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Sicherheitsfrage

Kraftwerk Isar 1 wird zurückgebaut

Nicht strahlend, sondern rein muss es werden: Wenige Kilometer von Kelheim entfernt läuft eine Demontage besonderer Art.
Von Martina Hutzler

Das Kernkraftwerk Isar bei Essenbach / Niederaichbach: Der Kühlturm dampft noch –  er gehört  zum Reaktor Isar 2, der noch Strom produziert. Isar 1 wird schon rückgebaut. Luftbild: Dr. Satzl
Das Kernkraftwerk Isar bei Essenbach / Niederaichbach: Der Kühlturm dampft noch – er gehört zum Reaktor Isar 2, der noch Strom produziert. Isar 1 wird schon rückgebaut. Luftbild: Dr. Satzl

Kelheim. 63 Kilometer zeigt der Routenplaner an: So weit weg – oder besser: So nah gelegen sind die Kernkraftwerke Isar 1 und 2 in Essenbach/Niederaichbach zum Kelheimer Ludwigsplatz. Für radioaktive Teilchen und Strahlen ein Katzensprung, das wissen wir seit Tschernobyl. Weshalb auch uns Kelheimern sehr dran gelegen sein muss, dass Sebastian Wittmann und seine Kollegen in den nächsten 15 Jahren einen guten Job machen. Der da lautet: „Wir bauen ein Kernkraftwerk ab“.

Das Kernkraftwerk Isar bei Essenbach / Niederaichbach: Der Kühlturm dampft noch –  er gehört  zum Reaktor Isar 2, der noch Strom produziert. Isar 1 wird schon rückgebaut. Luftbild: Dr. Satzl
Das Kernkraftwerk Isar bei Essenbach / Niederaichbach: Der Kühlturm dampft noch – er gehört zum Reaktor Isar 2, der noch Strom produziert. Isar 1 wird schon rückgebaut. Luftbild: Dr. Satzl

Wittmann, Vize-Chef am Kraftwerksstandort Isar, muss als „Rückbauleiter“ fürs Kernkraftwerk Isar 1 (KKI 1) geordnet zu Ende bringen, was hektisch begann – nach Fukushima. Im März 2011 zog die Bundesregierung die Reißleine bei der Kernkraftnutzung. Den Siedewasser-Reaktor Isar 1, seit 1979 in Betrieb, ließ sie schon nach wenigen Tagen herunterfahren – er ging nie mehr ans Netz.

Hin und Her im Atomgesetz

  • 2002:

    Die rot-grüne Regierung Schröder leitet per Atomgesetz-Änderung den Ausstieg aus der Kernenergie-Nutzung ein. Zwei KKW werden in der Folge abgeschaltet, die übrigen sollen noch definierte Strommengen liefern.

  • 2010:

    Die schwarz-gelbe Regierung Merkel beschließt eine Laufzeitverlängerung für deutsche Kernkraftwerke: acht zusätzliche Betriebsjahre für ältere KKW (u.a. Isar 1), 14 Jahre zusätzlich für jüngere (u.a. Isar 2).

  • 2011:

    6 Tage nach der Katastrophe von Fukushima (11. März) müssen acht KKW (u.a. Isar 1) vom Netz. Deren endgültiges Aus und den gestuften Atomausstieg bis 2022 leitet das Merkel-Kabinett im Juni ein. (Quelle: Wikipedia)

Aber bis Januar 2017 hat es seither allein schon gedauert, bis die Betreiberfirma (mittlerweile PreussenElektra) und das bayerische Umweltministerium den atomrechtlichen Fahrplan Richtung „grüne Wiese“ genehmigungsreif hatten. Und dabei enthält diese „Erste Genehmigung zur Stilllegung und zum Abbau des Kernkraftwerks Isar 1 (SAG 1)“ noch nicht mal das strahlende Herz: Um den Rückbau von Reaktordruckbehälter und Brennelemente-Lagerbecken wird es erst in der SAG 2 gehen. Mit deren Erteilung rechnet Wittmann ungefähr im Jahr 2023; abgearbeitet sein soll sie bis 2032. Und selbst dann präsentiert sich Isar 1 von außen: praktisch unverändert.

Kurz und klein, lautet die Devise

Denn dann erst soll der konventionelle Abbruch der rund 200 000 Tonnen schweren Gebäudehüllen starten. Bis dahin gelten alle Arbeiten dem atomrechtlich relevanten Innenleben, schildern Rückbauleiter Wittmann und KKI-Pressebeauftragter Bernd Gulich. Von der haushohen Turbine bis zum kleinsten Ventil muss jedes Anlagenteil abgebaut und in handliche Stücke zerlegt werden, die durch die Messanlagen passen. Alles, was durch radioaktive Stoffe verunreinigt ist, muss zudem dekontaminiert werden.

