-, Reservisten- und Kameradenverein Hienheim/Arresting. Dennoch liefen dem Verein zuletzt die beiden Vorsitzenden und der Kassier davon. Foto: Neumair

Hienheim.145 Jahre ist der Krieger-, Reservisten- und Kameradenverein Hienheim/Arresting in diesem Jahr alt. Fast hätte der Verein das Jubiläumsjahr nicht überlebt. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr hangelte sich der Verein von einer Krisensitzung zur anderen. Der Grund: Niemand wollte den Vorsitz eines der ältesten Vereine in den zu Neustadt gehörenden Orten übernehmen.

Nicht nur der erste Vorsitzende hatte sein Amt niedergelegt. Auch sein Stellvertreter und der Kassier hatten „das Handtuch geworfen“. Die Folge: Der Verein ist nicht mehr handlungsfähig. Die Mitglieder können auch auf das Vereinskonto nicht mehr zugreifen. Die Auflösung des Vereins hängt deshalb seit Monaten wie ein Damoklesschwert über der Zukunft des Krieger-, Reservisten- und Kameradenvereins Hienheim/Arresting. Zwar gibt es mit Josef Pöppel aus Hienheims Nachbarort Arresting noch einen dritten Vorsitzenden, doch mit dessen Amt verknüpfen sich keine besonderen Befugnisse. „Ich bin der Vertreter der Mitglieder aus Arresting“, erklärt der Austragslandwirt. Sebastian Rosenhammer, Stadtrat für Hienheim und Arresting im Neustädter Kommunalparlament, bestätigt: „So, ist es.“ Josef Pöppel könne den Verein nicht wirksam bei Rechtsgeschäften vertreten.

„Die wollten nicht mehr“

Wer bei den Mitgliedern nachfragt, wie es soweit kommen konnte, dass nicht nur ein Mitglied der Vorstandschaft, sondern gleich alle wichtigen Personen ihre Mitarbeit aufkündigen, bekommt kaum stichhaltige Informationen. „Die wollten einfach nicht mehr“, sagt Josef Pöppel. Seit Jahresbeginn wird deshalb eine neue Führung gesucht. Eine Situation wie in Abensberg wollte niemand.

Dort wurde vor wenige Monaten der Krieger- und Kameradenverein aufgelöst. Das hatten zuvor 13 Mitglieder des 145 Jahre alten Vereins bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung beschlossen. Vorausgegangen war ein monatelanges Suchen nach einem 1. Vorsitzenden unter den zuletzt insgesamt 134 Mitgliedern. Auch die Unterstützung von Landrat Martin Neumeyer hatte das Ende des Vereins nicht verhindern können.

Altersstruktur als Problem

Die Entscheidung zur Auflösung fiel den Mitgliedern nicht leicht, wird berichtet, doch war die Altersstruktur der Anwesenden deutlich zu hoch, um den Verein noch führen zu können. Satzungsgemäß übernahm anschließend das Abensberger Stadtmuseum die Fahne und den Fahnenschrank, die Salutkanone sowie die historischen und aktuellen schriftlichen Unterlagen Protokollbücher.

Viele gehören dem Verein seit Jahrzehnten an. Immer wieder werden langjährige Mitglieder für ihre Treue geehrt.  Foto: Neumair
Viele gehören dem Verein seit Jahrzehnten an. Immer wieder werden langjährige Mitglieder für ihre Treue geehrt. Foto: Neumair

Beim Krieger-, Reservisten- und Kameradenverein Hienheim/Arresting ruhen die Hoffnungen auf einer außenordentlichen Mitgliederversammlung, die am Freitag im Sportheim des SV Hadrian Hienheim stattfinden soll. Auf der Tagesordnung steht wieder einmal die Wahl einer neuen Vorstandschaft. Für eine wichtige Position ist bereits ein Mann gefunden worden. Josef Pöppel sagte im Gespräch mit der Mittelbayerischen, er würde den Posten des 1. Vorsitzenden übernehmen. Als 2. Vorsitzender stehe Georg Forchhammer bereit, erklärte Stadtrat Sebastian Rosenhammer, der an vielen Sitzungen des Vereins teilgenommen und bei der Suche nach einer neuen Vorstandschaft geholfen hat. Zugleich, so Rosenhammer, würde sich Georg Forchhammer auch um die Kasse kümmern.

Es kriselt

Allerdings ist die Zukunft des Krieger-, Reservisten- und Kameradenvereins damit noch nicht gesichert. Die neue Vorstandschaft ist vorerst nur bis Mitte Januar im Amt. Dann muss möglicherweise bei einer weiteren regulären Mitgliederversammlung wieder gewählt werden.

