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Verkehr

Landkreis Kelheim läutet Zukunft ein

In Kelheim und Abensberg gehen die beiden autonomen Busse an den Start. Es herrschen volksfestähnliche Zustände.
von Benjamin Neumaier, Ingo Knott und Lucia Pirkl

Zahlreiche Zaungäste warten in Kelheim auf den Start des autonomen Busses. Foto: Stefan Hanke
Zahlreiche Zaungäste warten in Kelheim auf den Start des autonomen Busses. Foto: Stefan Hanke

Kelheim.Es herrschte Volksfeststimmung am Ludwigsplatz in Kelheim und am Stadtplatz in Abensberg. Jeweils mehrere Hundert Menschen genossen die Sonnenstrahlen, tanzten zur Musik der GongFM-Band oder Luis Trinkers und genossen das laut Landrat Martin Neumeyer „erste autonome Freibier Deutschlands“. Vor allem aber warteten die Zuschauer darauf, dass der Star des Tages enthüllt wurde.

Der hat vier Räder, wirkt auf den ersten Blick ähnlich hoch wie breit und kutschiert künftig jedermann mit 18 km/h durch die Kreisstadt oder Abensberg: der autonom fahrende Bus. „Wir freuen uns, dass wir bei der Mobilität der Zukunft mitmachen können, auch wenn das autonome Fahren freilich auch Geld kostet“, sagte Landrat Martin Neumeyer vor der Enthüllung in Kelheim und schickte einen großen Dank an seine Landratsamtsmitarbeiter, die das Projekt ausarbeiteten.

Landkreis als Nabel der Mobilität

Kelheims Bürgermeister Horst Hartmann ist klar, dass neue Projekte oft auch Kritiker hätten, „aber die Zukunft kommt nicht von allein, man braucht auch ein bisschen Mut. Das hier ist ein großer Tag für Kelheim“, sagte er, von hier aus könne man sich technisch weiter entwickeln. MdL Klaus Holetschek vom Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr schloss sich an: „Kelheim und Abensberg sind heute der Nabel der Mobilität. Wir brauchen neue Formen von Verkehr. Der Freistaat finanziert hier massiv mit.“

Landrat Martin Neumeyer (M.) und MdL Klaus Holetschek (r.) vor der Inbetriebnahme des Busses in Abensberg  Foto: Stefan Hanke
Landrat Martin Neumeyer (M.) und MdL Klaus Holetschek (r.) vor der Inbetriebnahme des Busses in Abensberg Foto: Stefan Hanke

Von den etwa 1,06 Millionen Euro Kosten für die beiden autonomen Busse übernimmt der Freistaat rund 880 000 Euro. Die Betriebskosten für das auf fünf Jahre angelegte Pilotprojekt belaufen sich auf rund 350 000 Euro für die kompletten fünf Jahre. Die Finanzierung erfolgt beinahe vollumfänglich über Zuschüsse der Städte Abensberg und Kelheim, des Landkreises Kelheim und des Freistaats Bayern sowie privater Investoren.

Die zwei autonomen Busse decken im Landkreis künftig drei Teststrecken ab. Die eine Strecke verläuft durch die Kelheimer Innenstadt. Sie führt vom Donautor zum Kirchplatz, Altmühltor, Ludwigsplatz, wieder zum Donautor und weiter zum Mittertor und wieder zum Ludwigsplatz. Hier verkehrt der Bus bis Ende April. Ab Mai bespielt er die zweite Route vom Kloster Weltenburg zum zugehörigen Großparkplatz.

Das sagt Mobilitätsexperte Andreas Knie

  • Lückenschluss:

    „Alles, was Pioniere möglich machen, ist gut und wichtig“, sagt Mobilitätsexperte Andreas Knie, der am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung zu innovativen Verkehrskonzepten forscht, zum autonomem Busverkehr. „Es gibt von ganz wenigen Anbietern erste einsatzfähige Fahrzeuge, die ihre Gehversuche unternommen haben.“ Diese stimmten sehr optimistisch. „Sie sind in der Lage, da hineinzufahren, wo klassische Busse nicht hinkommen.“ Aktuell ist immer ein Operator mit an Bord (so auch in Kelheim und Abensberg ), der eingreifen kann. Völlig autonom sei Zukunftsmusik.