Strahlen gegen das Strahlen: In einer hermetisch abgeriegelten Kammer und mit einem Schutzanzug, in dem Überdruck herrscht, „poliert“ ein Mitarbeiter zerlegte Teile. Die abgeschmirgelte kontaminierte Schicht ist radioaktiver Abfall, der Rest kann konventionell recycelt werden. Foto: Hutzler
Strahlen gegen das Strahlen: In einer hermetisch abgeriegelten Kammer und mit einem Schutzanzug, in dem Überdruck herrscht, „poliert“ ein Mitarbeiter zerlegte Teile. Die abgeschmirgelte kontaminierte Schicht ist radioaktiver Abfall, der Rest kann konventionell recycelt werden. Foto: Hutzler

Erst nach mehreren radiologischen Messungen darf das Innenleben nach draußen: Was als unbelastet freigegeben ist, kann konventionell wiederverwendet oder recycelt werden. Allein das sind rund 20 600 Tonnen Material, schätzen die Betreiber! Aller radioaktiver Abfall muss, sicher verpackt („konditioniert“), ins Zwischen- und irgendwann in ein Endlager – rund 3400 Tonnen! Das Gros ist „nur“ schwach- bis mittel-radioaktiv und kann ins zumindest schon genehmigte Endlager „Konrad“. Für hochradioaktiven Abfall sucht Deutschland bis 2031 erst mal ein Endlager. Von dessen Genehmigung und Bau ganz zu schweigen…

Diese zeitliche Perspektive beunruhigt Rückbauleiter Wittmann zwar. Aber Endlagerung ist Staates Sache. Eine „politische Entscheidung“ sei’s ja auch gewesen, dass in Deutschland bis 2022 Schluss ist mit Kernkraft-Nutzung. Er hat sie akzeptiert; an der Isar sei der Ausstieg mittlerweile auch technisch unumkehrbar. Dass er darüber nicht glücklich ist, verhehlt der Ingenieur kaum; nach 37 Jahren in der Branche „bin ich nach wie vor überzeugt: Die Anlagen hierzulande sind sicher.“ Und ebenso ihr Rückbau, ergänzt Wittmann.

Sebastian Wittmann ist Rückbau-Leiter für das Kernkraftwerk Isar 1. Foto: PreussenElektra
Sebastian Wittmann ist Rückbau-Leiter für das Kernkraftwerk Isar 1. Foto: PreussenElektra

Das sahen Kritiker anders: Der Bund Naturschutz etwa hat Klage eingereicht, weil der Isar 1-Rückbau beginnt, noch während die Brennelemente im Lagerbecken des Reaktors ruhen – sie sollen erst bis Ende 2019 ausgebaut, in „Castor“-Behälter verpackt und ins standorteigene Zwischenlager „Bella“ verfrachtet sein.

Technisch machbar und andernorts schon praktiziert sei das, kontert Sebastian Wittmann. Die weit größere Herausforderung sei die Motivation der derzeit noch rund 480 Mitarbeiter von Isar 1 und 2 (und rund 300 festen externen Kräfte wie Wachdienst, Küchenpersonal). „Geschockt, wie gelähmt“ seien sie alle erst mal gewesen, nach dem Ausstiegs-Beschluss 2011.

Ausstieg schockte Belegschaft

Kein Wunder: Das KKI, bis dahin in der Region als ein arbeitsleben-lang sicherer Arbeitsplatz (und sprudelnde Steuerquelle) wahrgenommen, schien für Arbeitnehmer plötzlich wie ein „sinkendes Schiff“. Mittlerweile zeigt indes der Rückbau-Plan: Es sinkt so langsam und arbeitsintensiv, dass Personal und Betreiber wohl mit natürlicher Fluktuation und Vorruhestandsregelungen, ohne Kündigungen, bis ans sichere Rentenufer kommen. Eine Betriebsvereinbarung gewährt Job-Sicherheit zumindest bis 2027. Rückbau ist aber eine Kunst für sich – die Arbeit ändert sich, Schulungen sind nötig.

Der Rückbau, für den PreussenElektra ca. eine Milliarde Euro plant, stellt sich als Sisyphos-Arbeit dar. „Es ist, als bauen Sie ein Haus ab und müssen alles durch die Haustür raustragen“, beschreibt es Martin Trettenbach von der KKI-Strahlenschutz-Abteilung. Wir sind mit ihm und Pressesprecher Gulich zu einem Rundgang durch Isar 1 aufgebrochen.

Die Multimedia-Reportage dazu lesen Sie hier!

Wie wichtig für die gesamte Region ein sicherer Betrieb (und Rückbau) der Kraftwerke Isar 1 und 2 ist, hat ein Kollege zum Jahrestag des Tschernobyl-Unglücks recherchiert. Denn bei einem Störfall wäre auch der gesamte Kreis Kelheim in der „Außenzone“ und damit von behördlichen Maßnahmen tangiert. Das zeigt die folgende Grafik:

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