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Kunst aus Train für Münchens Westen

Gerhard Zeitler jun. beherrscht die Spenglerei bis ins Detail. Jetzt haben er und sein Team am „Freiham Folly“ mitgearbeitet.
von Roswitha Priller

Am Computer kann man den neuen künstlerischen Mittelpunkt von München-Freiham schon anschauen. Foto/Animation: Folly Freiham
Am Computer kann man den neuen künstlerischen Mittelpunkt von München-Freiham schon anschauen. Foto/Animation: Folly Freiham

Train.„So, jetzt ist auch an der Zwiebel das letzte Blech montiert“, sagt Spenglermeister Gerhard Zeitler junior (31) an diesem verregneten Samstagvormittag. Das erste Kunstprojekt des jungen Handwerkers, der vor fünf Jahren als einer der jüngsten seiner Zunft mit dem bayerischen Staatspreis ausgezeichnet wurde, ist damit abgeschlossen – zumindest in seiner Werkstatt in Train. Es handelt es sich um einen über zwanzig Meter hohen Turm mit zwiebelförmiger Kuppel, der im neuen Münchner Stadtteil Freiham aufgestellt werden soll.

Gerhard Zeitler jun. mit einem Verkleidungsblech  Foto: Priller
Gerhard Zeitler jun. mit einem Verkleidungsblech Foto: Priller

„Freiham Folly“ ist der Name für den bald weithin sichtbaren Turm im Münchner Westen. Unter sieben Entwürfen wurde der Vorschlag des Künstlerduos Heike Mutter und Ulrich Genth von der städtischen Kunstkommission Quivivid ausgewählt.

Am Computer kann man den neuen künstlerischen Mittelpunkt von München-Freiham schon anschauen. Foto/Animation: Folly Freiham
Am Computer kann man den neuen künstlerischen Mittelpunkt von München-Freiham schon anschauen. Foto/Animation: Folly Freiham

Ein Zierbau ohne Zweckbindung

Der Turm dient rein der Zierde, er erfüllt keinen Nutzen. Daher sein Name: „Folly“ steht in der englischen Gartenkunst für einen ungewöhnlichen Zierbau mit einer extravaganten Ausführung. „Als ich Anfang des Jahres die erste Anfrage für die Verblechungsarbeiten bekam, hat das mein Interesse sofort geweckt“, sagt Gerhard Zeitler. Von Beginn an war ihm klar: Da stecken viel Planungsaufwand und Detailarbeit drin.

Nach genauen Plänen wurden die Turm-Teile bearbeitet. Foto: Priller
Nach genauen Plänen wurden die Turm-Teile bearbeitet. Foto: Priller

„Wenn ich all mein Wissen einsetzen muss, sind das genau die Herausforderungen, die ich gerne annehme“, sagt der Handwerksmeister begeistert, der in seiner Jugend auch mal deutscher Judomeister war. Gerhard Zeitler sen. weiß ein solches Projekt bei seinem Sohn in den besten Händen.

•Hans Stark (li.) und Franz Prebeck (re.) hatten  Gerhard Zeitler vor fünf Jahren als Jahrgangsbesten mit dem „Meisterpreis der bayerischen Staatsregierung“ ausgezeichnet. Foto: Zeitler
•Hans Stark (li.) und Franz Prebeck (re.) hatten Gerhard Zeitler vor fünf Jahren als Jahrgangsbesten mit dem „Meisterpreis der bayerischen Staatsregierung“ ausgezeichnet. Foto: Zeitler

Der „Freiham Folly“ ist ein filigraner Turm, der mit verschiedenfarbigen Kupferplatten eingekleidet ist. Seine Spitze bildet eine Kuppel, die in ihrer Form an bayerische Zwiebeltürme erinnert. Der Turm-Schaft mutet eher wie ein Minarett an. Die künstlerische Idee versinnbildliche „eine zeitgemäße Analogie zur kulturellen Vielfalt der Anwohnerschaft“ lobte die Jury.

Doch wie kamen die Künstler, die in Hamburg und Berlin ansässig sind, ausgerechnet auf den niederbayerischen Spenglerbetrieb aus Train? „Wir verarbeiten pro Jahr große Mengen an Kupferblech, oft für besondere Aufträge im Denkmalschutz. Uns hat das Unternehmen Aurubis empfohlen – der weltweit größte Kupfer-Recycler mit Sitz in Hamburg“, antwortet Zeitler.

Unter den Denkmalschutzobjekten, die der Spenglerbetrieb restauriert, sind meist zwei bis drei Kirchtürme pro Jahr. Dieses Know-how, das bei den Zeitlers schon seit vier Generation weitergegeben und fortgeführt wird, war gefragt bei der Ausführung des besonderen Turms mit seiner schönen Spitze.