  • Individueller:

    Statt eines Linienbetriebs befürwortet Mobilitätsforscher Andreas Knie aber sogenannte On-Demand-Lösungen, wie sie etwa in Schleswig-Holstein getestet werden – also Fahrzeuge, die Fahrgäste nach Bedarf und individuellen Wünschen anfordern können. „Die Idee, dass ich zu einer Haltestelle muss und auch an einer Haltestelle rausgelassen werde, war eine gute Idee vor dem Auto“, sagt der Forscher. „Heute aber eigentlich nicht mehr – weil wir es ja auch anders kennen. Um die Nutzung des privaten Autos eindämmen zu können, braucht es andere Lösungen.“

Eine andere Strecke durch Kelheim wurde während der Planungsphase fallen gelassen. Sie hätte vom Wöhrdplatz über die Brücke zum Einkaufszentrum geführt. Die dritte Strecke geht durch Abensberg – zwischen Bahnhof, Kuchlbauerturm und Innenstadt. Ab 2021 wird dann auch die Gillamooswiese angefahren. Letzteres nahm Abensbergs Bürgermeister Dr. Uwe Brandl bei der Veranstaltung in der Babonenstadt zum Anlass, sich an MdL Florian Oßner zu wenden: „Lieber Ossi, wenn wir die Strecke zur Gillamooswiese anpacken, müssen wir über die Geschwindigkeit reden.“ Die beträgt momentan maximal 18 km/h.

Holetschek: „Konzepte in der Schublade nützen nichts“

Brandl sieht den Anschluss der Gillamooswiese nur gegeben, „wenn der Bus 25 km/h fährt“. Trotz kritischer Töne wünschte der Bürgermeister „viel Glück und Mut, die richtigen Entscheidungen zu treffen“. Die stellte indes Holetschek in Aussicht: „Wir haben uns getraut und sollten uns auch in Zukunft etwas trauen. Konzepte in der Schublade nützen nichts.“

So fahren die autonomen Busse:

Video: Pieknik/Baumgarten

Als die Enthüllung der weißen Busse in Abensberg und Kelheim näher rückte, drückten auch die zahlreichen Schaulustigen enger an die Busse heran. Der Startschuss musste aber noch etwas warten: In der Kreisstadt segnete Stadtpfarrer Reinhard Röhrner das Gefährt und wünschte, dass der Bus die Menschen zueinander führen solle. In Abensberg übernahmen diesen Part die evangelische Pfarrerin Barbara Dietrich und der katholische Kaplan Thomas Fischer und wünschten für die fünf Jahre dauernde Testphase „allzeit unfallfreie Fahrt“.

Eine zähe Jungfernfahrt

Angst um die Sicherheit muss man wohl nicht haben – das zeigte die Demonstration in Kelheim. Als der Bus, voll beladen mit einer ersten Politikerrunde losfuhr, blieb er alle paar Meter automatisch stehen -– es waren einfach zu viele Schaulustige um ihn herum, die ein Foto machen wollten und über die Sensoren des Busses als Hindernis gemeldet wurden. So dauerten die ersten 20 Meter der Jungfernfahrt auch knappe fünf Minuten. Für die Sicherheit und derartige Situationen ist ein Operator an Bord. Der greift ein, wenn es wirklich mal brenzlig würde.

Technologie

So fährt sich Kelheims autonomer Bus

Der neue, kostenlose Altstadtbus fährt von allein - theoretisch. Doch Erwartbares wie Überraschendes steht ihm ständig im Weg

Es lief zumindest weitaus besser, als bei der Vorstellung eines autonomen Busses in Las Vegas 2017: Der kollidierte zwei Stunden nach seiner Inbetriebnahme mit einem Lastwagen. Allerdings unverschuldet. Es blieb der einzige Unfall – und nach einer Testphase rollen dort nun sogar selbstfahrende Taxis über den weltbekannten Strip.

Getestet wird auch im Landkreis Kelheim: Die Teststrecken, so der Leiter der ÖPNV-Stabsstelle, Stefan Grüttner, erfüllen unterschiedliche Herausforderungen. Bei der Weltenburger Route gilt es als „technische Herausforderung“, dass auf einer Straße ohne abgetrennten Bürgersteig ein hoher Anteil an Fußgängern unterwegs ist. Ähnlich sieht es in der Kelheimer Altstadt aus, die zusätzlich von motorisiertem Individualverkehr geprägt ist. Die Abensberger Strecke ist ebenfalls durch einen hohen Anteil an motorisiertem Individualverkehr, aber auch durch verwinkelte Straßen bestimmt.

Die Betriebszeiten

Die Busse verfügen über sechs Sitzplätze und einen Rollstuhlplatz, sind barrierefrei und mit einer ausfahrbaren Rampe ausgestattet. Der autonome Bus verkehrt in Kelheim in der Innenstadt von Donnerstag bis Montag, 10 Uhr bis 17 Uhr. Ab 1. Mai bis 30. September wird dieser Bus auf der Strecke in Weltenburg eingesetzt.

Die Strecke in Abensberg führt vom Stadtplatz bis zum Bahnhof und Kuchlbauerturm und verkehrt jeweils von Mittwoch bis Sonntag, 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr.

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