Abensberg und Hienheim sind keine Einzelfälle. Auch der Krieger- und Kameradenverein Bad Gögging suchte jahrelang nach einem neuen Vorsitzenden. Vier Jahre führte dort Alfred Huber kommissarisch die Geschäfte, ehe er sich der Wahl stellte. Die Situation, in der sich die Krieger- und Soldatenvereine befinden, ist in vielen Fällen gleich. Nach Kriegsende übernahmen sie die Funktion früherer Sozialverein und halfen Kriegsheimkehrern, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Die Opfer und Vermissten der Weltkriege werden durch Kriegerjahrtage geehrt.

Traditionspflege

  • Mutig:

    Man muss sich nur mal trauen. Das dachten sich auch die Mitglieder der Krieger- und Soldatenkameradschaft Adlhausen bei Langquaid. Als sie in diesem Sommer das 100-jährige Bestehen ihres Vereins feierten, gab es nicht nur das obligatorische Patenbitten und einen Festumzug. sondern ein Fest für den ganzen Ort.

  • Programm:

    Zum Jubiläum lud die Krieger- und Soldatenkameradschaft Adlhausen nämlich nicht nur die örtlichen Vereine ein, sondern auch den Kabarettisten Django Asül und die Kultband LaBrassBanda. Die gehören übrigens genauso zu Bayern wie Bier und Brezn, Feldkreuze, Kirchtürme und Reservistenvereine. Auch das ist Traditionspflege.

Die Probleme, vor denen die Vereine stehen, sind regelmäßig dieselben: Mitgliederschwund und Mangel an Nachwuchs. Früher ergab sich der Nachwuchs fast von selbst. Regelmäßig schieden Wehrpflichtige, Zeit- und Berufssoldaten aus der Bundeswehr aus. Viele wurden anschließend Mitglied in einer Reservistenvereinigung. Doch damit ist es spätestens seit Abschaffung der Wehrpflicht vorbei.

Mutig ins Jubiläum

Wie die Zukunft der Krieger- und Soldatenvereine aussehen kann, zeigte in diesem Jahr das Jubiläum der Krieger- und Soldatenkameradschaft Adlhausen bei Langquaid. Die feierte im Juni ihr 100-jähriges Gründungsfest. Am Festwochenende gab es nicht nur den obligatorischen Festumzug mit den Vereinen, es traten auch der Kabarettist Django Asül und die Kultband LaBrassBanda auf.

Die bayerische Rockband LaBrassBanda trumpfte beim Open-Air der Krieger in Adlhausen auf. Foto: Martin Haltmayer
Die bayerische Rockband LaBrassBanda trumpfte beim Open-Air der Krieger in Adlhausen auf. Foto: Martin Haltmayer

Einen noch anderen Weg wählten die Mitglieder des Krieger- und Soldatenvereins im oberbayerischen Hallbergmoos. Sie gaben ihrer Gruppe einen neuen Namen und ein neues Profil. Der Verein heißt seither „Heimat- und Traditionsverein“ und kümmert sich um die Heimatgeschichte. Außerdem versucht er, durch Geschichtsarbeit in Schulklassen Kindern und Jugendliche für die Auseinandersetzung mit Geschichte zu begeistern. Das schlug sich positiv in der Mitgliederzahlen nieder.

Grundwerte verdeutlichen

Sebastian Rosenhammer, der Stadtrat, der sich jahrzehntelang um die Belange „seiner“ Bürger gekümmert hat, wäre froh, wenn Krieger-, Reservisten- und Kameradenverein Hienheim/Arresting neu durchstarten würde. Er sagt, es gehe um mehr als die Erinnerung an die Toten und Vermissten der Weltkriege. „Es geht doch auch darum, dass man deutlich macht, wohin Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus führen können. Man muss doch auch deutlich machen, wofür dieser Staat, in dem wir leben, steht und was seine Grundwerte sind.“ Auch dafür wären die Gedenktage geeignete Anlässe.

Natürlich gehe es daneben auch ganz wesentlich darum, die Gemeinschaft und Geselligkeit zu pflegen. Würde der Verein aufgegeben werden, würde das eine spürbare Lücke in das Leben von Arresting und Hienheim reißen. „Als Vereinsmitglied und Stadtrat werde ich in den nächsten Wochen versuchen, dass wir für die Neuwahlen im Januar eine neue Führungsmannschaft für den Verein finden. Ich bin optimistisch, dass das gelingt.“ Rosenhammer weiß, wovon er beim Thema „Ehrenamt“ spricht. Er selbst ist seit 47 Jahre Schiedsrichter im Amateurfußball, 29 Jahre Stadtrat und seit 26 Jahren Vorsitzender des SV Hadrian Hienheim.

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