Die zwiebelförmige, sechs Meter hohe Spitze bildet quasi das bayerische Element des Kunstwerks. Für die Ausführungen waren viele Berechnungen und passgenaues Arbeiten nötig. Foto: Priller
Die zwiebelförmige, sechs Meter hohe Spitze bildet quasi das bayerische Element des Kunstwerks. Für die Ausführungen waren viele Berechnungen und passgenaues Arbeiten nötig. Foto: Priller

„Kupfer ist genau das richtige Material, um die Vielfalt unterschiedlicher Herkunft auszudrücken“, sagt Zeitler. Die farbliche Ausbildung der Patina – das ist die Alterung des Kupferblechs – ist ausschließlich von Umwelteinflüssen abhängig, „Die Bleche, die wir verarbeitet haben, sind unterschiedlich vorbehandelt“: Vom glänzenden Kupferrot über Türkis bis zum stumpfen Dunkelgrau sind typische Ausprägungen der Patina dabei.

An die 800 Einzelbauteile hat Zeitler mit seiner Belegschaft für die Einkleidung des Kunstwerkes montiert. „Jetzt sieht alles richtig bunt aus. In 50 bis 100 Jahren wird sich die Patina der Bleche angeglichen haben“, nimmt Zeitler Bezug auf die Idee des Künstlerduos Mutter und Genth: Dem Blech soll es gehen wie den Menschen, die mit ganz unterschiedlicher Herkunft den neuen Stadtteil bevölkern werden.

Die Künstler haben die Ausführung der Einkleidung des „Freiham Folly“ in technischer Hinsicht komplett Zeitler überlassen. „Die Zusammenarbeit war sehr angenehm. Sie hatten ausschließlich optische Ansprüche.“

Turm am Spieß

Um den 14 Meter langen Schaft des Turms mit Kupferschindeln verkleiden zu können, hatte der Stahlbauer Roland Dasch aus Mainburg die passende Idee. „Dasch hat mir die Stahlröhre, die den Grundkörper des Turms bildet, auf Lagerböcken aufgehängt, wie einen Händl-Spieß“, erklärt Zeitler. So konnte die Röhre rotierend auf einer sehr angenehmen Arbeitshöhe eingekleidet werden.

Die 14 Meter lange Stahlröhre war drehbar auf Lagerböcken aufgehängt. So konnte sie nach den Bauplänen mit verschiedenfarbigen Kupferelementen verkleidet werden. Foto: Priller
Die 14 Meter lange Stahlröhre war drehbar auf Lagerböcken aufgehängt. So konnte sie nach den Bauplänen mit verschiedenfarbigen Kupferelementen verkleidet werden. Foto: Priller

Für die Anordnung von Schindeln, Gesimsen und Farben arbeitet das Spenglerteam mit Bauplänen. „Das ist wie ein großes Puzzle.“ Die Schindeln werden an die Holzverlattung genietet oder gefalzt. Damit der Turm im Lot bleibt und es keinen unnötigen Überstand gibt, sind die Bleche passgenau mit der CNC-Stanze auf Form gebracht worden. Je nach Teil wurde noch geschnitten, gekantet, verschweißt oder gebogen.

Die Bleche wurden genau in Form gebracht. Foto: Priller
Die Bleche wurden genau in Form gebracht. Foto: Priller

„Hier ist alte Handwerkskunst mit modernster Bearbeitungstechnik kombiniert.“ Was dem jungen Geschäftsführer des Spenglerbetriebs besonders an dem Projekt gefallen hat, war die Zusammenarbeit der gesamten 16-köpfigen Belegschaft. Von Gerhard Zeitler sen. bis zum Lehrling haben alle mit Begeisterung an dem Kunstprojekt mitgearbeitet. „Wir haben ein Team, das mit Leidenschaft dabei ist. Ohne die Hilfe der Mitarbeiter ist die schönste Idee nichts wert.“ loben beide Zeitlers ihre Belegschaft.

 „Alle sind mit Begeisterung dabei“, sagt Georg Zeitler über sein Team. Im Bild falzen seine Mitarbeiter Braunstorfer und Haslbeck Schindeln an den Schaft. Foto: Priller
„Alle sind mit Begeisterung dabei“, sagt Georg Zeitler über sein Team. Im Bild falzen seine Mitarbeiter Braunstorfer und Haslbeck Schindeln an den Schaft. Foto: Priller

Heute werden Spitze und Turm verladen und am Dienstag in Freiham aufgestellt. Nach letzten Verkleidungsarbeiten am Sockel erfolgt am Donnerstag die Abnahme durch die Künstler.

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